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WIEN/ Messequartier/ Halle E: OREST von Manfred Trojahn

28.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Messequartier Halle E: Manfred Trojahn OREST – 28.10. 2014(Österreichische Erstaufführung)

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Copyright: Armin Bardel

–Die Sache ist nicht ganz neu, denn schon der große Händel komponierte 1734 seinen Oreste und verwendete dazu als literarische Vorlage Giovanni GiangualbertoBerlocchisL’Oreste (1722), das auf dem Drama des Euripides basiert. Den gesamten Orestie-Stoff in Form einer Trilogie haben dann Sergej Iwanowitsch Tanejew Ende des 19. Jhd. und Darius Milhaud  im 20. Jhd. vertont.

Manfred TrojahnsMusiktheater in sechs Bildern, nach einem selbst verfassten Libretto, wurde 2011 an der Nederlandse Opera in Amsterdam uraufgeführt. 2013 folgte am Staatstheater Hannover die deutschsprachige Erstaufführung. In diesem, seinem sechsten Musiktheaterwerk, wird das Schicksal des Muttermörders Orest, der nach dem Grund für seine Taten sucht und sich auf diesem Weg immer mehr von göttlicher Fremdbestimmtheit emanzipiert, aufgerollt. Er ist ein Getriebener, Gehetzter und Spielball der Götter Apollon und Dionysos. Einst hatte er auf Geheiß Apollons und zur Befriedigung der Rachegelüste seiner Schwester Elektra ihre gemeinsame Mutter Klytämnestra und deren Buhlen Aigisthzur Sühne des Mordes an ihrem Gatten Agamemnon getötet. Die Erinnyen, die ihn daraufhin verfolgen, werden bei Trojahn zu Beginn der Oper zu einem gespenstischen „Orest“-Ruf von sechs Frauenstimmen, die bisweilen leitmotivähnlich in einer verminderten Quint an sechs Violinengekoppelt werden und die vervielfachte Stimme der ihn anklagenden Mutter Klytämnestra darstellen sollen. Immer wieder hört man diese wehmütigen Stimmen in Momenten äußerster Gewissensqualen des Titelhelden.

Trojahn folgt in wesentlichen Teilen der Vorlage des Euripides, ergänzt um Nietzsches Dionysos-Dithyramben. Dort wird Orest von seiner Schwester Elektra zum Mord an Helena, der Schwester Klytämnestras, derentwegen der Krieg zwischen Menelaus und Paris von Troja ausgebrochen war, aufgestachelt. Vor dem Mord an deren Tochter Hermione schreckt Orest aber zurück, indem er erkennt, dass die Macht der Götter nur auf der Ohnmacht der Gläubigen beruht. Und so weigert er sich, den Willen Apollos erneut blindlings zu vollstrecken. Bei Euripides und Händel werden Hermione und Orestsogar ein Paar. Trojahn aber lässt das Ende offen, indem Orest fortgeht… Auf ähnliche Weise behandelte auch Pierre Bartholomée seinen Antihelden Ödipus in seiner Oper „Oedipesur la route“, nach einem Roman des Psychoanalytikers und Schriftstellers Henry Bauchau (uraufgeführt 2003 am Théâtre de la Monnaie in Brüssel). Die Grundsituation in beiden Oper ist dieselbe: Der Titelheld begibt sich auf eine Sinnsuche ins Innere seiner eigenen Seele.

Und wenn nun Trojahn die Tragödie der Atriden dort fortspinnt, wo sie Strauss/Hofmannsthal in ihrer „Elektra“ beschließen, so setzt er seinem großen musikalischen Vorgänger dadurch ein musikalisches Denkmal, dass er den Oboen das selten verwendete Heckelphon, eine Weiterentwicklung der Bassettoboe, unterlegt. Piccolo- und Altflöte, Bassklarinette, Kontrafagott, Kontrabassposaune,zwei Harfen neben allerlei Schlagwerk und Streicher sind die Zutaten für Trojahns unverkennbaren, mitreißenden, ja geradezu hypnotisierenden Orchestersound. Schwelgerische Harmonien wechseln einander mit harten, zerklüfteten Dissonanzen ab, die sowohl die tragische Grundstimmung als auch die zarten lyrischen Momente pastös einfärben.

