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WIEN/ Odeon-Theater: JUNGE CHOREOGRAPHEN DES WIENER STAATSBALLETTS

27.02.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Odeon-Theater: „JUNGE CHOREOGRAPHEN ´12 DES WIENER STAATSBALLETTS“ am 26.2.

 Der „balletclub wiener staatsoper & volksoper“ profiliert sich seit 2003 in unterschiedlichen Jahresabständen mit einer besonders wichtigen Aktivität. Ballettcub-Chefin Ingeborg Tichy-Luger ist die treibende Kraft dahinter: Sie fordert die jüngeren Tänzer des Wiener Staatsballetts auf, sich mit eigenen choreografischen Etüden zu bewähren. Acht Tänzer konnten sich diesmal im Wiener Odeon mit ihren Ideen präsentieren. Und sie alle haben mit gediegenem Können sowie mit Unterstützung einsatzfreudiger Kollegen aus dem Ensemble durchaus gediegene Piecen zu gestalten vermocht. 

 Zum Auftakt dieser Kreativ-Initiative half Staatsopern-Jungbariton CLEMENS UNTERREINER den Staatsopern-Jungtänzern mit einem kleinen pekuniären Stups: Er trat im Alten Rathaus zu einem Benefiz-Liederabend zugunsten dieser Jungchoreografen-Schiene des Ballettclubs an. Bescherte sich so auch selbst die Freude, mit wohlklingendem hellen Bariton, stets wortverständlich und voll konzentriert sein Können als Liedinterpret vor einer Opernfreunde-Gemeinde zu beweisen. Und das ist ihm absolut geglückt. Mit Gustostückerln von Franz Schubert, Robert Schumann, Richard Strauss der Reihe nach wandelte er auf romantischen Pfaden. Teils sanft bewegt und verinnerlicht, teils mit starker Emphase und heftigen dramatischen Akzenten. In großen Bögen, dabei mit vielen Tempowechsel und wiederholt betont hervorgestrichener Hingabe-Geste kostete er alle Emotionen auch theatralisch aus. Empfindsam in jeder Phase von ILSE SCHUMANN am Flügel begleitet.

 Eigenschöpferische, eigenständige Kunst zu gebären, liegt wieder auf einer anderen Linie. Ist noch schwerer zu bewältigen.  Ihr Handwerk beherrschen sie jedenfalls, diese Tänzer, welche zu „junge choreografen ´12“ angetreten sind. SAMUEL COLOMBET deutet in „Oktett“ Mendelssohn-Bartholdys´ elysisches Streichoktett op. 20 mit formschöner neoklassizistischer Eleganz.  MAXIME QUIROGA erlaubt in „Betweeen Two Worlds“ (Gregorianik & Pop-Gemix) seinen Tänzern eine erfrischende und unterhaltsame  Gebärdensprache.  Auf Ausdrucksintensität, auf Suche nach individuellen Identität zielen die Studien von MARTIN WINTER in „Don´t know“ (expressiv REINA SAWAI und GREIG MATTHEWS zu Musik von Avo Pärt), von FABRIZIO COPPO in „Identy“ (ein quirliges Solo für DAVIDE DATO) und „Donne“ (drei Damen und ihre Aufwallungen) oder von ATTILA BAKÓ („Attingo“). EKATERINA FITZKA gibt sich in „Elegia“ mit Partner FLORIAN HURLER zu Rachmaninow-Klaviermusik hingegen romantischer Pathetik hin. ENO PECI ist in „Exitium“ (Bach, Chopin) gar dabei, die letzten Minuten eines Künstlerlebens zu beschwören.

 Am originellsten (und auch mit dem meisten Beifall bedacht) wirkte „Dolce vita“ von ANDREY KAYDANOVSKY, eine Groteske zu einer spritzigen Flamenco–Piazzolla–Sicilia–Cante de los campanilleros-Melange. Das Süße Leben mit aufputschenden Tangos und salopper Tanzmusik, doch aus sozialkritischem Blickwinkel ironisch und auch mit dünkleren Klecksen persifliert.  Kaidanovsky bietet dem Tanztheater angenäherte Ideen,  die sowohl unterhalten wie auch einen leicht bitteren Unterton vermitteln. Somit: Insgesamt ein positiv ansprechendes Tanz-Kaleidoskop. Kein Flop dabei. Zu wünschen wäre vielleicht, dass einige der Jungchoreographen nicht nur die Stimmungen ihrer ausgewählten Musikexzerpte aufnehmen und recht gut benutzen, sonder auch in ihren Bewegungsabläufen mit mehr Musikalität (und eher reduzierten Standardfloskeln) deren expressive Erzählkraft ausloten könnten. Und dass es in Wien vielleicht doch einmal gelingen sollte, weit mehr, weit konstruktiver und zielgerichteter auf Ansatzpunkte für eine neue lebendige wie erfrischende Kreativkultur hinzuarbeiten.

Meinhard Rüdenauer

 

 

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