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WIEN / Musikverein: CLAUDIO ABBADO KONZERT im Rahmen von WIEN MODERN

Der Kampf mit dem Küchenkastl …

03.11.2018 | Konzert/Liederabende


Friedrich Cerha: Der Vogelschwarm (2014)  Foto: Christoph Fuchs (aus dem Wien Modern Festivalkatalog)

WIEN / Musikverein: CLAUDIO ABBADO KONZERT im Rahmen von WIEN MODERN

Der Kampf mit dem Küchenkastl …

2.11. 2018 – Karl Masek

War ja klug geplant, dieses Konzert! So der erste Gedanke. „Chaos & Ekstase“. Eingerahmt von Joseph Haydn (Die Vorstellung des Chaos, Einleitung zu „Die Schöpfung“, Hob. XXI/2 und Alexander Skrjabin („Le poème de l’exstase“, op 54). Dazwischen3 Uraufführungen.

(Wieder)Begegnung mit 3 Senioren der Musikavantgarde. Alle drei bringen 251 Lebensjahre zusammen.  Der älteste ist Friedrich Cerha, der ein spätes Werk „Drei Situationen für Streichorchester“(2016/2017) vorstellte. Auch im 93. Lebensjahr kein bisschen müde, was Einfallskraft, Klangreichtum und insgesamt originelle Kreativität seiner Werke betrifft. Flächig, meditativ ist seine Musik, mitunter fast naturalistisch bildhaft (Cerha ist auch immer wieder bildnerisch tätig!), wenn er im 2. Teil etwa einen Vogelschwarm imaginiert, der sich über Weingärten hermacht. Natürlich, die Stare sind gemeint! Er meidet schroffe Gegensätze. “Mich interessieren neuerdings viel mehr die feinen Differenzierungen innerhalb eines homogenen Klangkörpers … so wie die totale Gemeinsamkeit in der geringsten Änderung der Flugrichtung…“.Oder der 3. Teil, eineeinzige Klangbewegung von unten nach oben „von einer tiefen , dunklen Masse hinauf bis zu den eisigen Flageoletts der hohen Streicher…“. War Cerha nicht in jungen Jahren Bergsteiger? Ein eindrucksvolles Alterswerk, sehr herzlich akklamiert!


Friedrich Cerha empfängt zur Pause Gratulationen. Neben ihm Gertrud Cerha  (Foto: Karl Masek)

Gleicherweise Positives kann ich über die beiden anderen Uraufführungen, für mich zwei Erstbegegnungen mit den Komponisten (natürlich subjektiv betrachtet!), nicht berichten.

Nicolaus A. Huber (* 1939, Passau, Schüler u.a. von Stockhausen und Luigi Nono) mit „…die arabischen 4 für Orchester“ (2016): Obsessive Glissandi, minimalistische Willkürlichkeit der Ton-, Klang- und Geräuschfolgen. Staubtrocken das alles. Und so, als würde man klanglich in Glasscherben treten. Einige bittere Lacher, „elektronisch verstärkt“. Wenn es einen aktuellen politischen Zeitbezug haben sollte: Sorry, er hat sich mir während der 16 Minuten Spieldauer nicht erschlossen…

Und erst die Hervorbringung des Hans-Joachim Hespos (* 1938), „tapis fou, Symphonische Szene für Sopran, ImprovisierSchrank und ausgeräumtes Orchester mit Gelegenheitsdirigent“ (2016)! 1970 hat er bei einem Konzert im Brahms-Saal einen Skandal ausgelöst, der mit dem legendären Skandal 1913 im Musikverein mit Werken von Schönberg, Berg und Webern verglichen wurde.

Und, was liefert  der damalige musikalische Bürgerschreck heute? Ein Küchenkastl als Perkussions-Instrument auf dem Podium. Eine weibliche Stimme, die wortbefreit von Melismen zu „Kreischgeschrei“ wechselt. In einer Tonlage wie sie Kinder haben, wenn ihnen vor etwas ekelt. „ÄÄÄHHH“! Agata Zubel stellt ihren Sopran zur Verfügung, muss nebst singen: quäken, greinen, kreischen. Sonst auf dem Podium ein Kommen und Gehen und Wiederkommen (also keine avantgardistische Doublette von Haydns „Abschiedssymphonie“!). Eine Art Probensituation, Murmeln, Geräusche wie Straßenlärm aus dem Hintergrund. Tim Schomacker (ImprovisierSchrank) nimmt den Kampf mit dem Küchenkastl auf (das sollte lustig sein …). Putzt(?), wischt, kratzt, schabt, klopft auf dem Möbel herum, räumt hektisch hin und her (?), macht die Laden des Küchenkastls auf und zu, leert den Inhalt aus und bläst schließlich den Staub (des Küchenkastls, des Werkes?) aufs Podium zu den Musikern, die gerade wieder „da“ sind. Haha. Das war’s. Ein Schmarrn, der vor vierzig Jahren schon hoffnungslos „retro“ gewesen wäre. Und auf den Flohmarkt, mit dem Küchenkastl! Das Publikum ließ sich diesen Käse willig gefallen und applaudierte brav.

Der einleitende Haydn: OK. Der abschließende Skrjabin: ach ja! Ekstase war, hitzige Dramatik wurde nach der willkürlichen Minimalistik des Küchenkastl-Tonsetzers dankbar angenommen, „Poème de l’exstase ist  halt (es tut mir leid!) ein überspanntes, hypertrophes, überfrachtetes  „Weltanschauungswerk“. Laut, lauter, am lautesten. Der dröhnende Schluss schrammt  gefährlich in Richtung Kitsch.

Duncan Ward ist ein souveräner Dirigent, der jederzeit die Übersicht behält, ein Könner, schlagtechnisch brillant. Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien ist, ich wiederhole mich da seit Jahren, großartig und für WienModern (und überhaupt fürs Wiener Konzertleben!) unverzichtbar!

Karl Masek

 

 

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