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WIEN / Musikwerkstatt: MISS DONNITHORNE / SUCKTION

10.05.2012 | Oper

 

WIEN / Musikwerkstatt in der Wiener Kammeroper: 
MISS DONNITHORNE’S MAGGOT von Peter Maxwell Davies
SUCKTION von Anne LeBaron (Österreichische Erstaufführung)
Premiere:  9. Mai 2012

Bevor die Wiener Kammeroper gänzlich in den Besitz des Theaters an der Wien übergeht, kann sie offenbar noch für freie Produktionen genützt werden (nur die originale Kammeroper darf offenbar nicht mehr spielen…). Nun hat sich die Musikwerkstatt Wien mit einem durchaus ambitionierten, durchaus ideenreichen, wenn auch nicht völlig schmerz- und anstrengungsfreien Abend hier eingemietet.

Zwei moderne Einakter binden sich durch die Tatsache, dass es sich in beiden Fällen um gesungene Monologe für Damen handelt, die ihre Interpretinnen vor höchste Anforderungen stellen. Die Musikwerkstatt Wien bezeichnet den Abend als „zwei Einakter für eine Frauenstimme, abwesende Partner und Ensemble“.

Zuerst ein halber Klassiker – „Miss Donnithorne’s Maggot“ von Peter Maxwell Davies stammt aus dem Jahre 1974. Der in Wien früher (von der kleinen Opernszene) öfter gespielte populäre Brite hat sich seinen Ruhm nicht damit erworben, dass er dem Publikum das Zuhören leicht macht: Was seine Heldin ihrer Stimme abverlangen, ja abquälen muss, ist manchmal jenseits der Schmerzgrenze, wenn man auch meist höchst gespannt der Virtuosität zuhört, mit der dies entwickelt wird – ebenso wie die Orchestersprache, die in ungewöhnlichen Tönen, Klangfarben und Geräuschnuancen schwelgt: Seltsam, dass nur sechs Musiker dies erreichen.

Der Regisseur und der  Dirigent des Abends haben beide Werke ins Deutsche übersetzt, was bei Maxwell Davies nichts einbringt: So, wie er die menschliche Stimme führt, ist es schlechtweg unmöglich, mehr als nur gelegentlich ein Wort zu verstehen. Und die Regie von Benjamin Prins macht es der Interpretin zusätzlich schwer. Sie darf nämlich nicht, wie vorgesehen, ein viktorianisches Fräulein spielen, das an ihrem Hochzeitstag sitzen gelassen wurde und nun Stationen ihres Wahns durchspielt. Annette Schönmüller, meist in schwarzem Leder, ist eine ziellos herumrasende Kunstfigur, die vage im Heute angesiedelt ist. Was sie mit ihren Aktionen meint, wird absolut nicht klar (selbst wenn man den Text verstehen würde). Bühne (Thomas Mörschbacher) und ein paar Kostüme (Dritan Kosovrasti) helfen wenig, einige weiße Vorhänge erwecken Hochzeitskleid-Assoziationen, aber im Grunde schwebt der Einakter im luftleeren Raum. Immerhin ist es faszinierend, was die Sängerin mit ihrer Stimme macht und kann, und so erhielt sie verdienten Jubel, der vielleicht noch stärker ausgefallen wäre, hätte sie wirklich erkennbar die titelgebende „Miss Donnithorne“ verkörpern dürfen…

Da hatte es Anna-Maria Birnbauer in jeder Hinsicht leichter: „Sucktion“ der amerikanischen Komponistin Anne LeBaron (das Werk stammt von 2008 und wird hier erstmals in Österreich gezeigt) ist zwar auch schwierig zu singen, verformt die Stimme aber nicht derart, dass die Sprache unverständlich wird. Auch hat der Regisseur hier die Situation so belassen wie vorgesehen: Eine einsame Hausfrau ergeht sich in Schwelgerei für Werbesprüche (da haben die Übersetzer auf jene gezielt, die wir alle kennen) und Seifenopern (auf einer Leinwand im Hintergrund laufen Szenen aus „Reich und schön“). Ja, und als sie zum Hochzeitstag ausgerechnet einen Staubsauger bekommt, der sich als junger Mann auf Rollschuhen manifestiert – da setzen sich all ihre unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte in einer hinreißend komischen „Liebesszene“ mit diesem Gerät um: Wie er sie auszieht (die Sängerin hat am Ende nur noch ein Spitzenhöschen an, den Rest entfernt der Gierschlund höchst possierlich), ist wirklich sehr gelungen. Und die Komponistin, die hier mit einer Musik, die Elektronik und Percussion einsetzt, eigentlich nicht wirklich weh tut, beweist, dass moderne Oper nicht immer schwere Mühe für den Zuschauer sein muss. Lustvoll geht’s auch.

Das haben die Musikwerkstatt-Gründer und Leiter Anna-Maria Birnbauer und Huw Rhys James am Pult seiner Musiker zumindest einen halben Abend lang vorgeführt.

Die Kammeroper war nicht ganz voll, das anwesende Publikum zeigte sich erfreulich angetan.

Renate Wagner

 

 

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