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WIEN/ „Porgy & Bess“: „MAHAGONNY – EIN SONGSPIEL“

29.06.2021 | Oper in Österreich

Wien: „Mahagonny ein Songspiel“

Spannender Kurt Weill-Abend im Wiener Porgy & Bess – Theater

Besuchte Vorstellung am 28.Juni 2021

Wien besitzt neben seinen grossen und kleinen Theatern mit dem Porgy & Bess auch ein  politisch mitdenkendes Musiktheater, dass immer wieder durch seinen interessanten Spielplan neues Publikum anlockt und überzeugt.

Dieser packend inszenierte Abend macht neugierig auf bisher leider kaum aufgeführte Opern und Musicals von Kurt Weill und die ausverkauften zwei Vorstellungen im Porgy & Bess sprechen für sich.

Bruno Berger-Gorski setzt im Wiener Szene-Jazz-Club die Kammeroper „Mahagonny ein Songspiel“ von Kurt Weill als politisches Statement in Szene, eigentlich eine Anti-Oper, die als erste Zusammenarbeit von Weill und Brecht 1927 als Vorstufe zur grossen Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ gesehen werden muss.

Mit einer hervorragenden Besetzung bewiesen Berger-Gorski und seine Dirigentin Anna Sushon ihre guten Kontakte zur Wiener Staatsoper, denn mit dem Engagement von Zoryana Kushpler als „Bessie“ in der Kammeroper und als Lied- Interpretin des Songs „My Ship“ aus dem Musical „Lady in the Dark“ im zweiten Teil des Abends war eine alles überstrahlende wunderbare Mezzo-Stimme im Ensemble der jungen aufstrebenden Wiener Nachwuchs-Sänger gelungen.

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Ethel Merhaut, Zoryana Kushpler. Foto: Musiktheater Wien

Zoryana Kushpler spielte neben der bildschönen Ethel Mehrhaut, die ebenfalls bereits überregional als Lied-Interpretin bekannt ist, eine eiskalt berechnende Kupplerin, die sogar bereit ist, für ihren Traum des schnellen Geldes in Amerika zu tanzen und ihren Körper zur Schau zu stellen.

Das junge Ensemble glänzte auch mit dem hervorragend disponierten und höhensicheren  Tenor Franz Gürtelschmied als „Charlie“ und dem Bariton Wolfgang Resch als spielfreudigen „Billy“. Besonders der junge, serbische Bass-Bariton Ognijen Milivojsa  als „Jimmy“ fesselt in seiner genialen Interpretation als manipulierender Diktator und lässt stimmlich aufhorchen. Dieser junge Bass-Bariton hat grosse Zukunftschancen.

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Franz Gürtelschmied und Zoryana Kushpler. Foto: Musiktheater Wien

Ein Clou war auch das Engagement des israelischen Bariton  Shlomi Moto Wagner als „Bobby“, der sowohl als marschierender willenlos folgender Nazi in Frauenkleidung in der interessanten szenischen Neu-Deutung von „Mahagonny“ überzeugte als auch mit seiner Arie „le Grand Lustucru“ aus dem unbekannten Musical „Marie Galante“ alle Herzen des vollbesetzen Porgy & Bess gewann.

Der Dirigentin Anna Sushon gelang souverän die schwierige Aufgabe in der trockenen Akustik des Theatersaales mit dem elfköpfigen Orchester die Sänger auf der Bühne nicht zu überdecken und die schwierige Partitur des jungen Weill gekonnt durch wechselnde Tempi zwischen Rasant und feinfühlende Piani zu balancieren.

Das Orchester setzte sich größtenteils aus Musikern des bekannten TU-Orchesters zusammen und überzeugte genau wie die Film-Bearbeitungen mit Bezügen zur aktuellen Flüchtlingsproblematik und Umweltkatastrophen (Valentin Killer) die diskutierenden Weill-Fans, denn hier wurde Weill und Brecht aktueller denn je gezeigt. Die Aufführung ist eine Co-operation mit Exilarte, dem Wiener Zentrum für verfolgte Musik und dem Jewish Festival Krakau.

Die interessanteste Szene ist dem Regisseur und seinem Team mit der Neu-Deutung des als „Diktator“ und „Priester“ dämonisch agierenden Ognijen Milivojsa gelungen, in dessen Szene alle Solisten schrittweise zu begeisterten Mitläufern und Mit-Marschierenden werden. Ein Grausen und Erinnern wurde wach.

Das Bühnenbild ( Anna Kreinecker) zitierte durch den Boxring die Szene der Ur-Aufführung in Baden-Baden in der Inszenierung von Brecht und die zwei ausserhalb und auf der Bühne agierenden Tänzer stellten in provozierend abstrakten Aktionen das sinnlose Zwangs-Verhalten der Konsumbürger in Frage.

Im zweiten Teil des Abends wurden Arien aus viel zu selten gespielten Opern /Musical`s von Kurt Weill vorgestellt bzw die Arie „Captain, my Captain“ aus den Four Walt Whitman Songs, die Franz Gürtelschmied mit sicher geführter Tenorstimme berührend interpretierte.

Ethel Merhaut zeigte wieder einmal ihr grosses Können im Einsatz für die „enarteten“ Komponisten mit der Arie „Caesar`s Tod“ aus dem „Silbersee“ und als Überraschung erlebten die begeisterten Zuschauer die junge Mezzo-Sopranistin Victoria Hotjanov mit ihrer packenden Interpretation von „Und was bekam des Soldaten Weib“ aus „Schweyk im zweiten Weltkrieg“ neben der unglaublichen Bühnen- Erscheinung von Gail Gilmore, die ebenfalls als Gast mit dem berühmten „September-Song“ als letztes Lied den verdienten Applaus für eine gelungene Weill-Premiere einleitete.

Das „Musiktheater Wien“ wird mit dieser überzeugenden Neu-Produktion von „Mahagonny ein Songspiel“ am 4.Juli , dem letzten Tag des jüdischen Festival`s in Krakau gastieren.

Der Wiener Opern-Verein „Musiktheater Wien“ mit seinem umtriebigen künstlerischen Leiter und Regisseur Bruno Berger-Gorski machte schon mit interessanten Ur-Aufführungen wie einer Kammeroper über Georg Takl und einem Musiktheater-Werk von Josef Tal über Else Lasker Schüler mit Julia Gschnitzer und der israelischen Sopranistin Einat Aronstein in Salzburg, Krakau und Tel Aviv auf sich aufmerksam. Berger-Gorski inszeniert gerne an alternativen Spielstätten wie dem Museum der Moderne in Salzburg , in Synagogen oder jetzt in dem bekannten Wiener Jazz-Club, der früher ein Varietee-Theater war.

Berger-Gorski produzierte und inszenierte mit dem „Musiktheater Wien“ die israelische und ungarische Erst-Aufführung von „Der Goldene Drache“ von Eötvös im Geshter-Theater in Tel Aviv ,in Miskolc und 2020 während Corona-Krise als Film zwei Kammeropern über Holocaust-Überlebende Roma-Künstler von zeitgenössischen Roma-Komponisten aus Wien. 

Wien kann nach diesem interessanten und intensiv einstudierten Abend gespannt sein auf die Neu-produktion von Weill`s „Lady in the Dark“ an der Volksoper.

Petra Ferber, Bonn

 

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