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WIEN / Scala: DER BESUCH DER ALTEN DAME

15.01.2012 | Theater

WIEN / Scala:
DER BESUCH DER ALTEN DAME von Friedrich Dürrenmatt
Premiere: 14. Jänner 2012 

Friedrich Dürrenmatt erfand 1956 eine kleine Provinzstadt namens Güllen – und dieses Güllen ist die Welt, soweit diese von Geld regiert wird. Also immer und überall. Da der trickreiche Schweizer Meisterdramatiker diese Geschichte um eine Rache mit ein paar faszinierenden Theaterfiguren versehen hat, ist „Der Besuch der alten Dame“ über ein halbes Jahrhundert lang Dauergast zumindest auf den deutschsprachigen Bühnen geblieben. Mit dem Effekt, dass man die Dame fast zu gut kennt und Gefahr läuft, ihrer ein wenig müde zu werden. Theaterleute müssen sich also immer etwas Neues dazu einfallen zu lassen, um die vorhersehbare Entwicklung, wie der Kapitalismus den (ohnedies nur vorgetäuschten) Humanismus frisst, immer wieder zu Bühnenleben zu erwecken.

In der Scala gelingt dies Regisseur Marcus Ganser recht gut, wenngleich er mit den Tücken eines sehr kleinen Raums für ein doch größer konzipiertes Stück mit vielen Schauplätzen zu kämpfen hat. Was ihm Eva Gumpenberger gebaut hat, ist zwar nicht sehr attraktiv, aber brauchbar. Alexandra Fitzinger zeichnete sich vor allem mit den Kostümen für die Titelheldin aus. Und Ganser ist nicht in die Falle gegangen, aus Dürrenmatts glatter Parabel eine realistische Dorf-Tragikomödie zu machen. Er knallt das Gleichnis hin, als wäre es von Brecht – sogar weitgehend mit dessen Mitteln. Das überzeugt über weite Strecken, gelegentlich allerdings nicht: Der Schlusssong, in dem die Erhaltung des Wohlstands bejubelt wird, war sichtlich nicht genügend geprobt – mit etwas mehr Exaktheit von Seiten aller Beteiligten wäre da weit mehr finale Wirkung zu erzielen.

Güllen also als schäbiger Gleichnisort (wenngleich die Verschönerung durch die Verschuldung, die sich im Lauf der Handlung ergibt, hier szenisch nicht geboten werden kann). Die Darsteller – zahlreiche von ihnen in vielen Rollen – erscheinen nicht nur als meist parodistisch stilisierte Figuren, sondern auch als Gleichnisträger (sie spielen schon einmal einen Wald, abgesehen davon, dass sie auch die ein- und abfahrenden Eisenbahnzüge verkörpern). Das funktioniert, wenn es sich auch ziemlich schnell totläuft und dann im zweiten Teil durchhängt.

Was aber den ganzen Abend über nie an Faszination verliert, sind die beiden Hauptdarsteller. Es hat viele grandiose alte Damen gegeben, die meisten waren starre, coole Monster, die Mischung aus Grande Dame und Nemesis persönlich. Babett Arens ist anders. Die Schweizerin, die einst in Emmy Werners Volkstheater eine hoch geschätzte Leading Lady war, ist für diese „Traumrolle“ an die Scala gekommen. Sie hat optisch etwas durchaus Groteskes, wenn sie auf zwei Stöcken daherkommt, ein ganz präzises Klappern wie eine Kennmelodie mitbringend. Und dann ist sie – ganz „normal“. Unforciert. Verlangt das Leben des Mannes, der ihr Leben zerstört hat, mit aller Gelassenheit. Höhnt nicht, sondern lächelt immerfort, weil sie genau weiß, dass sie mit ihrem Geld in der Tasche nicht verlieren kann. Die Abschiedsszene mit dem einst Geliebten ist fast schön, von einer täuschenden Innigkeit – bis sie ganz gelassen aufsteht und ohne weitere Bewegung geht, um ihn seinem letalen Schicksal zu überlassen. Diese Lady mordet leise – und dabei eindrucksvoller als manche berühmte Vorgängerin.

Und auch der Ill des Florentin Groll ist eine ganz besondere Besetzung – ein sehr stiller Mann, dem das Schicksal den wilden jungen Liebhaber abgeräumt hat. Er begreift am schnellsten, was los ist und wohin es führt, wenn man für ihn das Kopfgeld einer Milliarde ausgesetzt hat. Eine Milliarde – Dürrenmatt nennt keine Währung, muss er auch nicht, eine Milliarde ist eine Milliarde, selbst in Schillingen wäre es noch viel gewesen. Das bemerkenswerte an seiner Leistung ist, wie der Ill von Florentin Groll sein Schicksal trägt und sich keinerlei Illusionen über seine Mitmenschen hingibt. Mit so viel Erkenntnis, mit so viel Resignation, mit so viel Würde.

Gut besetzt sind viele kleine Rollen, darunter Clemens Aap Lindenberg, der als Lehrer versucht, die Menschlichkeit aufrecht zu erhalten und doch so schäbig umkippt, Leopold Selinger, der als Bürgermeister die typische Politiker-Attitüde zeigt. Wie gesagt, der Abend hat seine Konzentrationsschwächen, er könnte kürzer und prägnanter sein, aber seine beiden Hauptdarsteller machen ihn sehenswert.

Renate Wagner 

 Bis 4. Februar 2012, jeweils Dienstag bis Samstag um 19,45 Uhr

 

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