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WIEN/ Musikverein: 1. PHILHARMONISCHE SOIREE – Tönende Dramen

Wiener Konzerte: 6.10.2014, MV, GS: 1. PHILHARMONISCHE SOIREE – Tönende Dramen

 Die Wiener Philharmoniker konzertierten zwischen 3. und 6. Oktober in Katowice zur Eröffnung der neuen Konzerthalle, in Bratislava im Rahmen des 50. Bratislava Music Festivals und mit gleichem Programm in Wien am Beginn der Saison  2014/2015. Am Pult: Peter Schneider.

 Es gibt gute und sehr gute Dirigenten. Und es gibt noch jene Handvoll, bei denen sich die vor ihnen sitzenden Musiker selbst übertreffen und es als „gewissermaßen philharmonische Herzensangelegenheit“ bezeichnen, unter seiner Leitung zu spielen. „Es gibt so viele große und erfüllte Abende in der Staatsoper, die wir ihm verdanken, und aus dieser starken künstlerischen Verbindung hat sich erfreulicherweise auch die konzertante Beziehung entwickelt.“ (Programmheft, S. 25)

 Die Soiree war einer dieser großen und erfüllten Abende. Trotz aller programmimmanenter Musikdramatik – oder wegen ihr. Verlusterfahrungen – sie sind nicht nur Grundlage vieler Opern, sondern sehr wohl auch für Konzertliteratur unterschiedlichster Art. Verlusterfahrungen – das war der alle Programmteile verbindende „rote Faden“.

 Nicht nur die Wiener Philharmoniker –  die Musik-Welt hat im Juli von Lorin Maazel Abschied nehmen müssen. 52 Jahre lang arbeitete er mit den Philharmonikern zusammen, leitete insgesamt 434 Konzerte und 79 Opernaufführungen. Zum Gedenken an ihr Ehrenmitglied spielten sie zu Beginn die Air aus der Ouvertüre D-Dur BWV 1068 von Johann Sebastian Bach und verharrten danach mit dem Publikum in einer Schweigeminute.

 Das von Krzysztof Penderecki ein Jahr nach der Uraufführung seiner Sacra Rappresentazione  „Paradise Lost“ (Vorlage ist John Miltons gleichnamiges opulentes Epos aus dem Jahr 1667) komponierte Adagietto, ein (zusätzliches) Orchester-Intermezzo  von nur 60 Takten, erklingt im 2. Akt während der ersten Liebesnacht der Menschheit im Garten Eden. Es sind eher dunkle, elegische Klänge, die der Komponist für den Verlust der Unschuld findet. Erst in den letzten Sekunden des knapp 5-minütigen Stückes hellt sich der Klang auf.

Die Aufnahme dieses Stückes in das Konzertprogramm versteht sich als Hommage an den 80-jährigen Komponisten und besonderen Beitrag zur Eröffnung von Polens größter Konzerthalle (1800 Plätze).

 Steht Verlusterfahrung auch hinter Antonín Dvořáks 1894 in New York komponierten „Biblischen Liedern“, op.99 ? Maria Liebhardt verweist in einer Arbeit über den Liederzyklus (Tübingen 2006) darauf, dass sowohl der Verlust materieller Sicherheiten (infolge der amerikanischen Wirtschaftskrise von 1893 war Dvořák nahezu mittellos), der Verlust enger Freunde (Tschaikowsky, von Bülow und Gounod waren zwischen Oktober 1893 und Januar 1894 gestorben) und die Sorge um den schwer kranken Vater, der 2 Tage nach Vollendung der Komposition starb, sehr wohl diese Vermutung bestätigen. In dieser emotional belasteten Situation komponiert Dvořák zunächst das (7.) Lied zu Ps. 137, das von Heimatverlust spricht.  Der gesamte Zyklus (1.-5. und 6.-10. Lied) folgt zweimal der Trias Klage-Vertrauen-Lob.  Die Orchesterfassung ist selten zu hören. Für die Lieder 1 bis 5 stammt sie vom Komponisten selbst (1895). Die Lieder 6 bis 10 wurden im Auftrag des Verlegers Simrock von Vilém Zemánek instrumentiert.

