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WIEN – NEW YORK / Die Met im Kino: COSI FAN TUTTE

01.04.2018 | KRITIKEN, Oper

WIEN – NEW YORK / Die Met im Kino:
COSI FAN TUTTE von W.A. Mozart
31.
März 2018

Selbstverständlich muss Mozarts „Cosi fan tutte“ nicht im Neapel des 18. Jahrhunderts spielen (wenn das auch sehr schön ausfallen kann wie damals, als Mauro Carosi 1994 für die Muti / de Simone-Produktion im Theater an der Wien die duftigen Gemälde von Philipp Hackert zitierte). Aber man hat „Cosi fan tutte“ faktisch schon überall angesiedelt gesehen – jetzt, an der Metropolitan Opera in New York (natürlich über den Umweg des Kinos) in Coney Island der Fünfziger Jahre.

Das wäre etwa so, als würde man eine Neuinszenierung an der Wiener Staatsoper in den Wurstelprater versetzen und die ganzen dort auffindbaren Live-Kuriositäten-Menschen auf die Bühne jagen… Keine Angst, wird nicht passieren, unsere nächste „Cosi“ macht wieder Muti, der duldet so etwas nicht.

Die New Yorker haben diese Produktion der English National Opera abgekauft. Regisseur Phelim McDermott und seine Ausstatter haben schon 2014 in London in Hinblick auf New York 2018 gearbeitet und das Coney Island-Ambiente geschaffen – nur dass die Amerikaner zusätzlich tatsächlich einkauften, was dort am originalen Rummelplatz herumläuft, Feuerschlucker, Schwertschlucker, eine Dame mit Boa Constrictor (Moderatorin Joyce DiDonato hat das Tierchen im Pausengespräch tapfer gestreichelt!), eine „Conchita“ (die man erst kürzlich in dem „Barnum“- „Greatest Showman“-Film mit Hugh Jackman gesehen hat), Gummimenschen und andere Schausteller mit Muskeln, Tätowierungen und sonstigen Spezialitäten. Sie kriechen schon während der Ouvertüre in schier nicht enden wollender Fülle und Vielfalt aus einer Wunderkiste, schwenken Tafeln mit Worten, die zu verschiedenen witzigen Aussagen zusammen gesetzt werden, und machen klar: An diesem Abend geht es in erster Linie um Schauwerte. Um Mozart höchstens in zweiter Linie. Und das ist auch gut so. Die Show funktioniert hier an der Met. Mozart diesmal viel weniger.

So treffen wir erst einmal (Bühnenbild: Tom Pye) die drei Herren, die in einem ziemlich noblen Schuppen über Frauentreue diskutieren und dann, das ist witzig (vieles ist szenisch witzig) von ein paar Bühnenarbeitern einfach hinausgeschoben werden, weil sich jetzt (kein privater Garten für Fiordiligi und Dorabella, die gehören jetzt nicht mehr zur besseren Gesellschaft) die Außenansicht von Coney Island entfaltet. Die Mädels stehen ziemlich unbedarft und reizlos da, in ihren Fünfziger Jahre-Twin Sets, den altmodischen braven Frisuren, der Brille für Fiordiligi (Kostüme: Laura Hopkins). Als Ferrando und Gugliemo sich verabschieden, tun sie das als höfliche, gut aussehende Herren in Marine-Uniformen, immerhin. Nur Don Alfonso wirkt die ganze Zeit wie einer, den man im Englischen „fishy“ nennt – durch und durch suspekt.

Wenn nun doch Innenräumlichkeiten gebraucht werden, dann landet die Inszenierung in einem eher schäbigen Motel, das sofort an die Welt des Peter Sellars erinnert – so hat er 1989 im Wiener ORF „Cosi fan tutte“ gesehen (wie wir uns aufgeregt haben!), als er das Geschehen in einen Coffee Shop versetzte. Es ist doch nicht so einfach, sich heutzutage etwas Neues einfallen zu lassen. Immerhin ist Despina hier Zimmermädchen – denn ein Kammermädchen könnten sich die beiden Unterklasse-Damen, zu denen Fiordiligi und Dorabella zusammen geschrumpft sind, nicht leisten…

Und seltsam, wenn Ferrando und Gugliemo sich verwandeln: Da werden sie nämlich zu wirklich schäbigen Prolos in Lederjacken, zu engen Jeans und dem Bewegungskodex von Menschenaffen, und man fragt sich, warum zwei Frauen, die sich von zwei Offizieren verabschiedet haben, darauf hereinfallen sollten? (Sonst ist es ja, ob sie als Türken kommen oder als Araber, immerhin die Exotik, die Reiz ausübt und vielleicht, vielleicht glaubhaft macht, dass man die Verlobten nicht erkennen könnte…)

