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WIEN / Renaissancetheater: DAS DSCHUNGELBUCH

15.02.2013 | Theater

 

WIEN / Theater der Jugend im Renaissancetheater: 
DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling
in der Bearbeitung von Stuart Paterson
Premiere: 14. Februar 2013 

Es gilt als „Kinder-Klassiker“, ist aber doch um einiges mehr: „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling, Ende des 19. Jahrhunderts in dessen Jahren als Kolonialbeamter in Indien entstanden, sensible und doch griffige Geschichten um Mensch und Natur. Obwohl das Theater der Jugend das „Dschungelbuch“ (in einer äußerst geschickten Dramatisierung von Stuart Paterson) für ein kleines Publikum ab sechs Jahren programmiert hat, gelingt es Regisseur Henry Mason in einer bemerkenswerten Inszenierung, die Geschichte weder kindlich noch kindisch, weder billig noch albern auf die Bühne zu stellen, sondern mit größter Selbstverständlichkeit.

Jede Disney’sche Lieblichkeit, die sich im Kino an sprechende Tiere knüpft, fehlt, dafür wird die Mensch-Tier-Fabel zur klassischen Erzählung über eine „Entwicklung“ und über Erkenntnis des eigenen Ichs und Selbst. Und wenn das vielleicht über ein paar kleine Köpfe im Zuschauerraum noch hinausgeht – als Geschichte funktioniert es perfekt, wie ein angespannt interessiertes kleines Publikum im Renaissancetheater zeigte. Die meisten von ihnen werden sich wahrscheinlich noch in Jahren daran erinnern, dass sie dem berühmten „Dschungelbuch“ schon einmal begegnet sind…

Bestechend die Logistik der Produktion – fünf schräge Ebenen, die mit minimalen Details und Lichteffekte in die jeweiligen Schauplätze zu verwandeln sind (Michaela Mandel): Es wirkt so selbstverständlich, aber man muss es herstellen und dann nahtlos bespielen können, wobei Mason bis auf ein paar Szenen, in denen Beziehungen gesponnen werden (man kann nicht sagen: „menschliche“, denn es geht ja um Mensch und Tier, aber natürlich sind sie „menschlich“), stets für Tempo sorgt, wenn es um die drei Affen geht, dann auch für Affentempo und entsprechende Lautstärke: Das sind die Rüpel des Geschehens, wie man sie auch im Leben kennt, die nutzlosen, ärgerlichen, aber nichtsdestoweniger nicht loszukriegenden Störenfriede…

Genau so hat jede andere Figur ihre „übergeordnete“ Funktion im Geschehen, wobei Mowgli, das Menschenkind, das von den Wölfen aufgenommen wird, der reine Tor schlechthin ist, dem man beim Lernen zusieht. Und jedem Menschenkind sind Lehrer gewünscht, wie sie der herzensgute Bär (der dennoch darauf besteht, dass exakt gelernt wird, was nötig ist) und der coole Panther darstellen. Die Wölfe, so gefährlich sie nach außen auch sein mögen, bilden die schützende „Familie“, deren Wert man gar nicht hoch genug ansetzen kann.

Und da sind die anderen – die wirklich gefährlichen Todfeinde wie der Tiger, der überwunden (= getötet) werden muss, die Gefahr geringeren Ausmaßes in Gestalt des Schakals, und jenes Element, das lebensgefährlich ist, wenn man mit ihm keinen Bund eingeht: die Pythonschlange…

Es ist wirklich wunderhübsch, wie diese Tiere in Kostüm und Maske (Anna Katharina Jaritz) ohne Übertreibung und doch unverkennbar charakterisiert werden, ganz abgesehen davon, dass jeder Schauspieler ihnen äußeres Profil und gewissermaßen Seele und Wesen gibt.

Und ganz richtig setzt das Stück im zweiten Teil auch um, dass unter den Menschen nur die Frauen die Sympathie von Autor Kipling genossen haben, die Männer in ihrer Verbohrtheit hingegen nicht… Und so ist jeder im Zuschauerraum froh, wenn Mowgli – nun Sieger über den Tiger und Befreier der Pythonschlange – wieder zu seinen wahren Freunden in den Dschungel zurückkehrt… Denn auch diese Erfahrung muss man machen: Man kann im Leben wählen, wohin und wozu man gehören möchte.

In der auf Präzision, exakte Pointen und liebevoll charakterisierende Details ausgerichteten Inszenierung gibt es unter den Darstellern (alle außer der Hauptfigur sind in vielen Rollen unterwegs, aber jeweils in einer „wichtigen“) keinen schwachen Punkt: Benjamin Levent Krause, der in der ersten Szene Mowgli als Babypuppe gewissermaßen als Puppenspieler „führt“, bevor er sich in den Jungen verwandelt, ist präsent, liebenswert, ambivalent in seinem Gefühlsleben, ideal für die Figur. Ein zärtlicher Bär (Frank Engelhardt) und ein eleganter Panther (Christian Graf) sind mit den Wölfen (Rafael Schuchter und Claudia Kottal) bei den „Guten“ daheim, während Daniel Jeroma einen wirklich bedrohlichen Tiger und Uwe Achilles einen wahrlich tollwütigen Schakal abgeben.

Rührend, wenn vor der Vorstellung nachgesehen wird, ob jene Zuschauer in der 1. Reihe fußfrei, denen die Pythonschlange ankündigen wird, sie zu fressen, sich auch nicht fürchten werden… Da es sich in diesem Fall um einen ausgewachsenen Herren handelte und Iréna Flury in glitzerndem Grün nicht nur gefährlich, sondern auch ungemein sexy wirkte, war bei der Premiere alles in Butter.

Wie an dem ganzen Nachmittag, den das Theater der Jugend unter seine besonders gelungenen Produktionen reihen darf.

Renate Wagner   

 

 

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