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WIEN/ Musikverein: Paul Badura-Skoda musizierte im Wiener Musikverein mit Martin Studers „Philharmonic Academy“-

30.05.2017 | Konzert/Liederabende

Die Fackel soll weiter brennen“: Paul Badura-Skoda musizierte im Wiener Musikverein mit Martin Studers „Philharmonic Academy“- 28.5.2017

 Von Stefan Pieper

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Paul Badura-Skoda, Martin Studer. Copyright: Stefan Pieper

Hingerissen zeigte sich der Wiener Pianist Paul Badura-Skoda von der leidenschaftlichen Frische der jungen Musikerinnen und Musiker aus der Schweiz, die sich in einem aktuellen Orchester-Projekt des Dirigenten Martin Studer vereinen. Unter dem Oberbegriff „Philharmonic Academy“ fusionierte „sein“ Neues Zürcher Orchester mit ehemaligen Schweizer Hochschulabsolventen im Alumni & Sinfonieorchester der Uni Bern für eine Tournee in Österreich und der Schweiz. Und schon nach der finalen Probe vor dem Auftritt im Wiener Musikverein zog der prominente Solist im Gespräch sein begeistertes Fazit: „Die sind oft wacher als so manches reine Profiorchester – vor allem, wenn es darum geht, auf spontane Momente zu reagieren.“

Die Tournee, die in Graz begann und nach dem Wiener Konzert noch mehrere Auftrittsorte in der Schweiz umfasste, wollte ein intensives Gemeinschaftserlebnis sein – aus dem starke Emotionen und letztlich große Musik hervorbringen. Gemeinsam leben, essen und auf Kulturreise gehen – das beinhaltete auch eine Stippvisite auf Schloss Esterhazy, wo mal kurz und spontan Haydn musiziert wurde.

Die Chemie stimmt und lässt die Rechnung beim großen Auftritt im Wiener Musikverein aufgehen: Martin Studers Ausstrahlung und sein zupackendes Dirigat lassen den Funken überspringen. Schon Bedrich Smetanas sinfonische Dichtung „Die Moldau“ legt alle Qualitäten dieser Konstellation offen, setzt Energien im Raum frei. Intensiv branden im Orchester die Crescendi auf, leuchten subtile Klangfarben, ohne grell zu wirken und nähren schwelgerischen harmonischen Farben ein imaginäres Bild der weiten böhmischen Landschaften.

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Paul Badura-Skoda, Martin Studer. Copyright: Stefan Pieper

Paul Baldura-Skoda hatte schon in den Proben das Orchester auf sich eingeschworen. Ebenso gab es im Vorfeld angeregte Diskussionen mit Martin Studer über Aufführungsdetails von Mozarts Klavierkonzert KV 491, Nr. 24 c-Moll. Noch beim letzten Durchlauf mischt er sich produktiv vom Flügel aus ein, gibt Anweisungen – etwa, wo sich die Holzbläser noch stärker an die melodischen Linien des Klaviers anschmiegen können. So etwas macht den Weg für die Magie des Augenblicks frei: Das aufwühlende c-Moll-Klavierkonzert, welches Badura-Skoda bereits in den 1950er Jahren einspielte, überrascht, wühlt auf und rüttelt wach, allein wegen seines dramatisch-wuchtigen Kopfsatzes im pochenden Dreiermetrum. Paul Badura-Skoda und Martin Studer haben die Botschaft erfasst und wissen, welch dramatische Vehemenz hier erreichbar ist. Aus großer, ernster Dramatik heraus, erhebt Badura-Skoda seine Stimme auf dem Bösendorfer. Das wirkt charismatisch und eindringlich und ist trotz vieler bebender Spannungsmomente tief in sich ruhend. Gerade dieses Klavierkonzert setzt ein gewichtiges Statement, dass Mozarts Musik einfach viel mehr als nur „schön“ ist und sich gerade durch die hier praktizierte, grundehrliche Behandlung in regelrecht erschütternde Dimensionen vorwagt. Ein hellwach aufspielender Paul Badura-Skoda und die unverbrauchte Frische in diesem jungen Orchester aus der Schweiz sind der Garant dafür! Das Publikum im Wiener Musikverein war auf jeden Fall überwältigt von so viel beseelter Hellsichtigkeit. Für den aufbrandenden Jubel bedankte sich Badura-Skoda mit einem weiteren Stückchen „Mozart pur“, nämlich dem Adagio für die Glasharmonika.

Was konnte an diesem sonnigen Vormittag im Wiener Musikverein besser die Stimmung von Paul Badura-Skodas glanzvollen Mozart-Auftritt leichtfüßiger weiter tragen als jenes bemerkenswerte Doppelkonzert des Briten Parish Alvers für Harfe und Klavier aus dem Jahr 1830. Es knüpft betont leichtfüßig an einen Mozart-Gestus an, trägt diesen aber auch in eine schwelgerische frühromantische Diktion weiter. Und auch die walzerartigen Passagen mit einer latenten charmanten Wien-Affinität passen hier bestens. Vor allem, wenn diese beiden Schweizer Solistinnen nicht nur unglaublich viel auf ihren Instrumenten können, sondern sich auch regelrecht zu „einem“ Instrument vereinen! Die Interpretinnen, Praxedis Hug-Ruetti und Praxedis Geneviève Hug erforschen die Musik von grundauf und erschließen mit unermüdlicher Begeisterung ständig neues Repertoire.

Schuberts Sinfonie h-Moll ist ein Herzensanliegen von Martin Studer und es ging ihm darum, dieses rätselhafte Meisterwerk aus seinem unkomplettierten Status zu erlösen. In akribischer Analysearbeit hat er das in zwei Sätzen und einem sehr kurzen Fragment vorhandene Material weitergedacht, um damit den dritten Satz zu einem solchen auszugestalten und sogar ein neues Finale hinzuzufügen. Im Wiener Musikverein lebt Schuberts nun vollendete Sinfonie zum Finale mit aller unmittelbarer Vehemenz auf. Studers Dirigat treibt noch einmal sämtliche Beteiligten zur Höchstform an. Also nehmen dunkle Emotionen gefangen, bauen sich erschütternde Steigerungen auf, lebt inmitten dieser ganzen Zerrissenheit auch sehr viel Zartheit. Franz Schubert brach den Kompositionsprozess mittendrin ab. Der starke Fluss einer unmittelbaren musikalischen Leidenschaft geht im Wiener Musikverein weiter und wird schließlich in die Zielgerade geführt. Und dieser neue, temperamentvolle Schluss wirkte in diesem Moment wie ein Fazit, wo sich auch Paul Badura Skodas geäußertes Postulat erfüllte, demgemäß erfahrene Musiker den vielen jüngeren „Kollegen“ einen reichen Schatz weiter geben und es dabei immer um echte Begeisterung geht. „Die Fackel muss weiter brennen!“ – lautete das Credo des bald 90jährigen Pianisten.

Stefan Pieper

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Paul Badura-Skoda, Martin Studer. Copyright: Stefan Pieper

 

 

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