Egal, wenn die Inszenierung auf das Spielfeld von Coney Island zurück findet, dann muss man dem Regisseur Phelim McDermott zugestehen, dass er sein Ambiente und die skurrile Menschenschar sehr sinnvoll und immer wieder witzig eingebracht hat, dass er Werbungs- und Liebesszenen sehr gut in den „Rummel“ mit Karussell und Autodrom einfügt, wenn natürlich auch Mozart der Verlierer ist – es gibt so viel zu schauen, dass man immer wieder vergisst zuzuhören. Aber, wie gesagt…

Die sechs Sänger hatten ihre Qualitäten, jeder konnte seinen Part singen (aber beim Mozartsingen sind die richtigen Noten ja nur ein Teil der Aufgabe…), und sie ließen sich auch von der Regie recht gut führen, viele Reaktionen wurden zu wohl gesetzten Pointen. Dass gerade dieses Stück mit seiner seelischen Brutalität auch ein Problem für sich ist, damit hat man sich nicht abgegeben. Coney Island reichte…

Schicken wir voraus, was dem Interpreten-Sextett grundsätzlich mangelte: Stimmschönheit und Mozart-Stil. Sie alle hackten sich mit scharfen Stimmen und gnadenloser Intensität in die Ohren der Zuhörer. Der Eindruck wollte nicht weichen, dass die Rezitative hier versuchsweise behandelt wurden, als handelte es sich um gesprochene Sprache, und das ist immerhin eine Möglichkeit: Aber so gut wie die Despina der Kelli O’Hara schaffte das niemand. Die Dame (die Met hat sie schon einmal, als Valencienne in der „Lustigen Witwe“, eingesetzt) war überhaupt die Überraschung des Abends. Immer wieder als „Broadway-Star“ apostrophiert und sonst offenbar mit „Dracula“ oder „King and I“ auf der Musical-Schiene unterwegs, hat sie die Noten zwar hartstimmig, aber tadellos realisiert. Mozart-Gesang war es nicht, aber den blieben ja auch die übrigen schuldig. Am Ende hat die Regie ihr gehuldigt, indem aus ihrem Notar bei der Hochzeit eine echte Musical-Szene mit Tanz und Hüftschwung gemacht wurde (sie erschien hier im seidigen Western-Gewand, wie man es aus Las Vegas kennt).

Optisch waren die beiden Schwestern, wie sie meist gesehen werden – Fiordiligi größer, blond und schlank, Dorabella kleiner, dunkelhaarig, fülliger und lustiger. Serena Malfi als Dorabella hatte auch Temperament und eine gewisse auftrumpfende Weiblichkeit zu bieten, während Amanda Majeski als Fiordiligi blass war und blieb und damit ein Loch in den Abend riß. Wie gefühlt endlos werden die grandiosen Arien, wenn man sie nur singt und nicht erfüllen kann.

Ben Bliss ist Met-Nachwuchs, der eine Chance nach der anderen bekommt, aber mit seinem harten, unbeweglichen Tenor keine Zukunft dort hat, wo man weiß, wie Mozart gesungen gehört. Nun, wir kennen auch die Vorzüge und die Defizite „unseres“ Adam Plachetka, der in Wien so viel Mozart singen durfte, dass wir wissen, dass auch er keine Idealbesetzung für diesen Komponisten ist. Er fügte sich in die Reihe der hartstimmigen, lauten, aggressiven Sänger des Abends, war aber zumindest darstellerisch lebendiger als man ihn sonst kennt. (Allerdings sollte ein Sänger, der erst Anfang 30 ist, noch nicht so viel an optischem Umfang zulegen. Er will ja noch eine zeitlang „junge“ Rollen singen.) Christopher Maltman gab den Don Alfonso jünger und hellerstimmg als man ihn gewohnt ist, wobei der verdächtige Herr am Ende mit der nicht minder verdächtigen Despina (die er ausreichend bezahlt hat) belohnt wird.

Es war überhaupt einmal ein angenehmes Finale, wo nicht tausend Probleme angedeutet werden, sondern beide Damen sich ihren ursprünglichen Freiern zuwenden und sie mit liebevoller Überzeugungskraft besänftigen. Das Happyend ist ein echtes, der Coney Island-Spaß ist auch ein echter, und Mozart wird es nächstens (David Robertson ist nicht eben ein Spezialist für das „Atmen“ seiner Musik) auch wieder besser haben.

Renate Wagner

 

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