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WIEN / Lustspielhaus: FAUST

19.07.2012 | Theater

WIEN / Wiener Lustspielhaus Am Hof: 
FAUST ODER EIN DERMATOLOGE AUF DER SUCHE NACH EINER GUTEN HAUT von Franzobel
Premiere: 19. Juli 2012,
besucht wurde eine Voraufführung

Zum dritten Mal tritt Franzobel als „Hausautor“ für die Sommerproduktion von Adi Hirschals Wiener Lustspielhaus an. Die Machart ist immer dieselbe – die Franzobel-Bearbeitung eines Klassikers, der in die enteren Gründ’ des zutiefst Wienerischen gezerrt wird. Nach Goldoni und Shakespeare ist es nun Goethe, gegen den gewütet wird, und zwar gegen das anspruchsvollste aller Stücke, den „Faust“. Keine Angst – das Ergebnis ist so „anders“, dass man sich um das Original nicht sorgen muss. Es blitzt selten genug hervor. Und ist ja bekanntlich unzerstörbar. Schon gar von den Bemühungen eines schlamperten Literaten…

Wer steht also bei Franzobel auf der Bühne? Doktor Johann Faust von Zupfnudel ist nun Dermatologe, was im Stück eigentlich keine Rolle spielt, nur den Titel „auf der Suche nach einer guten Haut“ rechtfertigen soll. Mephisto Wolfram Luzifer Lamperl gibt es auch, Margarete ist als Gretchen Blumengrund vorhanden, die Madame Schwerdtlein als Martha Langbein, geborene Gurkenhax. Die Handlung wurde um zwei Personen erweitert, wobei Fausts Sohn Anton Tupferl wohl für den törichten Schüler genommen werden soll, während die Sprechstundenhilfe des Herrn Doktor, Ernestine von und zu Frottee, für eine Allegorie steht – ist sie doch die Seele, um die es geht, und eine höchst wienerische noch dazu.

„Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen, probiert ein jeder, was er mag“ – das wusste Goethe selbst am besten, stellte die Behauptung ewig zitatfähig in Fausts „Vorspiel auf dem Theater“ und würde sich (schlauer Kopf, der er mit Sicherheit war) wohl kaum darüber wundern, wie Franzobel mit der Vorlage verfährt. Um den alten Faust nicht jung machen zu müssen, lässt der Autor bei der Verwandlung Faust und Mephisto eine zeitlang die Gestalt tauschen, das heißt, jeder spielt den anderen, was so bescheiden lustig ist wie alles andere, das sich da begibt – Sohn Tupferl verliert sein dumm-berechnendes Gretchen kurzfristig an den Papa, Martha Langbein darf gelingen, was Goethe seiner Marthe verwehrt, nämlich Mephisto tatsächlich ins Bett zu ziehen, und die Seele Ernstine (deren „Frotte“-Name nicht ganz einleuchtet) sorgt am Ende für das Happyend mit Faust – er kriegt sie endlich, nachdem er gar nicht an ihre Existenz (nämlich jene der Seele) geglaubt hat…

Die beiden anderen Paare umarmen sich auch, nach zweieinhalb Stunden tritt im Wiener Lustspielhaus also doch noch die Harmonie ein, nachdem man schon dachte, der Autor würde die Zuschauer mit der Aufforderung „Jetzt haut ab“ nach Hause schicken. Aber dazu weiß Intendant Adi Hirschal dann wohl doch zu genau, dass mit man einem Sommertheater-Publikum (auch wenn es nicht weit fahren muss, sondern sich mitten in Wien in einem Zelt einfinden darf)  besser freundlich sein sollte…

 

Was Adi Hirschal nicht wusste – aber er ist ja auch „nur“ Regisseur und nicht Dramaturg: Bei Franzobel wäre eine scharfe Qualitätskontrolle angesagt. Denn worin besteht der Trick des Oberösterreichers (worin er übrigens doch entfernt mit der Jelinek verwandt ist)? Er dreht und wendet die Sprache, bis im besten Fall brillante und absurde Pointen herauskollern, im schlechtesten Fall unverzeihliche Kalauer. Wenn der Dermatologe Faust zu Beginn den Faust-Monolog im Franzobel-Sinn paraphrasiert, gibt es genügend gelungene Wendungen, um die Vermutung nahezulegen, da habe sich der Autor noch einige Mühe gegeben (auch mit dem Überarbeiten und damit, nicht jeden Blödsinn stehen zu lassen). Aber dann beginnt auch sprachlich – vom Inhalt reden wir nicht, Blödsinn bis Schwachsinn sind bei diesen Bearbeitungen programmatisch – die entsetzliche Schlamperei und Schluderei. Die Schauspieler tun sich dann schrecklich schwer, weil sie so viel Mist herauszusprudeln haben. Da knarrt es im Gebälk, und zu retten ist da nicht mehr viel.

Adi Hirschal werkt im Bühnenbild seiner Tochter, die diesmal nicht mitspielt (Maddalena Noemi Hirschal, zusammen mit Matthias Krische) – erst eine Riesenbibliothek, dann ein Wald auf der Pawlatschenbühne. Die Kostüme von Maurizio Giambra sind eher schrecklich, aber was soll’s in diesem Zusammenhang. Und die Regie? Die verlässt sich auf die Schauspieler.

Ronald Seboth als sehr alter Faust ist vor allem ein Grantscherm, während Christian Dolezal über eine Art gelenkiger und schneidender Komik verfügt, die den Luzifer nachdrücklich macht. Bei Maxi Blaha schon im Namen (Martha Langbein) auf ihre langen Haxen aufmerksam zu machen, ist ein gezielter Witz, sie ist überdies höchst eloquent, während Petra Böhm als Gretchen Blumengrund jene geballte Blondinen-Blödheit ausstrahlt, die hier wohl gemeint ist. Dümmlich soll wohl auch Klaus Haberl als Tupferl sein, und er schafft es.

Bleibt Dolores Schmidinger gewissermaßen als programmatische Seele des Abends – sie ist als Schauspielerin und Kabarettistin souverän, und sie wäre noch besser, könnte sie besseren Text von sich geben.

Die Musik hat am Erfolg des Abends, der sich ja doch einstellt, einen nicht unwesentlichen Anteil: Was Wolfgang Tockner am Klavier und Andy Cutic mit der Gitarre zu Franzobels Liedtexten unterlegen, hat den Charakter von Austropop, der ja hierzulande so beliebt ist. Und weil man ja zum Sommertheater mit der festen Absicht geht, sich gut zu unterhalten, und sich selbst nicht enttäuschen will – ja, da gibt’s dann auch den erhofften Beifall. Wenn doch jemand  Franzobel auf die Finger geklopft hätte, dass er ordentlich arbeiten soll, wäre er etwas verdienter gewesen… Denn Menschen mit Sprachgefühl und Ansprüchen leiden an diesem Abend gelegentlich sehr.

Renate Wagner

 

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