Die tschechische Mezzosopranistin Dagmar Pecková führt ihre runde, warme Stimme wie ein Instrument (der Vergleich mit dem „vox-humana“-Register einer Orgel drängt sich auf), lässt sie oft mit dem Orchester verschmelzen, denn diese Lieder lassen ein Exponieren nur selten zu. Die von Peter Schneider ganz knapp gehaltenen Zäsuren lassen die einzelnen Lieder zu einem Ganzen werden, das viele Stimmungen und Emotionen in sich vereint und am Ende überzeugend schlicht und schön zugleich in den B-Dur-Lobpreis der Schöpfung und des Schöpfers führt. 

 Höhepunkt des Abends und des dramatischen Ausdrucks war Josef Suks Symphonie c-Moll, op. 27, „Asrael“. Der Komponist vermag es (wie beispielsweise auch Schostakowitsch), sein Lebensgefühl unmittelbar in Musik umzusetzen. Mit dieser Sinfonie setzt er zwei geliebten – und verlorenen – Menschen, seinem Lehrer und Schwiegervater Antonin Dvořák und seiner Frau Otylka, ein Andenken.  Beide starben im Verlauf von nur 14 Monaten, Dvořák am 1. Mai 1904, Otylka mit nur 27 Jahren am 6. Juli 1905.  Liebe und Leid, Schmerz und Trauer, Sehnsucht und Resignation, aber auch schwer erkämpfte Hoffnung finden in Suks 5-sätzigem Werk, in dem jeder Satz auf seine Weise eindringlich ist, ihren ganz persönlichen ehrlichen Ausdruck. Emotional ist das hoch anstrengend. Meisterhaft transportiert Peter Schneiders Interpretation Inhalte und Emotionen, Herzklopfen ist dabei noch das Geringste. Wie er am Ende in größter Ruhe den Hörer in einen großen Frieden und die Klarheit des C-Dur führt,  das gehörte für mich zu den schönsten und stärksten Momenten.

Dramaturgisch ist die Sinfonie klar gefasst: Die Sätze 1-3 sind im Gedenken an Antonin Dvořák komponiert, voll widerstreitender Gefühle, schicksalsmächtiger Klangballungen, Stauungen und verzweifelter Ausbrüche. Vieles visualisiert sich sofort beim Hören. Zitate aus Dvořáks Werken (z.B. im 2. Satz ein Zitat aus seinem Requiem) sprechen ebenso für sich wie Rainer Honecks zauberhaft strahlende Violinsoli oder das als „danse macabre“ im fff endende Scherzo – während die anderen Sätze sich im ppp (oft noch mit der Anweisung  perdendosi) verlieren. Nach einer Zäsur beginnt der 4. Satz (Adagio) mit einem glockengleich klingenden Harfenton über einem pp Paukenwirbel. Suk komponiert das Porträt seiner Frau und gibt seiner innigen, liebevollen Beziehung zu ihr (Violinsoli!) Ausdruck. Erinnerung an selige Zeiten, einander nahe zu sein und getrennt zu werden, Bedrohung zu erleben und sich zu verlieren, all das ist nachzuempfinden. Am Ende bleibt ein schwächer und schwächer werdender Herzschlag (Clar I+II). Der Tod bricht zu Beginn des 5. Satzes wie ein Donnerschlag (viertöniges Motiv auf den Pauken) ein und der Schmerz ist wie ein starker Strudel. Der Zusammenhalt der Stimmen scheint zu zerbrechen, die Bezeichnungen marcatissimo und molto espressivo häufen sich in den Stimmen. Es gibt kein Entkommen, es gibt nur Erschöpfung und Ergebung. Nach dieser Katharsis werden die Hörer hinübergeführt in eine Sphäre (Violinen im dreigestrichenen Bereich!), in der alle Erdenschwere weicht und Trauer, Not und Schmerzen aufgenommen und verwandelt werden im großen, warmen Licht des himmlischen Friedens.

Peter Schneider transportiert an diesem Abend mit dem fabaelhaften Orchester die Inhalte derart plastisch, dass man weiß,  was es kostet, zu lieben, zu leiden und nach dem Tod geliebter Menschen weiter zu leben.

 Nach der Uraufführung der Sinfonie am 3.2.1907 in Prag unter Leitung von Karel Kovarovic sagte Josef Suk: „Empfänglichen Seelen und den Menschen guten Willens sagt mein Werk in solch idealer Aufführung sicherlich das, was es sagen wollte.“ Genau das haben wir erlebt. Danke.                                                                                                               

Kerstin Voigt

 

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