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WIEN / Scala: DER SELBSTMÖRDER

07.12.2012 | Theater

WIEN / Scala:
DER SELBSTMÖRDER von Nikolai Erdman
Premiere: 29. November 2012,
besucht wurde die Aufführung am 6. Dezember 2012 

Es ist immer wieder bemerkenswert, wie man in der Scala in der Schatzkammer gestriger Dramatik genauer und oft interessanter auf der Suche (und fündig) ist als in großen Häusern. Diesmal hat man „Der Selbstmörder“ von Nikolai Erdman aus dem Jahre 1928 ausgegraben, ein Stück, von dem man auf Anhieb versteht, dass seine Uraufführung in der Stalin-Ära verboten wurde.

Erdman, 1900-1970, der zehn Jahre lang in einem sibirischen Lager verschwand, war überhaupt ein Opfer des Diktators und des Sowjetkommunismus, der einen Autor auf den satirischen Spuren Gogols, der seine Gegenwart mit abgründigem Witz durchleuchtete, absolut nicht brauchen konnte. Erdman durfte erst ein Jahr vor seinem Tod erleben, dass der „Selbstmörder“ in Schweden uraufgeführt wurde – und dann einen allerdings kurzen Siegeszug durch Europa antrat (im Burgtheater wurde das Stück 1970 mit Heinz Reincke erfolgreich gespielt). Eine nachhaltige Entdeckung von Erdmans Werk steht noch aus.

Es ist zwar ein sehr „russisches“ Stück sowohl im Milieu, in der Sozialstruktur, den Charakteren, in der spezifischen Komik, aber der Ausgangspunkt ist für uns schreiend aktuell: Da ist ein Mann, der seit längerer Zeit arbeitslos ist, sich von seiner Frau erhalten lassen muss und auf jede Andeutung dieser Art, auch wenn sie nicht böse gemeint ist, geradezu aggressiv reagiert. Er ist ja schließlich nicht schuld daran – er würde ja Basstuba spielen lernen und die Familie erhalten… bis man ihm das Rieseninstrument herbeischleppt und sich schnell herausstellt, dass das auch keine Lösung ist.

Aber das ist nicht die einzige groteske Wendung, die das Schicksal von Semjon Semjonowitsch Podsekalnikow nimmt. Erst seine Frau, die überzeugt ist, ihr verzweifelter Gatte wolle Selbstmord begehen, bringt ihn überhaupt auf die Idee. Neugierige Nachbarn verbreiten das Gerücht, und dass einer sich umbringen will, fasziniert eine Mitwelt, die dies auch für eine Lösung aus der hoffnungslosen Welt hielte, in der sie alle leben. Aber sich umzubringen, dazu können sich ja doch nur die wenigsten entschließen…

Noch eine Wendung, die uns vertraut vorkommt: Die Instrumentalisierung dieses Selbstmordes (den Podsekalnikow ja nicht wirklich ernst meint) durch alle, die sich etwas davon versprechen: Er könne sich doch, meint der erste Aspirant auf die Tat, aus Protest gegen die hoffnungslose Situation der russischen Intelligenzija umbringen – man muss einer solchen Selbstötung schließlich eine „Widmung“ geben. Auch eine junge Dame wäre an der Meldung interessiert, er habe ich ihretwegen umgebracht. Vom Künstler über den Fleischhauer bis zum Popen finden sich weitere Interessenten. Und Erdman peitscht die schwankhaften Elemente immer höher…

Aber das ist es nicht allein, was an dem „Selbstmörder“ fasziniert. Darüber hinaus lässt der Dichter seinen unglückseligen Helden durchaus darüber nachdenken, was er da vor hat, wie es sein kann, dass man eben noch da ist und in der nächsten Sekunde nach einem Pistolenschuss nicht mehr… und seine leidenschaftliche Philippika für das Leben, das ja besonders kostbar wird, wenn man es verlieren soll, berührt tatsächlich zutiefst.

Es ist allerdings auch eine nicht alltägliche Meisterleistung, die Georg Kusztrich in dieser Rolle liefert, einer, der anfangs wütend und verzagt ist, nach und nach fast vergnügt begreift, was der Selbstmord ihm einbringen kann – und dann zur panischen Erkenntnis kommt, dass er tatsächlich sein Leben verlieren soll. Er amüsiert, er macht nachdenklich, er geht unter die Haut.

Um ihn herum lässt Regisseur Bruno Max im eigenen geschickt gestalteten Raum, der die nötige Schäbigkeit eines kommunistischen Ambiente der Stalin-Ära atmet, die Satire so possenhaft tanzen, wie sie es verdient, und man weiß, wie präzise diese Turbulenzen gearbeitet werden müssen. Ein großes Ensemble (um den Hauptdarsteller tanzen ein Dutzend Personen von Gattin und Schwiegermutter bis zum linientreuen kommunistischen Briefträger, lüsternen Damen und Opportunisten aller Art) blättert die skurrilsten Typen auf.

Das ist ein aus vielen Gründen sehenswerter Abend.

Renate Wagner

Weitere Termine: 7., 8., 11. bis 15., 18. bis 20. Dezember 2012 jeweils um 19:45.

 

 

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