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WIEN / Leopold Museum: KLIMT PERSÖNLICH

24.02.2012 | Ausstellungen

 

WIEN / Leopold Museum:
KLIMT PERSÖNLICH
Vom 24. Februar 2012 bis zu 27. August 2012 

Hier spricht der Maler

Seit „Wien um 1900“ ein weltweites Erfolgskonzept wurde, ist Gustav Klimt  mit seinen „goldenen Bildern“ die Galionsfigur der Bewegung. Jede Menge Superlative heften sich bereits an seinen Namen – doch dermaßen „explodiert“ ist das allgemeine Interesse rund um das Phänomen Klimt noch nie. Der Künstler, vor 150 Jahren (1862) geboren, 1918 gestorben, ist zwar in seinen Werken mittlerweile über die ganze Welt verstreut, aber sehr viel ist doch in Wien geblieben. Wenn nun jedes der bedeutenden Museen der Stadt, das Klimt besitzt, diesen in seinem Jubiläumsjahr ausstellt, muss jedes seine eigene und möglichst originelle Thematik finden. Das Leopold Museum nahm den Weg über die Biographie.

Von Heiner Wesemann    

Leben ist malen        Gustav Klimt war noch nicht 56 Jahre alt, als er an einem Schlaganfall starb. Es gab nur eine Konstante in seinem Leben: arbeiten. Und das bedeutete für ihn zeichnen und malen. Dennoch lassen sich genügend Schwerpunkte finden, die im Rahmen einer biographischen Präsentation wirkungsvoll aufzubereiten sind. Das bezieht sich auf Klimts Leben in Wien ebenso wie auf seine Reisen, auf Großereignisse in seiner Arbeit ebenso wie auf den Alltag. Der Mann, der von sich selbst sagte, nicht schreiben und sich verbal nicht ausdrücken zu können, hat dennoch in kurzen Sätzen ganz Wesentliches über sich ausgesagt. Das Leopold Museum stellt die großzügig gestalteten Räume im 3. Stock unter Klimt’sche Selbstaussagen, die sich ebenso auf Grundsätzliches beziehen können wie auf Details, was man bei der Familie Primavesi zu essen bekam…

  

Karten an Emilie        Viele dieser Klimt-Zitate stammen aus Postkarten, die er an die Frau seines Lebens, die Modeschöpferin Emilie Flöge richtete: Sie ist mit vielen Fotos und einem ihrer berühmten „Reformkleider“ in der Ausstellung vertreten. Mögen andere Frauen – vor allem Modelle, von denen wenigstens drei zu Müttern seiner Kinder wurden – auch eine nicht unbedeutende Rolle in Klimts Leben gespielt haben (auch Klimt als Vater gilt ein Gesichtspunkt), so war Emilie doch die Konstante. Rudolf Leopold hat einen Teil der Postkarten, die Klimt an sie schrieb, erworben, für diese Ausstellung wurden weitere aus der Nationalbibliothek geholt, an die 400 sind es geworden mit Nachrichten zwischen 1897 und 1917, viele auch undatiert. Sie „laufen“ in Vitrinen durch sämtliche Ausstellungsräume und bieten gleichsam einen chronologischen Kommentar. Denn Klimt schickte nicht nur Nachrichten von Reisen, er hat selbst im Zeitalter des Telefons rasch eine Karte geschrieben, um Termine zu fixieren oder Kleinigkeiten mitzuteilen – oft nur „GUS“ unterzeichnet. Einen genauen Blick kann man via Touch Screens in der  Ausstellung selbst und ausführlich im Katalog auf sie werfen. Die Idee, den „schreibenden“ Klimt der Selbstzeugnisse so ins Zentrum zu rücken, ist bestrickend.

  

Das Atelier und die Modelle       Es wird eine der Sensationen des Klimt-Jahrs sein, wenn sein Atelierhaus in Hietzing, in der Feldmühlgasse 11, wieder hergestellt und als eigenes Museum zugänglich sein wird. Dort, in einem Haus mit eigenem Atelier daneben, inmitten eines Gartens, hat er ab 1911 gearbeitet. Davor benützte er ab 1892 ein Atelier in der Josefstädter Straße. Dieses wurde in der Ausstellung rekonstruiert – ein Raum mit düsteren, wenn auch für die damalige Zeit modernen Möbeln. Hier sind wohl viele der hinreißenden, zarten Zeichnungen entstanden, die man ein paar Räume weiter sehen kann und die Elisabeth Leopold selbst für ihren „tabulosen, ja schamlosen Blick“ bewundert –manches davon war wohl gar nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt. Die Erotik dieser Werke hat auf den schlechten Ruf zurückgestrahlt, den Klimt in Wien genoss: Er wurde ja verdächtigt, in seinem Atelier mit seinen Modellen Orgien zu feiern. Von den 14 oder 15 Kindern, die man Klimt normalerweise nachsagt, will Franz Smola, der die Ausstellung gemeinsam mit dem neuen Direktor des Hauses, Tobias Natter, und mit Peter Weinhäupl gestaltete, nur sechs gelten lassen. Drei davon hatten selbst Nachkommen, die mit Leihgaben an der Ausstellung mitgewirkt haben.

