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WIEN / Scala: DER PREISPOKAL

02.06.2018 | KRITIKEN, Theater


Fotos: bettina_frenzel  

WIEN / Scala:
DER PREISPOKAL von Sean O‘Casey
Premiere: 2. Juni 2018

Die Iren, ja, die Iren. Genial. Verrückt. Gar nicht so leicht zu verstehen und zu rezipieren, wenn man sie nicht gut kennt. Tatsächlich hat man (mit einer Ausnahme, das Volkstheater in den Bezirken 2012) in Wien seit Beginn der Neunziger Jahre – also gut ein Vierteljahrhundert – beispielsweise kein Stück von Sean O’Casey mehr gespielt. Aber man weiß es ja: Die Scala springt ein. Die Direktion und die Dramaturgie des Hauses wissen, dass Theater nicht nur aus den allerneuesten, schräg spekulierten Stücken besteht. Sondern dass es eine Phalanx von (teils vergessener) Weltliteratur gibt. Die Iren gehören dazu.

Die Iren sind nie gemütlich, und Sean O’Casey (1880-1964) am allerwenigsten. Den „Preispokal“ schrieb er 1927, ein Rückblick auf den Ersten Weltkrieg als Vernichtungsmaschinerie, solcherart hat die Aufführung der Scala sogar „Zeitbezug“ – vor hundert Jahren ging dieser Krieg zu Ende. Und denkt man zurück, welche Flut von Krüppeln und zerstörten Existenzen nach dem Vietnam-Krieg in die USA zurück gespült wurden, ist die Betrachtungsweise des Stücks keinesfalls eine reine historische.

Wenn sie nichts anderes im Kopf haben müssten, als ihren Fußballverein F. C. Avondales zun Sieg zu führen! Und, hurra, Harry Heegan schoß während seines Fronturlaubs das Siegestor, bringt inmitten grölender Freunde den Preispokal heim, trinkt daraus als Sieger mit seiner schönen Freundin Jessie an seiner Seite… Dass es in diesem Arbeitervorort von Dublin im übrigen wild zugeht – so sind sie halt, die Iren, die dann immer auch in Gesang ausbrechen. Teddy Forlan prügelt seine Frau, die heilfroh ist, wenn er wieder an die Front verschwindet, Suzie Monahan beschwört Gottes Strafe auf die Häupter aller, Sylvester und Simon kommentieren das Geschehen trocken geradezu in Form einer Doppelconference. Turbulent, witzig, aber gar nicht harmlos – typisch O’Casey.

Aber als komödiantischer Rundumschlag ist das nicht gedacht – im 2. Akt sind jene, die Ende des 1. Aktes zurück in den Krieg ziehen mussten, wieder da. Harry Heegan im Rollstuhl, von der Hüfte abwärts gelähmt. Teddy Forlan blind. Nur Freund Barney hat es mit milden Blessuren zurück geschafft. Und weil Durchschnittsfrauen manchmal nicht heldenhaft sind, lässt Jessie ganz schnell den Krüppel fallen und wendet sich dem Unbeschädigten zu. Und auch Suzie Monahan hat gelernt, ohne Gott auszukommen – sie nimmt den lockeren Spitalsarzt stattdessen. Vom Krankenzimmer zur Party, als man 1919 einläutet: Die einen, die Glück gehabt haben, leben gewissermaßen achselzuckend weiter. Die anderen – sorry, Pech gehabt.

Das sind zwei knappe, gnadenlose Stunden, die man da in der Scala vorgesetzt bekommt, und sie gehen unter die Haut. Bruno Max inszeniert in fast realistischen Räumen und mit starken Zwischenakt-Videos (Sam Madwar) eine Geschichte, die immer bitterer wird. Die kippt Jakob Oberschlick als Harry Heegan vom lautstarken Fußballtriumph in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Lebens ohne Zukunft. Da blicken Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit wohl ausgewogen zwischen groteskem Humor und einigem Sarkasmus auf die Welt, in der sie leben.

Da blättern alle anderen ihre Schicksale auf: Regís Mainka prügelt seine Frau, die sich (Teresa Renner) wiederum rächt, als sie dem Blinden gegenüber die Stärkere ist; Suzie (Carina Thesak) predigt einem enervierend die Ohren voll, bis sie es sich (eine ganz drollige Wandlung) überlegt und zeigt, dass sie es nicht so ernst meint mit ihren christlichen Grundsätzen (Wasser predigen, Wein trinken…). Da betrügt Jessie (so nett und blond, dass man echt von ihr enttäuscht ist: Jasmin Reif) ihren Harry und nimmt sich Barney (Valentin Franstits, ein an sich anständiger Kerl in der Zwickmühle). Leopold Selinger ist ein geschniegelter Arzt, Ivana Stojkovic eine Nonne, die mit falsch-salbungsvollen Tönen den Zuschauer unterschwellig daran erinnert, was man mittlerweile alles über den irischen Katholizismus gehört hat… Eine krude Mischung. Ein starkes Stück. Viel Applaus.

Renate Wagner

 

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