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WIEN / Neue Oper Wien: FICUS

18.06.2018 | KRITIKEN, Oper

WIEN / Neue Oper Wien / Werk X:
FICUS –
DER FICUS SPRICHT  von Gerhard Schedl
RADAMES  von Peter Eötvös, Österreichische Erstaufführung
Premiere: 14. Juni 2018,
besucht wurde die dritte Vorstellung am 18. Juni 2018

Die Neue Oper Wien ist ein „vazierendes“ Unternehmen und hat sich diesmal im Werk X (dem ehemaligen „Kabelwerk“) im 12. Bezirk eingemietet. (Danke, man kann mit dem Auto hinfahren, die Kurzparkzone dauert in Meidling nur bis 19 Uhr.) Hier wie überall widmet sich das Unternehmen dem, um dessentwillen man ihm seit Jahr und Tag treu ist: Der Präsentation von Werken, die für das Wiener Publikum neu sind (mögen sie von der Entstehung her auch „alt“ sein).

Das ist die selbst gestellte Aufgabe, und man dankt Walter Kobera seine diesbezüglich nimmermüden Bemühungen (während die Kammeroper ja auf den Abwegen wankt, „große Opern“ klein zu machen – und das selten gut).

Diesmal lieferten Kobera & Co – 5 Sänger, 14 Musiker und 2 Dirigenten – einen 70minütigen Kurz-Abend, eine Art „Kehraus“ nach der Opernsaison. Gerhard Schedl, der Österreicher (1957-2000), und Peter Eötvös (*1944), der Ungar, der mit seinen „Drei Schwestern“ vor einiger Zeit zu Staatsopern-Ehren kam, wurden mit zwei Kurzopern kombiniert, die nicht gerade von heute sind: Jedenfalls haben „Der Ficus spricht“ (1998) und „Radames“ (1976) gemeinsam, dass sie sich gewaltig über die Kunstform Oper lustig machen.

„Der Ficus spricht“ hat Franzobel, der Großmeister von Blödelei, für Schedl geschrieben, und wenn man als Zuschauer etwas damit anfangen könnte, hätte das viertelstündige Drei-Personen-Stück (sie sprechen, sie sprechsingen und sie singen Unsinn) seinen Zweck verfehlt. Wolfgang Resch (mit dem größten Gesangsanteil), Dieter Kschwendt-Michel und Laura Schneiderhan turnen aufopfernd rund um ein dreistufiges Podest (Ausstattung Su Pitzek), um die „Paraphrase auf den Zeitgeist“ so absurd zu machen wie möglich – und der beste Musikanteil, den man an diesem Abend hört, ist Schedls Orchesterpart, den Walter Kobéra mit dem amadeus ensemble-wien realisiert.

 
Fotos: Neue Oper Wien

Dann schlägt die Stunde des Alexander Kaimbacher, der beginnt, vom Zuschauerraum her zu randalieren. Man kennt das Eötvös-Original nicht, also ist anzunehmen, dass die gut viertelstündige Brandrede gegen moderne Oper, heutigen Opernbetrieb und zeitgenössische Regisseure, die er nun hält, von Regisseur Leonard Prinsloo noch aktuell aufgeputzt wurde.

Der Musikanteil und der Musiker-Anteil ist in dem Einakter „Radames“ nun gewaltig reduziert (bekanntlich muss man in der Opernwelt sparen, sparen, sparen): Anna Sushon am E-Klavier hat gerade noch drei Musiker unter ihrer Leitung: ein Sopran-Saxophon, ein Horn und eine Tuba, der immer wieder Richard-Wagner-Notenfolgen entkommen. Im übrigen wird gesprochen, gesungen – und sehr viel gespielt.

Diesmal hat man eine nachvollziehbare Handlung: Da gibt es einen herumgeschubsten Counter-Tenor (Tim Severloh ist köstlich „hilflos“ und darf als „Radames“ nicht Verdi singen, sondern Eötvös), der die Schlußszene von „Aida“ allein gestalten soll, ohne Aida nämlich.

Aber nicht wirklich allein, denn ihn umschwirren nicht weniger als drei Regisseure: Der eine, meist Englisch sprechend, mit einer Filmkamera auf der Schulter (Dieter Kschwendt-Michel), verfolgt den armen Mann aufdringlich und mit schroffen Anweisungen, weil er die Aufführung aufzeichnet. Die Opernregisseurin (Laura Schneiderhan) flötet auf Italienisch die widersprüchlichsten Anweisungen und agiert mit Guru-Gesten. Und der Theaterregisseur (Kaimbacher) fährt immer wieder kommentierend dazwischen. Ganz am Ende bringen alle drei den armen Tenor um (Kaimbacher erwürgt ihn mit einem Schal) – tatsächlich hat Peter Eötvös (als sein eigener Librettist) schon vor 40 Jahren geahnt, was das Regietheater der Oper antun wird… Man „mordet“ die Sänger – und nicht nur diese.

Wie gesagt, die beste Musik des Abends war das bisschen von Schedl: Die Neue Oper Wien profiliert sich (nach „Glaube, Liebe, Hoffnung“, 1999, und „Triptychon“, 2007) weiterhin als Schedl-Pflegestätte und spielt im Herbst dessen Oper „Julie & Jean“ mit Anna Maria Pammer und Adrian Eröd. Auch wenn man das Werk 2003 im Rahmen des „Klangbogens“ schon einmal begegnet ist: Man wird es gerne wieder hören.

Renate Wagner

 

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