Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Scala: DAS LEBEN DER BOHÈME

12.03.2015 | KRITIKEN, Theater

Boheme jpg
Copyright: Bettina Frenzel

WIEN / Scala: 
DAS LEBEN DER BOHÈME nach Aki Kaurismäki
Premiere:  12. März 2015  

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Film des 1957 geborenen, vielfach preisgekrönten Finnen Aki Kaurismäki auf Theaterbretter gestellt wurde. Es ist auch nicht das erste Mal, dass dies mit „Das Leben der Bohème“, 1992 von ihm verfilmt, geschieht – im Vestibül des Burgtheaters sah man es 2008. Die Bühnenfassungen sehen stets ein wenig anders aus, und im allgemeinen fragt man sich auch, ob das Crossover von Film / Bühne Sinn macht. Aber die Aufführung in der Scala überzeugt.

Natürlich, weil der Film überzeugte: Kaurismäki hat „Scènes de la vie de bohème“ von Henri Murger verfilmt, bekannt als Vorlage von Puccinis „La Bohème“. Tatsache ist, dass die „Szenen“ von 1851 nicht den Hauch jener Romantik haben, die die Oper so verschwenderisch bedient, und dass die Armut dort alles andere als publikumsfreundlich ist. Kaurismäki verfilmte es schwarzweiß, in der Scala findet es in der Regie von Ellen Schmitty in dem Container-Bühnenbild von Marcus Ganser (und in den Fetzen von Alexandra Fitzinger) in lapidaren 80 Minuten stark statt, weit mehr Elend als sparsam eingesetzte Komik. Außenseiter, immer buchstäblich am Rande des Abgrunds – und oft am Verhungern.

Der Maler Rodolfo (Philipp Stix) ist hier ein Albaner, illegal in Paris, der Dichter Marcel (Dirk Warme) immer auf der Flucht, Alexandre Schaunard, der Komponist (Markus Hamele) hat auch nichts beizusteuern. Besonders kostbar im sparsamen Gefüge des Abends ist Ronny Hein, nicht nur in mannigfaltigen Verkleidungen in vielen (oft komischen) Nebenrollen, sondern auch als Erzähler und Musiker (Musikuntermaler) tätig.

Großäugig und am Ende überzeugend krank ist Selina Ströbele die Mimi, spitz und pointiert Claudia Waldherr die Musette, und in einer Szene gehen die beiden in die Oper und hören „La Bohème“. Da singt, wie der Opernkenner unschwer feststellt, Pavarotti – und weiß, wie schön die Oper etwas macht, das in der Wirklichkeit und in dieser Umsetzung nur tragisch, elend und aussichtslos ist: Auch (oder weil) wenn die drei Freunde jegliches Geld, das sie zufällig in die Hand bekommen, gleich verjubeln…

Es ist absolut kein angenehmer Theaterabend. Aber das Gefühl der Echtheit spricht als unleugbare Qualität für ihn.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken