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WIEN / Ronacher: NATÜRLICH BLOND

22.02.2013 | Oper

  

WIEN / Ronacher: 
NATÜRLICH BLOND von Laurence O’Keefe & Nell Benjamin (Musik & Texte) und Heather Hach (Buch)Premiere: 21. Februar 2013  

Man braucht wirklich gute Nerven, um als europäischer Normalmensch mit einigen Geschmacksansprüchen „Natürlich blond“ durchzuhalten – man sieht sich ja auch keine kreischenden Teenie-Filme an. Warum lässt man dergleichen drei Stunden lang auf der Bühne über sich ergehen? Weil die Vereinigten Bühnen Wien wieder ein neues Musical bieten und man wissen möchte, was es damit auf sich hat. Selbst schuld?

Denn man kennt ja den zugrunde liegenden Film, „Natürlich blond“ aus dem Jahre 2001 mit der ach so naiven Reese Witherspoon. Man hätte ja folglich ahnen können, dass daraus nichts Ordentliches werden kann… Aber da sich der größte Blödsinn oft am besten verkauft, gab es für den Film noch zwei Fortsetzungen. Und 2007 kam das Musical am Broadway heraus.

Der Film und der zugrunde liegende Roman von Amanda Brown wurden von Heather Hach in ein Libretto gequält und von Laurence O’Keefe & Nell Benjamin  vertextet und vertont. Und aus einem einzigen Grund, nämlich dass es heutzutage Theatermacher gibt, die sich so glänzend auf das Musicalmachen verstehen, wurde das offenbar auch ein Erfolg. Glücklicherweise – Gott bewahre mich vor die Sachen, die noch a Glück sind, sagt die Tante Jolesch! – haben die Vereinigten Bühnen auch die Aufführung mitgekauft. Da kann man im Ronacher wenigstens zusehen, wie viel Können auf Mist aufgewendet werden kann. Damit man sich die drei Stunden hindurch nicht allzu quälend langweilt – denn Theaterschlaf ist bei solcher Lautstärke nicht möglich.

Worum geht’s? Elle Woods ist ein Blondchen, ein dummes Blondchen, von neun gleichartigen (Achtung: immer kreischenden!) Freundinnen umringt. Jeder sagt ihr, wie schön sie ist, aber als sie von ihrem Freund den Heiratsantrag erwartet, sagt er ihr cool, ein Mann, der wie er nach Harvard geht und dann die große Karriere erwartet, muss schon eher eine Jackie Kennedy (und nicht eine Marilyn Monroe) heiraten. O je.

Was tut Blondchen? Ja, erraten: Sie geht auch nach Harvard. Und fällt dort nicht auf die Nase, was die einzige logische Konsequenz wäre (falls man sie in permanentem Rosa dort überhaupt über die Rasenfläche gehen lassen würde), sondern wird eine begabte Anwältin – sie gewinnt den Prozess für eine fälschlich Angeklagte, sie gibt dem hochmütigen Uniprofessor und Kanzleichef eine auf die Nase, als er sie angrapschen will, und findet auch noch den Richtigen.

Mehr noch! Am Ende verkündet sie die Moral, man müsse sich selbst unbedingt treu sein, wirft das anwaltliche blaue Schneiderkostüm weg – und erscheint wieder in Rosa! Also was jetzt? Ich bleibe blond und blöd in Rosa oder ich werde eine gescheite, erfolgreiche, tolle Anwältin… beides wird ja kaum gehen.

Es ist schon die haarsträubende Dummheit der Geschichte – mit der ganzen Primitivität der Nebenfiguren – , die schrecklich nervt, aber das wird ja nun ununterbrochen zu total mediokrer Musik von billigem Schlager-Zuschnitt geschrieen. Nicht eine Sekunde lang schielt „Natürlich blond“ (mit dem unfassbaren Untertitel „Ein helles Köpfchen hat immer Style!“) in jene Liga hinüber, die dem Genre „Musical“ doch einen Platz im modernen Unterhaltungs-Musiktheater einräumt. Es ist schlimm.

