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WIEN/ Neue Oper Wien im Museumsquartier: PARADISE RELOADED (Lilith). Uraufführung

26.10.2013 | KRITIKEN, Oper

Neue Oper Wien Péter Eötvös PARADISE RELOADED (Lilith) – 25.10.2013  (Uraufführung):

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Foto: Neue Oper Wien

Am 25.10.2013 fand die Uraufführung der neuesten Oper des international erfolgreichsten lebenden ungarischen Komponisten, Péter Eötvös (geb. 1944), „Paradise reloaded (Lilith)“ in der Halle E des Wiener Museumsquartiers als Gemeinschaftsproduktion der Neuen Oper Wien mit dem Musikfestival WIEN MODERN statt.

Ausgangspunkt für sein neuestes Werk war der Stoff seiner im Jahr 2010 in München uraufgeführten Oper „Die Tragödie des Teufels“. In Paradise reloaded stellt der Komponist nun Lilith, die erste Frau Adams, in den Mittelpunkt des Geschehens. Lilith war eine Göttin in der sumerischen Mythologie. Sie wird nur an einer einzigen Stelle im alten Testament erwähnt. Jesaia 34,14 fasst sie wegen des ähnlichen hebräischen Wortes für „Nacht“ (lájil) als weiblichen Dämon, als ein „Nachtgespenst“ auf: „Wilde Hunde und Hyänen treffen sich hier, die Bocksgeister begegnen einander. Auch das Nachtgespenst (Lilit) ruht sich dort aus und findet für sich eine Bleibe“.

Der deutsche Schriftsteller Albert Ostermaier, geb. 1967, verfasste das Libretto und teilte die Handlung in 12 Bilder auf, die ohne Pause in knapp 100 Minuten gespielt werden: Lucifer wird gemeinsam mit drei Engeln aus dem Himmel verstoßen. Gemeinsam mit Lilith will er Adam finden. Eva beißt in der Zwischenzeit im Paradies in die verbotene Frucht jener  Erkenntnis, die das Wissen um die Fortpflanzung, das wahre Leben,  beinhaltet. Adam und Eva wandern dann durch die Wüste und begegnen den drei verstoßenen Engeln. Es erfolgt nun eine Zeitreise, in der Adam als General aus einer verlorenen Schlacht zurückkehrt und das Volk seinen Tod fordert. Eva will sich für ihn opfern. In der nächsten Welt sieht Adam wie ein Journalist in einer zerbombten Stadt getötet wird und zweifelt an der Menschheit. Lilith schnallt Eva einen Sprengstoffgürtel und schickt sie als Selbstmordattentäterin in die Stadt. Lucifer führt Adam sodann in die Zukunft, in der Monotonie und Gleichschaltung regieren. Kein Mensch, dessen ist sich Adam nun gewiss, darf mehr entstehen. Lilith aber verführt Adam, wird von ihm schwanger und lässt ihn Eva einen vergifteten Trank reichen. Lucifer erweckt die tote Eva jedoch wieder zum Leben. Diese eröffnet Adam ihre Schwangerschaft und beide schöpfen neue Hoffnung und verlassen gemeinsam das Paradies. Desillusioniert zieht es den Lichtbringer Lucifer wieder zu Gott und allein bleibt die schwangere Lilith zurück.

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Foto: Neue Oper Wien

Die Struktur dieser Oper ist ähnlich jener des Dramas „Az ember tragédiája“ (Die Tragödie des Menschen) von Imre Madách (1823-64), in der das Urpaar Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben werden und unter der Führung Lucifers durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft pilgern. Aus den letzten fünf Szenen dieses Dramas hat übrigens der ungarische Komponist Attila Bozay (1939-99) seine gleichnamige Oper „Az öt utolóso szín“ (Die fünf letzten Szenen) erstellt.

Regisseur Johannes Erath gelang es, das verwirrende Handlungsgeflecht einigermaßen nachvollziehbar auf einer aus zahlreichen schiefen Ebenen bestehenden Bühne, an deren Rand sich zwei Liegestühle befanden (Ausstattung: Katrin Connan), aufzurollen. Der „Himmel“ auf der Hinterbühne ließ einen interessanten Einblick auf die Architektur des Museumsquartiers zu. Drei Heiligenscheine symbolisierten eben dort die Dreifaltigkeit. Mit blendendem Neonlicht versuchte Norbert Chmel den Zuschauern offenbar Transzendenz zu vermitteln.

Bei Dirigent Walter Kobéra und seinem amadeus ensemble-wien war die farbenreiche Partitur von Eötvös bestens aufgehoben und umgesetzt. Das riesige Orchester umfasste auch so seltene Instrumente wie Burma Glocken und Gongs, Kuhglocken, Alt-, Bass- und Tenorposaune, ein Banjo und ein chinesisches Becken.

Alle zehn Sänger trugen ihren Sprechgesangspart mit einem Microport vor. In der dämonischen Titelrolle der Lilith gefiel Annette Schönmüller mit ausdrucksstarkem Mezzo. Der stimmgewaltige US-amerikanische Bariton David Adam Moore stand ihr als ränkeschmiedender Dämon in nichts nach. Der Dresdner Tenor Eric Stoklassa, meist nur in Shorts bekleidet, die den begehrlichen Blick auf einen ansehnlichen Sixpack eröffneten, demonstrierte während des gesamten Abends angestrengt, wie man auch ohne jegliche Bewegung des Bauchs recht schön singen kann. Die US-Amerikanerin Rebecca Nelsen hatte mit ihrem gut geführten Sopran extreme Höhen, teilweise im Bikini bekleidet, zu bewältigen. Ich frage mich, ob dieses Urpaar der Bibel vor dem Sündenfall nicht nackt war und ob man sie, wenn schon nicht nackt, so wenigstens  mit einem hautfarbenen Trikot bekleidet, hätte zeigen können. Bikini und Shorts im Paradies wirken schon ungewollt komisch.

Gernot Heinrich, Andreas Jankowitsch und Michael Wagner waren die zu Beginn der Oper noch aus dem Himmel herab purzelnden Engel A, B und C, die möglicher Weise gleich zu setzen sind mit den Engeln Sanvi, Sansanvi und Semangelaf (http://www.berserks.de/satanica/lilith.htm) und bildeten gemeinsam mit den Damen des Orakels Avelyn Francis, Anna Clare Hauf und Christina Sidak auch den Chor dieser Oper.  

Das Publikum der Premiere feierte alle Mitwirkenden sowie das Regieteam und den sichtlich ergriffenen Komponisten Péter Eötvös  mit besonders lang anhaltendem Applaus, in den sich auch einige Bravi-Rufe mischten.

    Harald Lacina

 

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