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WIEN / Ronacher: Tang Jianpings DIE TAGEBÜCHER VON JOHN RABE

Halbwegs moderne chinesische Oper sucht Anschluss

10.07.2019 | KRITIKEN, Oper

Ensemblefoto (Chorszene). Foto: VBW / Jiangsu Centre for the Performing Arts

WIEN / Ronacher: DIE TAGEBÜCHER VON JOHN RABE von Tang Jianping
9. Juli 2019 (österreichische Erstaufführung)

Von Manfred A. Schmid

Auf einer Tournee durch Europa stellt das ostchinesische Opern- und Tanztheater von Jiangsu – nach Stationen in Berlin und Hamburg – die Oper des angesehenen Komponisten Tang Jianping nun auch in Wien vor. Das Werk behandelt ein traumatisches Ereignis aus China jüngerer Vergangenheit: die als „Massaker von Nanking“ in die Geschichte eingegangene Eroberung der ostchinesischen Stadt Nanking (Nanjing) im Dezember 1937 durch Japan, bei der es zu erschreckenden Gräueltaten der Invasoren gekommen ist. Im Mittelpunkt der Oper steht der deutsche Kaufmann John Rabe, der an der Spitze eines Teams von beherzten Mitstreitern eine „Internationale Sicherheitszone“ zur Rettung der Zivilbevölkerung einrichtet und so das Überleben tausender Bedrängter sichern kann. Bis heute gilt er ob seines mutigen Einsatzes für die Menschlichkeit als eine Art „chinesischer Oskar Schindler“. Von besonderem Wert erwiesen sich seine erst 1996 veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen, die – zusammen mit den Filmaufnahmen des amerikanischen Pastors John Magee – die brutalen Übergriffe der Besatzer dokumentierten. Der Stoff wurde inzwischen auch verfilmt. Der Film John Rabe, mit Ulrich Tukur in der Titelrolle, wurde 2009 im Rahmen der Berliner Filmfestwochen präsentiert.

Mit viel Aufwand und sichtlichem Stolz – an der groß aufgezogenen Tourneeproduktion arbeiten neben chinesischen Künstlern und Ensembles auch renommierte internationale Kräfte mit – präsentiert das moderne China dieses Werk in Europa. Die Tagebücher des John Rabe ist eine Hommage an die Mitglieder des humanistisch engagierten Komitees rund um die titelgebende Figur, zugleich aber auch eine schonungslose Abrechnung mit dem japanischen Schreckensregime. Nicht zuletzt will man mit dieser ambitionierten musikdramatischen Aufarbeitung aber wohl auch den Beweis dafür liefern, dass das Land nach der verheerenden, von Mao ausgerufenen „Kulturrevolution“ 1966 bis 1977, die die geistige Entwicklung Chinas um Jahre zurückgeworfen hat, nun den Anschluss an die damals als dekadent verpönte westliche Kultur gefunden haben will. Und in der Tat: In der Partitur gibt es starke Bezüge auf Johann Sebastian Bachs „Passacaglia (und Fuge) in c Moll“, die sich – so der Komponist Tang Jianping im aufwendig gestalteten Programmheft – „wie ein tragischer Faden des Schicksals“ durch das Werk zieht. Aber auch das wohlbekannte „dies irae“-Thema taucht als Leitmotiv immer wieder auf. Ansonsten erinnert die sehr tonal und zahm daherkommende Musiksprache an Puccini und Korngold, mit einem Schuss Musical und Filmmusik à la Hollywood der 50er Jahre. Ein erster, von den chinesischen Kulturbehörden offenbar gutgeheißener Schritt ist also getan: Man ist in diesem musikalischen Annäherungs- und Aufholprozess immerhin bei der spätromantischen Musiksprache des frühen 20. Jahrhunderts angekommen. Verwundert registriert man freilich, dass in dem Werk auf die musikalischen Tradition Chinas verweisende Elemente nicht einmal in Spuren vorhanden sind. Da schreibt ein chinesischer Komponist der Gegenwart, zumindest im vorliegenden Werk, in einer ausschließlich „westlich“ – wenn auch ziemlich nach Vorgestern – klingenden Tonsprache. Kann sein, dass sich Jianping vor Vergleichen mit Exotismen wie in Puccinis Turandot oder Lehárs Land des Lächelns fürchtete. Aber da wäre wohl mehr möglich gewesen, wenn man etwa an die „russisch“ gefärbten Opern Tschaikowskys oder Mussorgskys denkt, oder an den Komponisten Aram Khatschaturian, dem es gelungen ist, in seine Werke armenisch-georgische und kaukasische Melodik und Rhythmik einfließen zu lassen. Von der Bereicherung der Opernmusik durch die Hereinnahme des afroamerikanischen Jazz bei Gershwin ganz zu schweigen. So bleibt es – überspitzt ausgedrückt – bei einer epigonalen Allerweltsmusik ohne eigenständiges Profil. Weltmusik hört sich gewiss anders an. Dennoch: Die Musik ist gut eingesetzt und vermag zu berühren. Der Komponist Tang Jianping versteht etwas von packendem Musikdrama. 