Gut hingegen ist, was Regisseur Jerry Mitchell an Scheußlichkeit auf die Bühne stellt. Das läuft einfach fugenlos, Bewegungschoreographie und Szene fließen geradezu vorbei. Da kann man wieder einmal sehen, wie man ein Bühnenbild in Bewegung hält, so blitzschnell verwandelt, dass man oft gar nicht mitkriegt, wie da schon wieder ein Element aus dem Boden gewachsen ist, wie Wände sich zusammen geschoben haben, wie Dinge vom Schnürboden geschwebt sind, um ununterbrochen neue Schauplätze zu schaffen (Bühnenbild David Rockwell). Ebenso betrachte man, wie eine Kostümorgie der Geschmacklosigkeit, schaurige Muster und grelle Pastellfarben (auch das gibt es), genau das trifft, was hier erzählt werden will (Kostüme Gregg Barnes). Und der Regisseur sorgt als Choreograph auch dafür, dass sich alle bei jeder Gelegenheit sinnlos die Seele aus dem Leib tanzen. Auch wenn man von den Interpreten an sich nur mäßig begeistert ist – was sie leisten, ist so schweißtreibend, dass man nicht umhin kommt, es zu bemerken. Ist das nun gut oder schlecht?

  
Fotos: DI. Dr. Andreas Haunold

Keine Frage, dass Barbara Obermeier als Blondine Elle Woods alles kann, was sie soll – losdröhnen, die Beine schwingen, sprechen und spielen, wenn sie das denn muss. Aber sie bietet mehr Können an als eine wirkliche Hauptrollenpersönlichkeit, da leuchtet nichts, da entzückt nichts, für das Genre der Blondine ist sie einfach nicht leicht und herzig genug. Eher die Hardcore-Version, wenn man so will.

Für einen Liebhaber, auch wenn er schüchtern ist und erst langsam zu seinem gefestigten Auftreten findet, bringt Jörg Neubauer nicht viel mehr mit, als sympathisch zu sein, wenn er in einer Nebenrolle verendete, fiele er überhaupt nicht auf.

Alexander Goebel in der Rolle des hochmütigen Professors, der stolz auf seinen Ruf als Ekel ist, kann man schwer übersehen – aber dass er weit mehr zu bieten hätte, als ihm hier abverlangt wird, ist auch klar. Alle anderen können, was sie sollen, aber wenn Elle ihren Chihuahua kurz an die Brust drückt und die Friseurin mit Männerproblemen (Ana Milva Gomes) eine kleine Bulldogge ausführt, bekommen diese weit mehr Beachtung als die Menschen – das ist eben so, wenn man Tiere auf die Bühne lässt.

Ach ja, und dann gab es noch eine Szene vor Gericht, die so heikel war, dass man seinen Augen kaum traute – wurde da ein Zeuge dafür desavouiert, homosexuell zu sein? „Schwul oder ein Franzose“ (!!!), rätselte man herum (wie lustig) – und kriegte gerade noch die Kurve durch ein Outing und eine dann heftig beklatschte große schwule Umarmung. Ist ja gerade noch gut gegangen. Mein Gott, was den Leuten so alles einfällt. (Dass ich es nicht vergesse: Aus Paritätsgründen muss natürlich auch eine Lesbe im Geschehen mit dabei sein.)

Das Publikum wusste, was man von ihm erwartete, und es legte schon mit Geschrei und Pfeifen los, als die ersten Töne – Ken Schoots am Pult – laut wurden. Sehr laut. Unerträglich laut. Entsprechend der Beifall, wozu man sich gar nicht mehr äußern will. Sollte mich jemand fragen, wie ich den Abend fand, so fällt mir ohnedies nur ein Wort ein: laut.

Renate Wagner

 

 

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