Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/Musikverein: Alle sechs Brandenburgischen Konzerte an einem Abend

Berliner Barock Solisten und Reinhard Goebel spielen J.S. Bach

18.04.2018 | Konzert/Liederabende


Copyright: Berliner Barock-Solisten

WIEN/Musikverein: Alle sechs Brandenburgischen Konzerte an einem Abend / Berliner Barock Solisten und Reinhard Goebel spielen J.S. Bach

17.4. 2018 – Karl Masek

Reinhard Goebel, Jahrgang 1952, renommierter Barockviolinist. Nach einer Nervenlähmung der linken Hand muss er die Instrumentallaufbahn aufgeben und dirigiert fortan.  Immer schon war er radikal, streitbar, apodiktisch. Er ist von sich selbst extrem überzeugt. „Ich glaube, die meisten haben schon Angst vor mir, weil ich ein Wisser bin“, so Goebel in einem Interview, in dem die junge Generation von Musikern ihr Fett abkriegt. Besserwisser sei etwas Schlechtes, aber die Jungen seien zum Teil so maßlos unbeschlagen, dass es schon fast wehtut.„Jede Kraft, die gerade noch eine Geige halten kann, wird in ein Barockensemble aufgenommen …“


Reinhard Goebel. Copyright: Wolf Silveri

Und: 1975 (als er noch mit der Musica Antiqua Köln gearbeitet hatte) sei alles viel besser gewesen. Warum er dort aufgehört habe, sei die „…immer trashiger werdende Alte-Musik-Szene … jedes halbe Jahr muss ja eine neue italienische Boy-Group kommen und Chaconnen am laufenden Band abliefern…“ gewesen und eine „Karnevalisierung der Alte-Musik-Szene“ seit den 90er Jahren.

Ganz schön harter Tobak. Polarisierend, irritierend. Und natürlich zum Widerspruch provozierend. So: Um wieviel besser ist der, welcher andere derart verächtlich macht?

Probe aufs Exempel: Das einleitende Brandenburgische Konzert Nr. 1, F-Dur, BWV 1046: Es klingt so, als müsste man sich erst zusammenfinden auf dem Podium. Sehr pauschal, sehr „al fresco“ musiziert. Klobig, erdenschwer trotz rasanter Tempi. Goebel als Mister 100.000 Volt unter Strom, verspannt. Der Applaus: endenwollend. Oder das finale Allegro des „Dritten“ (G-Dur,, BWV 1048): Hier entsteht der Eindruck, man möchte sich bis zu einem „Prestissimo“ steigern. Trotz der Tempobolzerei kommen dann doch alle zur gleichen Zeit im Ziel an. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist?

Das „Fünfte“ mit dem aparten Traversflötensolo (hervorragend: Jaques Zoon) und der ausufernden Cembalo-Kadenz (in eloquenter Klangrede: Raphael Alpermann) kommt da schon leichtfüßiger, musikantischer, luftiger, daher. Siehe da: Goebel ist bei diesem Werk gar nicht auf dem Podium! Man kann da schon zu der despektierlichen Frage kommen: Braucht ein Ensemble von hervorragenden Musikern bei Werken wie Bachs „Brandenburgischen Konzerten“ überhaupt einen Dirigenten? Schließlich gibt es genug Beispiele, die das bestätigen.

Die Berliner Barock Solisten sind ein Ensemble von hervorragenden Musikern.  1995 gegründet, bestand es unter der damaligen künstlerischen Leitung des Alte-Musik-Spezialisten Rainer Kussmaul aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker und handverlesenen Solisten. Sie spielen erst seit wenigen Jahren mit Dirigenten – und sind kein so genanntes Originalklang-Ensemble. Aber mit historisch informierter Spielweise mit vorangegangenem akribischen Quellenstudium. Und da ist – das sei jetzt fairerweise auch festgehalten – Goebel mit Sicherheit ein absolut profunder Könner, eine Koryphäe. Immerhin ist er seit 2010 als unmittelbarer Nachfolger von Nikolaus Harnoncourt am Mozarteum Professor für historische Aufführungspraxis.

Nach der Pause wurde das Konzert doch noch spannend, und man spürte: da wird vom Orchester ein musikalischer Kosmos durchmessen. Mit Klangschönheit, Transparenz, der Bachs Musik immer innewohnenden intellektuellen Logik – und mit Totaleinsatz. Ein Höhepunkt: Das Konzert Nr. 4, G-Dur, BWV 1049 für zwei Blockflöten, Streicher und Basso continuo. Kantabel und klangsinnlich die paarweise verwendeten Blockflöten. Kerstin Fahr und Isabel Lehmann erfreuten mit perfekter Synchronität und schlankem Ton. Auch der energiegeladene Konzertmeister Roberto González Monjastrug seinen Teil zur Steigerung nach der Pause bei. Hier endlich schien auch Goebel entkrampft und ein souveräner Motivator zu sein, ohne deshalb ständig „unter Strom“ zu stehen.

Am Ende starker Beifall und Bravorufe. Das Publikum war in guter Stimmung.

Karl Masek

 

 

Diese Seite drucken