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WIEN / Oper am Platz: LE NOZZE DI FIGARO

04.06.2012 | Oper

WIEN / Staatsoper / Oper am Platz: 
LE NOZZE DI FIGARO von W. A. Mozart
10. Aufführung in dieser Inszenierung
03. Juni 2012  

Endlich, gut eineinviertel Jahre nach der Premiere von „Le Nozze di Figaro“ in der Inszenierung von Jean-Louis Martinoty, war die angebotene Besetzung so interessant, dass ich beschloss, es wieder einmal zu versuchen – wobei es gar nicht schwer fiel, das, was da optisch als „Figaro“ geboten wurde, einfach auszublenden. Zumal ich erstmals in dieser Saison das Angebot der „Oper am Platz“ angenommen habe. Und nicht nur ich, sondern viele andere auch. So sehr, dass zahlreiche Leute auch regelrecht am Boden lagen, wo es noch zusätzliche Matten am Boden gab. Ungeachtet der Fluktuation durch das Laufkundschaft-Publikum war der Herbert-von-Karajan-Platz bis zum Ende so gut wie „ausverkauft“ – und das ist doch eine gute Meldung.

Auch wenn, das muss jetzt gesagt sein, die technische Qualität des Gebotenen nicht erstklassig ist. Es war viel zu laut (klar, um den Straßenverkehr zu übertönen) – so dass ich erst (man muss sich zu helfen wissen) mit zwei dicken Papiertaschentuch-Pfropfen in den Ohren dann jene Lautstärke und wohl auch jenen Klang genoss, der drinnen geherrscht haben dürfte. Wie das bei den Übertragungen hausintern mit Kamera und Schnitt gehandhabt wird, entzieht sich meiner Kenntnis – diesmal gab es fast nur Totale, von vorne oder ein wenig seitlich, niemand nahm sich die Mühe, den Sängern gelegentlich etwas näher zu kommen. Eine Schnitt-Dramaturgie war nicht vorhanden, und am schlimmsten stand es um die Lichtverhältnisse – die Szene war immer wieder schlechtweg zu dunkel, oft konnte man Details nur mit aller Mühe erkennen.

Aber Beggars are no choosers, wie man weiß, und es wäre grober Undank nicht anzuerkennen, dass es eine Leistung ist, von der Wiener Staatsoper kostenlos zu ihren Aufführungen eingeladen zu sein  – und wenn man rechtzeitig da ist, bekommt man auch noch einen Sessel unter den Allerwertesten. Viel mehr kann man nicht verlangen…

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Ein „Figaro“ mit sieben Rollendebuts, dazu noch ein Haus-Debut: Es ist ja nun wirklich ein Rätsel, dass ein Künstler mit der Reputation von Gerald Finley erst heute erstmals an der Wiener Staatsoper zu hören ist (in den Konzertsälen begegnete man ihm bisher ja glücklicherweise öfter). Die Stimme ist ein Edel-Bariton und wirklich besonders schön, und gelegentlich hat sie mich im Timbre an Eberhard Wächter erinnert. Finley spielte einen ganz „normalen“ Grafen – und so faszinierend etwa Keenlysides Studie eines Zwangsneurotikers bei den letzten Salzburger Festspielen war, und so spricht gar nichts dagegen, dass der Graf wirklich ein Herr und kein Idiot ist und er eigentlich nur von seinem grenzenlosen Hunger nach immer neuem Frauenfleisch umgetrieben wird (besonders ärgerlich, da immer über einen halben Buben wie Cherubino zu stolpern…). Das gestaltete Finley glaubhaft und nie peinlich, aber immer auch so komisch, wie die Figur gedacht ist, und es ist sehr schade, dass das vorläufig sein einziger Besuch an der Staatsoper bleibt.

Die neue Gräfin war Maija Kovalevska, und seltsamerweise war die hoch attraktive Lettin bei Mozart überzeugender als bei ihrem Tschaikowski-Einstand, weil sie ihre Stimme ganz locker und unforciert führte und dies gerade bei diesem Komponisten die besten Ergebnisse bringt. Sehr jugendlich und temperamentvoll (denkt man an viele Gräfinnen-Trauerweiden) war sie eine überzeugende Rolleninterpretin.

Neu für Wien auch die Susanna der Polin Aleksandra Kurzak mit hellem, leichtem, blitzsauberem Sopran, deren Quirligkeit im letzten Akt kulminierte, als sie mit ihrem Figaro in eine wütende Rauferei ausbricht, weil sie ihn verdächtigt, mit der Gräfin geflirtet haben. (Dass Gräfin und Figaro einander am Ende sehnsüchtige Blicke zuwerfen müssen, ist eine gänzlich in der Luft hängende „Regieidee“, weil nichts von der angeblichen gegenseitigen Anziehung im Lauf des Abends gespielt wird.)

Serena Malfi, die das Publikum ja schon mit der Nebenrolle des Annio in der „Titus“-Premiere erobert hat, ist ein ungemein sympathischer, pummeliger kleiner Cherubino mit hellem Mezzo und Begabung für Komik. Optisch wirkt sie ein wenig wie eine junge Cecilia Bartoli, aber die will man ihr nicht als Vorbild hinhängen, was wäre wohl noch zu hoch gegriffen.

Norbert Ernst sang seinen ersten Basilio in bester Intrigantenmanier, Hans Peter Kammerer wankte als alter Antonio herum (dass er durch das Orchester auftreten darf, gibt ein paar Lacher) und Valentina Nafornita war als Barbarina so präsent, wie man es nicht immer erlebt.

Von der Premiere übrig geblieben sind Benedikt Kobel als Don Curzio, Sorin Coliban als Bartolo und vor allem Luca Pisaroni als Figaro, der zwar mehr ein großer fescher Schlankl als ein Rebell ist, aber auf dem Feld der Liebe schönstimmig kämpft. „Interpretation“ in irgendeiner Hinsicht ist ja nicht angesagt – aber mein Gott, es geht ja auch so, wenn man keine übertriebenen Ansprüche stellt.

Unter der Leitung von Louis Langrée war nicht alles Wonne (am Ende wackelte sogar das finale Ensemble ein wenig), die höheren Mozart-Wonnen erlebte man nicht, aber eine beschwingte, großteils gut bis sehr gut besetzte Aufführung, die der Staatsoper nicht unwürdig war.

Renate Wagner  

 

 

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