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WIEN / Scala: DER RÄCHER

29.11.2014 | Theater

Scala Der Rächer

WIEN / Scala: 
DER RÄCHER von Cyril Tourneur
Premiere: 29. November 2014 

Sicherlich ist es William Shakespeare, der in allem der Größte war, der auch ein paar der schaurigsten Beiträge zu dem lieferte, was man „Theater der Grausamkeit“ nennen kann (man denke nur an „Titus Andronicus“). Aber er hat das Morden und Wüten auch zu hoher Kunst veredelt, wo seine Zeitgenossen es möglicherweise nur zur Unterhaltung eines verdammt abgebrühten Publikums so grausig zugehen ließen.

Von einem seiner Zeitgenossen, Cyril Tourneur (geboren etwa 1575, gestorben 1626), ist vor allem sein Stück „Der Rächer“ bekannt geworden und geblieben, gelegentlich (wie auch Einzelnes der anderen Dramatiker der Epoche, Marlowe, Jonson, Webster, Kydd, Middleton – der übrigens am „Rächer“ mitgearbeitet haben soll) hervorgeholt als Marginale der Theatergeschichte. Bestenfalls eine unterhaltende, wie Claus Peymann schon 1972 in Hamburg wusste und wie jetzt, in bescheidenerem Rahmen, Bruno Max in seinem Theater Scala zeigt.

Zu Beginn des „Rächers“, der sich in der prallen, deftigen, lustvoll ordinären Sprache des Übersetzers H. C. Artmann auf uns zuwälzt, unterhält sich der Held, der den passenden Namen „Vindice“ trägt, mit einem Totenkopf. Das ist nicht „Poor Yorrick“, sondern seine vom Herzog ermordete Verlobte. Schon ein Grund, sich auf Rache zuzuspitzen. Zum Schlussbild liegen sieben Leichen auf der Bühne (inklusive dem Titelhelden), und da sind alle, die im Lauf des Geschehens gemetzelt oder hingerichtet wurden (plus Kopf im Kübel auf der Bühne) nicht mitgezählt. An sich aber muss einem um gar keinen, der da sein Leben ausröchelt (na, der Bruder des Helden war nicht unsympathisch) leid tun.

Denn es ist eine schreckliche italienische Renaissancewelt, die Bruno Max (beim vorzüglichen Bühnenbild, das Burg und Schauergrotte atmosphärisch vereint, hat Marcus Ganser geholfen) da mit Verve, Humor, aber doch auch bedrohlich entfesselt: Der alte Herzog (Franz Robert Ceeh), ein gewissenloser Mörder, kann zum Fall gebracht werden, weil er noch immer auf junge Mädchen steht (und dann in blinder Gier die mit Gift bestrichenen Lippen des Totenkopfs küsst…). Die Herzogin (Selina Ströbele, in dieser Rolle skurril, als Schwester des Rächers albern) treibt es mit dem Bastard des Gatten (Christian Kainradl). Der älteste Sohn (Florian Lebek) ist ein lüsterner, brutaler Intrigant und Killer, die beiden Söhne der Herzogin (Randolf Destaller, Christina Kiesler) ergehen sich in zynischer Zügellosigkeit (was wenigstens einem von ihnen coram publico den Kopf kostet).

Wenn unser Rächer in Gestalt des temperamentvollen und seinerseits höchst gewalttätigen (nur noch handwerklich als Sprecher und Darsteller nicht ganz ausgereiften) Florian Graf hier loslegt, unterstützt von seinem, wie gesagt, ganz sympathischen Bruder (Roman Binder), dann trifft es keine Falschen. Und auch die Herrschaften der Nebenrollen (vor allem Hans Steunzer als hüftenwackelnder Höfling, Michael Reiter und Christoph Prückner) können reüssieren. Das Blut spritzt, und wenn man sich vornimmt, „heute Abend einmal nicht sensibel zu sein“, greift auch der Unterhaltungsfaktor.

Was bringt’s? Immerhin nimmt man die Erkenntnis mit, dass Theater einmal so war. Und dass wir heute weniger brutal wären, kann wirklich niemand behaupten – auch wenn es sich im allgemeinen auf die Kinoleinwand verlegt hat. Und weniger amüsant gedacht ist als dieses „Gelächter des Grauens“, das im Programmheft so lustvoll zitiert wird.

Renate Wagner

Weitere Termine: 02.-06., 09.-13. und 16.-20. Dezember 2014 , jeweils um 19:45

 

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