Regisseur Philipp M. Krenn lässt die Tragödie in einer schäbigen, Bahnhofsstation in der wenig inspirierten Ausstattung von Nikolaus Webern erzählen. Wie immer dabei sind natürlich Koffer, die einmal geöffnet, einmal geschlossen werden und schließlich noch als eine Art Podest für den alles andere als royalen König Menelaus dienen.

Die schöne Helena ist vor ihrem Auftritt und noch vor dem Zugriff begieriger Männerhände zunächst in eine quaderförmige Litfasssäuleverpackt, bevor sie ihr eigentliches Naturell lasziv und mit mäßig unterdrückter Gegenwehr zur Schau stellen darf. Apollo reizt Orest erneut zum Mord, doch Dionysos erweckt die Tote gegen Ende der Oper wieder zum Leben.

Eine gute Idee war jedoch die Doppelung der Götter, die von einem Sänger gesungen wurden, der als Dionysos, Gott der Ekstase, geschminkt wie Heath Ledger als Joker im Batman-Film „The Dark Night“ (2008) und als zynischer Apollon durch eine Marionettenpuppe à la Chucky agiert.

Befremdlich hingegen wirkt jene Szene, in der sich die Choristen, scheinbar von Ungeziefer geplagt, am ganzen Körper zu kratzen und auszuziehen beginnen. Oder hat ein rächender Apollo die Erinnyen entsandt, um sie mit Polyneuropathie heimzusuchen? Schließlich fallen sie tot um, um gegen Ende der Oper wieder aufzustehen und die Bühne nach dem Hintergrund zu verlassen.

„Woman Power“ hat den Regisseur offenbar auch für jene Szene inspiriert, in der er die rasende Elektra eine um die andere Jacke König Menelaus vom Körper reißen lässt, die dieser zuvor äußerst umständlich, auf aufgestapelten Koffer balancierend und dabei singend, angezogen hatte.

Im Übrigen sitzen alle Beteiligten – scheinbar völlig teilnahmslos – in diesem schäbigen Stationsraum und warten nur auf ihren Auftritt…

Dass der Text über weite Strecken verständlich blieb, hat man der umsichtigen Leitung des amadeus ensemble-wien unter Leitung von Walter Kobéra und letztlich dem Komponisten Trojahnzu danken, der seine Protagonisten niemals orchestral zudeckt.

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Copyright: Armin Bardel

KlemensSander gab mit beeindruckendem Bariton diesen textdeutlich über weite Strecken wie Wagners Wotan deklamierenden, psychisch zerrissenen Orest und der Kanadier Dan Chamandy mit gut geführtem Tenor den schwächlichen Möchtegernkönig Menelaos, der wiederum an den Gibichungenkönig Gunther erinnert.

Gernot Heinrich  reüssierte in der Doppelrolle als Apollon (mit Handmarionette) und Dionysos und bewies auch großes Gleichgewichtsvermögen auf der Lehne einer Bank stehend.

Jennifer Davison steuerte als schöne Helene flirrende Soprankantilenen bei und ihre von Avelyn Francis gesungene Tochter Hermione, die in ihrem etwas schlichten blauen Kleid an Edinas Tochter Saffy (Julia Sawalha) aus der erfolgreichen britischen Sitcom AbsolutelyFabulous erinnert, konnte sich noch in extremen Höhen, als sie von Orest gewürgt wird, behaupten.

Wild und eindrucksvoll sang und agierte Jolene McCleland als Elektra. Schöngesang war bei diesen leidenschaftlichen Ausbrüchen freilich nicht angesagt, aber der Ausdruck stimmte!

Der große Applaus galt dem gesamten Ensemble mit verdienten Bravorufen für den Titelhelden, dem Orchester und seinem Leiter sowie dem Komponisten. Sogar das Regieteam wurde für die gebotene szenische Tristesse mit höflichem Applaus, ohne jegliche Buhrufe, bedankt. Wien ist ebenanders und hält sich – nobel – zurück!                                                        

HaraldLacina

 

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