  

Schauplatz Wien: Von der Universität bis zur Secession     Die Ausstellung, die von dem Vorarlberger Team von Dietmar Eberle uneitel und themenbezogen gestaltet wurde, großzügig trotz der Materialfülle, arbeitet viel mit zeitgenössischen Fotos: Eine wandfüllende Wien-Ansicht der Secession (vor welcher damals noch direkt der Naschmarkt lag) begrüßt den Besucher. Ebenso wandfüllend erblickt man die für die Wiener Universität geschaffenen „Fakultätsbilder“, die ja nur noch in Rekonstruktionen existieren. Klimt auf Sommerfrische im Salzkammergut, am Attersee ist auch mehrfach mit einer Kombination von Fotos und Möbeln plastisch gemacht.

Klimt auf Reisen      Es war ein kurzes Leben und zu arbeitsreich, um viel Platz für Reisen zu lassen (was Klimt auch nicht sehr gerne tat). Doch er war in Ravenna, er war in Brüssel, um das von ihm mitgestaltete Palais Stoclet (derzeit noch eine Woche ausführlich im Belvedere zu besichtigen!) zu sehen. Bei dieser Gelegenheit besuchte er auch das damals neue Kongo-Museum (das es heute noch in demselben Schloß Tervuren gibt) und bekundete höchste Bewunderung für afrikanische Masken- und Figurenkunst: Man hat zwei Stücke hergeholt und aufgestellt – und jenes Bild, das Klimt nachweislich von einem „Kopf eines Negers“ gemalt hat und das verschollen ist, wird in einem leeren Rahmen (nur mit dem Hinweisschild) gezeigt…

Die Gesichter des Gustav Klimt      Klimt selbst hat zahllose Porträts gemalt, aber nie, absolut nie sich selbst. Im Gegensatz zu anderen Malern hegte er kein eitles Interesse an seiner Person. Posierte er allerdings für Fotos, so tat er es durchaus in bewusster Stilisierung. Manche davon (etwa das bei Madame d’Ora entstandene Bildnis) sind weltbekannt und werden immer wieder reproduziert. Aber die Ausstellung hat zahlreiche Fotos von ihm gefunden, die man noch nie gesehen hat, ganze Fotoalben von Urlauben, Spass am Attersee. Aber es gibt Gustav Klimt doch auch gesehen mit den Augen eines Künstlers: das wunderbare Bildnis, das Egon Schiele von ihm in seinem berühmten Malerkittel anfertigte. Schiele malte auch den toten Klimt – ein dreiviertel Jahr später war er selbst tot…

Die Kunstwerke    Man verfängt sich in dieser Ausstellung mit höchstem Interesse im Biographischen. Dennoch sieht man Meister- und Hauptwerke, wenn auch keines der legendären Frauenbildnisse. Doch mit „Tod und Leben“ besitzt das Leopold Museum das nach dem „Kuss“ vielleicht berühmteste Großgemälde Klimts. Zahlreich hat man vor allem seine Landschaften zusammen geholt, die in den Sommern entstanden sind. Der „Apfelbaum 1“, hier zu sehen, war – wie man erfahren konnte – das Lieblingsbild von Peter Altenberg. Von einer „Schönbrunner Landschaft“ liest man, dass Klimt sich nicht entschließen konnte, sie billiger als für 8000 Gulden zu verkaufen. Und ein sensationeller Blickfang ist, weil Jugendstil pur, „Der goldene Ritter“, den sich einst nur die Japaner leisten konnten. Das Museum von Nagoya ließ ihn nun zurückkehren  – wenn auch nur für die Dauer dieser bemerkenswerten Ausstellung. 

Zum Nachlesen    Der Begleitkatalog im Brandstätter Verlag ist so umfangreich wie reichhaltig, voll mit Material, mit profunden Artikeln – und sämtlichen Postkarten an Emilie, auf beiden Seiten abgebildet und transkribiert. Kommt man Klimt in dieser Ausstellung persönlich näher als je zuvor, so leistet dieses Buch mehr als seinen Anteil an Information.

Bis 27. August 2012, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Juni, Juli, August dann täglich geöffnet

 

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