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WIEN / Neue Oper Wien: PARADISE RELOADED (LILITH)

02.11.2013 | Oper

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WIEN / Neue Oper Wien im MuseumsQuartier:
PARADISE RELOADED (LILITH) von Peter Eötvös
Premiere: 25. Oktober 2013,
Besucht wurde die letzte Vorstellung am 1. November 2013

Es ist einfach schön – auch bei der letzten Vorstellung ein fast volles Haus. Es gibt in Wien eben doch ein neugieriges Publikum, es gibt ein Publikum für neue Opern, und Walter Kobéra liegt mit seinem Uraufführungs-Konzept völlig richtig. Ein Erfolg zieht dann auch den nächsten nach sich, und es kann einem Ensemble nur zur Ehre gereichen, wenn ein Komponist von der internationalen Reputation eines Peter Eötvös hier selbst eine Uraufführung anbietet…

Und es ist eine solche, wenn Eötvös auch schon einmal die „Tragödie des Menschen“ seines Landsmanns Imre Madach (nur in Ungarn bekannt, hierzulande nur einmal vor unendlichen Zeiten, 1967, bei den Festwochen gezeigt) vertont hat (damals für München). Die neue Fassung (Text wieder Albert Ostermaier, moderner deutscher Autor, der im Gegensatz zu manchem seiner Kollegen in Wien derzeit keine Lobby hat) ist übrigens – wie Walter Kobéra bei der Einführung zu diesem Abend erzählte – vom Komponisten erst nach einer intensiven Probenwoche mit den Wiener Protagonisten in ihre endgültige Form gebracht worden.

Vier Hauptrollen, drei wichtige (Männer) und drei viel weniger wichtige (Frauen) Nebenrollen, eine originelle Orchesterzusammensetzung, die u.a. ein Akkordeon vorsieht (neben halb-normalen Instrumenten wie Celesta oder Kontrabassklarinette), und eine alte, ewige Story, die hier nicht wirklich neu erzählt wird, aber die Basis für einen meist faszinierend „tönenden“ Opernabend abgibt.

Lilith kommt nicht oft vor, wenn von den ersten Menschen und dem Paradies die Rede ist, aber „Adams erste Frau“, die als die große Verführerin gilt, existiert natürlich in den alten Mythen. Und dass Lucifer (oder Mephisto oder wie immer man ihn nennen will) in der Geschichte der Menschen eine besondere Rolle spielt, ist auch ein bekannter Tatbestand. Hier kommt nun beides zusammen – Adam und Eva, die beiden Menschen, und Lucifer und Lilith, die „Bösen“, die Verführer, die Zerstörer. Erzählt in zwölf ineinander übergehenden pausenlosen Szenen, 110 spannende Minuten. Zumindest was die Musik angeht.

Die Dramaturgie des Librettos ist nicht gänzlich überzeugend, da wird immer wieder einmal eine Figur verloren, bevor sie dann wieder auftauchen mag, da ist die Handlungsführung gelegentlich konfus, aber man begreift, worum es geht: Der arme Adam – die Männer sind ja nun wirklich arm! – muss sich einerseits von Lucifer die Herausforderungen und damit die Scheußlichkeiten des Lebens vorführen lassen, und andererseits steht er – die klassische Situation! – zwischen zwei Frauen: die relativ brave Ehefrau (mit kleinen Zicken) da, die nervtötende, fordernde, dämonische Geliebte dort, und wenn am Ende beide schwanger sind… o weh. Man sieht, das Ganze ist nicht völlig ernst gemeint (dafür sorgen auch die drei Männer, die als Mini-Chor vor allem als komisches Gegengewicht eingesetzt werden). Trotzdem wird die Geschichte manchmal verdammt pathetisch,  kann also als leicht unausgewogen gelten.

