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WIEN / Off Theater: WEIT.WAY.LAND

11.01.2012 | Theater

WIEN / Off Theater:
WEIT.WAY.LAND
frei nach A. SCHNITZLER und D. LYNCH
Eine Produktion des bernhard ensembles
Premiere: 3. November 2011,
besucht wurde die Vorstellung am 10. Jänner 2012

 

Schnitzlers „Weites Land“ zum Dritten in Wien. Nach Josefstadt undBurgtheaterhat sich nun das bernhard ensemble einiges zu dem Stück ausgedacht, und das ist eine sehr intelligente, sehr witzige und sehr satirische Auseinandersetzung geworden, wobei sich Hauptdarsteller Ernst Kurt Weigel, auch für Dramaturgie und Mit-Regie verantwortlich, den „Verschnitt“ mit dem David Lynch-Film „Lost Highway“ ausdachte, was zwar nicht a priori zwingend ist, aber hilft, die Geschichte in Details zu schärfen.  Dabei macht „Das weite Land“ mit seiner Thematik (vom originalen Dialog ist wenig geblieben) gut Dreiviertel des Geschehens aus – aber das weite Land der Seele von anno 1910 wird zum Zeitgeist-Highway von heute. „Dick Laurent ist tot!“ heißt es im Film per Telefon am Anfang und am Ende. „Otto von Aigner ist tot“ rahmt diesen Abend paraphrasierend ein.

Da sitzen sie also in einer Couch-Dekoration der fünfziger Jahre mit Holzhäuschen im Garten, Hofreiter, Gattin Genia und Dr. Mauer als Hausfreund und platter Lebensberater (wenn ein Ehepaar mit Problemen gemeinsam ein Biokisterl pflegt, muss doch einfach alles gut werden!). Zu Besuch kommen Mama Wahl und Tochter Erna, und die fünf Protagonisten übernehmen wenn nötig durchaus noch andere Rollen.

Wie wären diese Reichen heute? Nun, Hofreiter würde seine hierlands verbotenen Glühbirnen bis Libyen verkaufen – und ein paar alte Fabriken in die Wüste stellen zwecks Gewinnmaximierung. Dafür gibt man sich im Alltag streng korrekt – Öko, Wellness, Sport zur Stressminimierung, Bio (letzteres bis halb zum Verhungern). Das wacklige Sexleben wird – Leihgabe aus dem Lynch-Film – mit Porno-Videos unterstrichen. Ein von Midlife geschüttelter Hofreiter umkreist die Krise monologisch, während die Sprache der anderen (vor allem von Jung-Erna) mehr als rüde geworden ist. Ja, so sind’s, die Herrschaften, die die „gute Gesellschaft“ von heute bilden – man darf darüber lachen, aber man lacht zurecht, weil man erkennt, wie viel scharf und richtig Beobachtetes (vor allem bezüglich der Verlogenheiten – und der Schamlosigkeiten)  das Ensemble hier hineingepackt hat. Hier wurde Schnitzler um ein Jahrhundert in unsere Richtung katapultiert, und von der Eleganz einer Spätmonarchie-Gesellschaft ist nichts übrig geblieben… Gesellschaftliche und psychologische Parallelen hingegen sind evident.

Der Abend wurde übrigens, obwohl von Grischka Voss /Ernst Kurt Weigel (den Begründern des bernhard ensembles) inszeniert, dennoch im Kollektiv improvisiert erarbeitet. Man folgt zwar einer „Storyline“, agiert aber Abend für Abend nach wie vor per Improvisation, was die Arbeit für die Schauspieler nicht leichter macht. Zweieinhalb pausenlose Stunden, das ist für niemanden einfach und wird virtuos gehandhabt.

Alles dreht sich um einen hier ziemlich weinerlich gewordenen Hofreiter, der um Haltung und Akzeptanz ringt, aber von Schnitzlers strahlend selbstbewussten „Bösewicht“ zum ziemlich armen Hund geworden ist: Ernst Kurt Weigel macht das glänzend. Kristina Bangert darf in der Szene am Völser Weiher (wo die Zivilisationsgeplagten entzückt die Möglichkeit wahrnehmen, die Umwelt zuzumüllen – ist ja nur eine befreiende Freizeitbeschäftigung angesichts der Zwänge  zuhause!) zu einer frei erfundenen Zenzi mutieren, die ihre Natur mit absoluter Selbstverständlichkeit an den zahlenden Zeitgeist verkauft, und sie ist in dieser Rolle so trocken komisch, dass sie fast noch mehr Wirkung erzielt als mit ihrer Genia Hofreiter. Eva Reinold als grundgoscherte Erna, so ein richtiger Fetzen von heute, überzeugt nicht nur damit, sondern auch als exzellente Sängerin (so eine „Gigolo“-Nummer einzulegen, ist in diesem Zusammenhang durchaus legitim). Köstlich, wie Kajetan Dick einerseits den Dr. Mauer als Kümmerer spielt, andererseits in den Videosequenzen als Korsakow vor seinem Selbstmord, der hier zum Pornoproduzenten mutiert ist (auch eine Anleihe beim Film), komödiantisch herumtobt. Und Grischka Voss? Sie ist einerseits eine „Mama Wahl“, deren Vollmundigkeit durchaus auf heutigem Wortschatz beruht, andererseits hat sie  David Lynchs weißgesichtigen Mystery Man für sich in ein „Mystery Girl“ ganz in Grün umgewandelt, ein Geschöpf aus Sci-Fi-Kinowelten, das in eng anliegendem Body, der auch ihren Kopf voll umschließt, halb als Lurch und Urvieh, halb als das unlösbare Geheimnis selbst herumschleicht…

Das alles zeugt nicht nur von Können, sondern auch von intelligenter Überlegung. Der Zeitsprung über hundert Jahre wird mit Gewinn für das Ensemble und die Zuschauer vollzogen…

Renate Wagner

Noch am 13., 14., 17., 20., 21., 24, 27., 28. Jänner 2012,   19:30 Uhr
OFF THEATER, Kirchengasse 41, 1070 Wien

 

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