Das gilt auch für die Librettistin Zhou Ke. Die in der zweiaktigen Oper dargestellten Ereignisse während der 170 Tage des Nanjing-Massakers von Ende 1937 bis Anfang 1938, als John Rabe und seine Mitstreiter Minnie Vautrin, John Magee zum Verlassen der Stadt gezwungen werden, finden sich in wirkungsvollen Szenen (Bühnenbild: Wang Jing) eingefangen. Zuweilen – wie in der Episode im Internationalen Mädchengymnasium, wo die japanischen Soldaten ausgerechnet am Heiligem Abend, nachdem die Schülerinnen „Stille Nacht, heilige Nacht“ gesungen haben, eindringen und sie in ihre Kaserne abschleppen – geht es auf der Bühne etwas zu kolportagehaft zu. Die Geschichte der Grausamkeiten und des Widerstands dagegen wird aber plausibel erzählt und verfehlt – in der Regie von Ma Zhou – ihre Wirkung nicht.

Die Gesangsleistungen – allen voran Xue Haoyin als entschlossener, besonnener und durchsetzungsstarker Titelheld – sind außerordentlich. Xu Xiaoying, Sopran, setzt sich vehement für das Wohl der ihr anvertrauten Mädchen ein, muss aber schließlich der brutalen Gewalt weichen. Ihre Klage ob des Versagens ist ergreifend, ihre Verzweiflung geht unter die Haut. Der Bassist Haojiang ist – dem Gemüt nach – der Ruhepol in der Gruppe, aber auch er geht seinem Auftrag konsequent und unbeirrt nach. Die Solisten und Solistinnen in den Nebenrollen wissen ebefalls zu überzeugen. Stellvertretend genannt seien Tom Mulder als Dr. Robert Wilson und Zhang Dongliang als japanischer General. Starke Auftritte absolviert der Chor unter der Leitung von Sun Shuyan. Als musikalischer Leiter der Aufführung sorgt der Dirigent Xu Zhong am Pult des aus dem Symphony Orchestra der Jiangsu Performing Arts Group und dem Suzuhou Symphony Orchestra bestehenden Klangkörpers für die effektvolle Umsetzung der Partitur. Als Bühnenmusiker prägend in Erscheinung tritt der Violinist Xu Yang. Der satte, melancholisch-rhapsodische Klang seiner von Bach bis Sarasate inspirierten Passagen unterstreicht den Kampf der Guten gegen die Bösen, der leider nur Teilerfolge aufzuweisen hat. Das Aufflackern der Menschlichkeit in einer Hölle der Grausamkeit.

Der beträchtliche Beifall im recht gut besuchten Ronacher zeigt, dass das Publikum vom Gebotenen durchaus angetan war. In den letzten Tagen wurde von den Vereinigten Bühnen Wien in einer im Internet stark beworbenen 1 & 1 Aktion der Ticketverkauf und damit der Besuch offenbar mit Erfolg gesteigert. Heute Abend gibt es noch einmal die Gelegenheit, dieses Werk kennenzulernen. Es lohnt sich durchaus.

Manfred A. Schmid (Online Merker)
9.7.2019

 

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