Wie dem auch sei, es ist die Musik von Eötvös, die hier in allen denkbaren Farben schillert, von mystischem Getrommel zu Beginn (da wird auch mit den Fingern gearbeitet) bis zum magischen Flirren und Flimmern am Ende. Einiges Witzige, Illustrative  – wenn Eva sich am Apfel verkutzt, wird auch das mitkomponiert, und wenn es immer wieder um „Spiegel“ geht, scheint das Glas im Orchester zu klirren. Dazwischen Dramatik und wunderschöne lyrische Bögen, stapfende Bösewichte und ein tenoraler Held, ein bisschen Wagner, ein bisschen Strauss dazu, kurz, das klingt oft nach Spät-Spät-Spät-Romantik mit einer Brise Moderne (wobei die Titelheldin am ehesten angehalten ist, die Ohren der Zuhörer dann auch ein wenig zu malträtieren, denn das gehört dazu). Im Ganzen aber ein Werk, von dem man sich vorstellen kann, dass es sich ins Repertoire von Opernhäusern schleicht, die ein wenig für die kommensurable Moderne übrig haben.

Lilith, die Verführerin, muss gleich ihren ersten Auftritt in jenen schlangenhaften, lasziven Bewegungen absolvieren, die man mit ihresgleichen assoziiert – Regisseur Johannes Erath hat sich nichts Besonderes angetan, die Ausstattung von Katrin Connan auch nicht, aber sie setzen die Geschichte mätzchenlos um, am besten dort, wo sie witzig sind. Lilith steht nicht so gänzlich im Mittelpunkt, wie es ihre „Titelrollen“-Funktion vermuten ließe, aber sie hat viel und Schwieriges zu singen: von den sinnlichen Tönen eines satten Mezzo bis zu höchsten Höhen (wie gesagt: mit leicht quälendem Charakter für die Zuhörer), eine dramatische Partie, die in vielem an Kundry erinnert, wobei der Schlussgesang um die Liebe dann wieder Assoziationen an Salome beschwört… Es gibt Schlimmeres, und mit Annette Schönmüller (die man schon aus einigen „alternativen“ Produktionen kennt) war eine hervorragende Interpretin gefunden.

Leichter hatte es allerdings Rebecca Nelsen als Eva, weil ihr Eötvös die schönsten Passagen des Abends zu singen gab, was sie mit wahrlich „klingendem“ Sopran wunderbar erfüllte. Dass Eva – zwischen Trotz und Hingabe das liebe  Frauchen – meist in Bikini oder zumindest Busenhalter herumlaufen muss (weil man ja anfangs im Paradies nackt war…), ist allerdings übertrieben. Jedenfalls: schön gesungen und schön gespielt.

Gewissermaßen sind alle vier Hauptrollen von nahezu hochdramatischem Zuschnitt, das gilt auch für Adam, von dem in Dresden geborenen Eric Stoklossa so nachdrücklich-kraftvoll gesungen wie verlangt, wenn er auch als Adam über weite Strecken nur bedauernswert ist, ob ihn nun Lucifer quält oder die beiden Frauen (wobei es Lilith noch ein bisschen besser kann). Aber, wie gesagt, Humor scheint ja vorgesehen.

So, wie der Texaner David Adam Moore mit nacktem Oberkörper einen Teufelskerl von Lucifer hinstellt, der gleich als Mephisto zu Gounod oder Boito wandern könnte, ist er für die Dramaturgie dieses Werks, wo Lucifer als Weichei mit Gott herummault, fast überbesetzt. Mit hartem, markigem Gesang, oft Sprechgesang streifend, wirkte der böse Engel mit dem vom Autor her unklaren Profil jedenfalls optimal.

Gernot Heinrich, Andreas Jankowitsch und Michael Wagner fungieren im Programmheft als „drei Engel“, spielen aber alle Nebenrollen und teils köstlich dodelhaft. Avelyn Francis, Christina Sidak und Anna Clare Hauf werden als „Orakel“ geführt, verkörpern manches, haben aber nicht so viel zu tun und bleiben eher im Hintergrund.

Ganz im Vordergrund stand das amadeus ensemble-wien, das unter der Leitung von Walter Kobéra hier eine Partitur ausreizte, die an Klangschichten und –Effekten alles verlangt und alles hergibt.

Peter Eötvös wird angesichts von „Wien Modern“ jetzt längere Zeit in der Stadt präsent sein und kam auch zur Dernière, wo er herzlich gefeiert wurde. Es waren auch viele Ungarn im Publikum – ist ja wirklich nicht weit, über die Grenze zu fahren und sich anzuhören und anzusehen, was dem Landsmann da Interessantes eingefallen ist und wie adäquat es die Neue Oper Wien umgesetzt hat.

Renate Wagner

 

 

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