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WIEN / Oper am Platz: LUCIA DI LAMMERMOOR

24.06.2012 | Allgemein, Oper

 

WIEN / Staatsoper / Oper am Platz:
LUCIA DI LAMMERMOOR von Gaetano Donizetti
157. Aufführung in dieser Inszenierung
24. Juni 2012 

Über das Absage-Karussell von Frau Damrau sei geschwiegen, obwohl sich einiges dazu sagen ließe. Immerhin, sie hat gesungen – und wie! Das macht dann alles andere gegenstandslos. Ohne Einschränkung kann man sagen, dass Diana Damrau als Lucia di Lammermoor derzeit eine der Topbesetzungen der Welt ist; dass sie Andreas (? oder den Bruder) Lang nach dem zweiten Bild vor den Vorhang schickte, um anmerken zu lassen, dass sie nicht gänzlich gesund sei, war lächerlich. Wie, bitte, will sie besser singen als an diesem bemerkenswerten Abend, an dem sie für sich selbst eingesprungen ist und in Wien in dieser Rolle debutierte?

Man weiß, was dieses ultimative Virtuosenstück des Koloraturgesangs erfordert. Weit mehr als nur die Technik, die man besser nicht als Selbstzweck heraushängt, wenn man als Künstlerin ernst genommen werden will. Nun, Diana Damrau „has it all“ – die helle, klare Stimme, die nur in der Mittellage etwas dünkler wird, die volle Spannweite von getragenem Piano bis zur vollen Power (das ist keine gehauchte, sondern eine problemlos hochdramatische Lucia), die Technik, in allen Registern bruchlos zu agieren und lockeres Koloraturen-Geperle mit vollen Spitzentönen zu krönen (wenn einer abbricht, wirkt es wie ein gewollter Gestaltungseffekt). Sie „kann“ die Lucia mit all ihren Anforderungen, stellt aber dieses Können nicht aus: Tatsächlich ist vor allem die Wahnsinnszene eine großartig ausgefeilte Leistung – wenn sie etwa in ihrem „Duett“ mit der Flöte agiert, als sei dies eine Stimme aus ihrem Inneren, mit der sie sich fast kämpferisch auseinandersetzt…

Von der Schwangerschaft von Diana Damrau war viel die Rede, und sie scheint beweisen zu wollen, dass ihre Leistungen davon nicht beeinträchtig werden – sie gibt ihrer Lucia nicht nur enorme seelische Bewegtheit, sondern zusätzlich starke körperliche Beweglichkeit (auch schon vor der Wahnsinnsszene). Kurz, eine Leistung aus einem Guss, und dass sie von einer Frau im sechsten Monat erbracht wurde, ringt zusätzliche Bewunderung ab.

Dass die Sopranistin, wie es manchmal ja doch passiert, diesmal nicht allein gelassen wurde, sondern mit einem Partner auf Augenhöhe agieren konnte, machte dann zusätzlich das besondere Flair des umjubelten Abends aus: Tenor-Freaks geraten bei Piotr Beczala unweigerlich ins Schwärmen, aber auch bei nüchterner Einstellung dieser Stimmlage gegenüber muss man konzedieren, dass diese Mischung aus Stimmkraft, Timbre, Technik und dem gewissen „Etwas“ heute selten ist. Dass er immer ein bisschen seriös herumsteht und als Persönlichkeit nicht funkelt, weiß Beczala wohl selbst und versucht spürbar, sich auch in seinen Aktionen ein wenig Geschmeidigkeit anzugewöhnen. Jedenfalls ein nicht alltäglicher Edgardo für eine Ausnahme-Lucia.

Es muss für ein Opernhaus angenehm sein, wenn man einen Bariton im Haus hat, der die einschlägigen Rollen aus der zweiten Reihe (zur Erklärung: Posa oder Scarpia ist erste Reihe, Enrico zweite) so überzeugend, kraftvoll und präsent bieten kann wie Marco Caria, so dass man niemanden dafür einfliegen lassen muss. Den Raimondo hat man schon etwas schöner und nachdrücklicher gehört als von Sorin Coliban, dem da die volle Basses-Würde fehlt, Ho-yoon Chung (Arturo), Peter Jelosits (Normanno) und Juliette Mars (Alisa) sind Ensemble, an denen es – ebenso wie am Chor – nichts zu rütteln gibt.

Und wenn Dirigent Guillermo Garcia Calvo nicht gelegentlich so hetzt, dass die Ausglichenheit verloren geht, dann ist an diesem Abend, der mehr bietet als Repertoire-Durchschnitt, alles in Ordnung.

Erlebt wurde die Aufführung „am Platz“, der diesmal ehrlicher „ausverkauft“ war als sonst, weil ein Großteil des Publikums gekommen war, um diese Vorstellung in dieser Besetzung zu sehen, und auch blieb (die Laufkundschaft war geringer als sonst) – es war auch wirklich angenehm an diesem milden Sommerabend „draußen“. Ein kleines Stück Papiertaschentuch in die Ohren, und (wie schon bei anderer Gelegenheit geschildert) die metallische Schärfe des Tons ist weg. Kameraleute und „Regie“ haben sich diesmal auch mit Näher-Aufnahmen Mühe gemacht.

Das Wetter war herrlich – die Blitze begannen ein paar Minuten nach Ende der Vorstellung, der Regen kam etwa eine Viertelstunde danach. To whom it may concern – für die Rücksichtnahme sei gedankt.

Renate Wagner

 

 

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