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WIEN / Off Theater: HARPER REGAN

18.01.2017 | KRITIKEN, Theater

Harper Reagan halb~1

WIEN / Produktion von KILLA (die Kultur/Nah/Versorger) im OFF Theater:
HARPER REGAN von Simon Stephens
Premiere: 17. Jänner 2017,
besucht wurde die Generalprobe

Simon Stephens, Engländer, 46 Jahre alt, beliefert die Bühnen seiner Heimat und darüber hinaus seit knapp zwei Jahrzehnten mit gewissermaßen lapidaren, radikalen Stücken, die sich, tief in britischen Tradition verankert, in semi-realistischer Form mit dem Hier und Heute auseinandersetzen. Bei uns hat schon – neben anderen Häusern – das Burgtheater zwei seiner Stücke herausgebracht, „Motortown“ (2008, inszeniert von Andrea Breth) und „Wastwater“ (2012, inszeniert von Stephan Kimmig). Erstaunlich, dass sich hierzulande noch niemand für sein Stück „Harper Regan“ interessiert hat (2008 in London uraufgeführt, wurde es bloß im gleichen Jahr als Hamburger Gastspiel bei den Salzburger Festspielen gezeigt). Immerhin gibt das nun einer Off-Gruppe die Möglichkeit, diesen sonst eher „teuer“ gehandelten Autor auf die Bühne zu bringen.

Harper Regan ist ein Frauenname, und man lernt die 41jährige ziemlich genau kennen: verschüchtert ihrem gnadenlosen  Chef im Büro gegenüber, in einer verunsicherten Ehe, in problematischer Beziehung zu ihrer 17jährigen Tochter, die die Mutter (wie das in diesem Alter so ist) vor allem peinlich findet, im Gespräch mit einem Halbwüchsigen, an dem sie seltsames Interesse zeigt. Bis dahin eine ganz normale Frau, untere Mittelklasse, ein trauriges Schicksal.

Der Autor gibt ihr nun die Möglichkeit auszubrechen – dass sie einfach losfährt, ihren sterbenden Vater zu besuchen (den sie nur noch tot findet), dass sie sich im Pub von einem Faschisten anquatschen lässt, dem sie dann ein Glas blutig über den Kopf zieht, dass sie sogar per Internet einen One-Night-Stand in der Fremde riskiert… das wirkt wie ein Befreiungsschlag.

Dennoch verliert das Stück im Laufe des Geschehens aus einem ganz einfachen Grund seine schlichte Glaubwürdigkeit (zumal in der großen Auseinandersetzung mit der Mutter): Denn indem Stephens sich nun nicht mehr damit begnügt, die Situationen aus sich selbst sprechen zu lassen, sondern seiner Heldin auf einmal jede Menge verquollener Selbstanalyse in den Mund legt, wird die Sache künstlich. Noch mehr, wenn eine Art Traumidylle am Ende ausbricht – Harper, ihr Mann, die Tochter am Frühstückstisch, der Ehemann träumt sich eine glückliche Zukunft, wie es sie nie geben wird… Wahrscheinlich hätte Stephens seinem Stück Besseres getan, hätte er es härter angepackt und am Ende wieder zum Anfang, zum unverständigen Chef zurückgeführt.

Als Produktion der Gruppe KILLA (die Kultur/Nah/Versorger), die sich in den Räumlichkeiten des Off Theaters in der Kirchengasse 41 eingemietet hat, konzentriert sich Regisseur Markus Emil Felkel ohne weiteren szenischen Aufwand auf die Konfrontation seiner Figuren (wobei er noch mehr Rollen auf einzelne Darsteller zusammen gezogen hat, als bei Stephens vorgesehen, und aus dem Chef eine Frau machte, was wegen der nun schwammigen sexuellen Prägung nicht ganz überzeugt).

Er kann sich dabei voll auf seine Hauptdarstellerin stützen: Pilar Aguilera macht eine wahre Wandlung durch, vom armen Hascherl zur Frau, die an ihren Ketten rüttelt und zu Erkenntnissen gelangt, die sie weiter bringen. Hemmungen und Lebenslügen werden abgeschüttelt, manchmal mit einem wahren Veitstanz: Pilar Aguilera bleibt bei der ganzen Achterbahnfahrt, die der  Autor ihr auferlegt hat, immer glaubwürdig.

Bemerkenswert, wie Rafael Schuchter vom Ehemann mit Dreck am Stecken zum brutal-faschistoiden Journalisten im Pub und dann zum glatten Sex-Freak wird, der seine online gefundenen Partnerinnen für eine Nacht routiniert und nicht einmal unsympathisch einwickelt: Das sind nicht drei verschiedene Masken, sondern drei verschiedene Menschen. Benjamin Plautz schließlich ist ein unsicherer 17jähriger, hier zum jungen Moslem gemacht, und der peinlich aufdringliche Schmarotzer-Gatte einer älteren Frau.

Diese Mutter-Figur, von Petra Strasser hervorragend in den Griff bekommen, ist auf ihre Art so typisch und von  Stephens so glänzend erfasst wie die Tochter (Stefanie Darnesa), wobei beide Darstellerinnen noch je eine zweite Rolle verkörpern.

Es ist ein kleines  Alltagsschicksal, das Simon Stephens da entwirft, ohne uns zu sagen, in welche Zukunft er seine Heldin entlässt. Entscheidend ist, dass man sich immer für sie interessiert.

Renate Wagner

 

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