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WIEN / Künstlerhaus: GUSTAV KLIMT – DAS MUSICAL

01.09.2012 | Oper

 

WIEN / Künstlerhaus: 
GUSTAV KLIMT – DAS MUSICAL von Gerald Gratzer
Premiere: 1.September 2012

Das Ganze wirkt perfekt getimt, aber ganz so ist es nicht. Das „Gustav Klimt“-Musical, das nun zum Klimt-Jahr punktgenau im Künstlerhaus landet (eigentlich wäre ja die Secession der richtigere Spielort gewesen…), hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Als man im wunderschönen Gutenstein nach der Intendanz Marboe daran ging, das nunmehrige Nicht-mehr-Raimund-Festival neu zu erfinden (andere sagten: zu zerstören), hätte die Kehrtwendung nicht radikaler sein können. Vom Altwiener Volksstück mit Welttheater-Charakter zum selbst gestrickten lauten, grellen, spektakulären Musical – zum Einstieg wählte man gleich, wie österreichisch, den „Tut Ench Amun“.

Später gab man sich mit Klimt und Schiele dann heimischer. Ungeachtet dessen, dass die Herren eigentlich keine „Vermusicalisierung“ brauchen… Zumindest keinesfalls so dringend wie das neue Gutenstein-Team rund um die Familie Neuspiel.

Musical-Eigenbau hat in Wien ja nun Tradition: die arme Kaiserin Elisabeth und der arme Kronprinz Rudolf kamen bei den Vereinigten Bühnen ebenso an die Reihe wie Freud und Mozart. 2009 hat das Team Sissi Gruber & Birgit Nawrata (Autorinnen), Gerald Gratzer (Komponist) und Niki Neuspiel (als Autor und Produzent) sich Gustav Klimt hergenommen. Und die Dramaturgie des zweieinhalbstündigen Werks ist noch am ehesten gelungen.

Denn man hat sich auf das Wesentliche konzentriert (Personen am Rande wie etwa Alma Schindler, bald darauf Alma Mahler, mit der Klimt ein Verhältnis hatte, wurden beispielsweise ausgeklammert, und man hat sich mit einer Mutter seiner zahlreichen unehelichen Kinder begnügt – an sich gab es mehrere), man hat Geschmacklosigkeiten vermieden (die Models kommen als solche in einer Szene vor und müssen nicht nackt sein), man hat seine Entwicklung vom Historienmaler, der im Dreier-Kollektiv mit Bruder Ernst und Kollegen Franz Matsch arbeitete, bis zum unabhängigen, aber doch wieder abhängigen secessionistischen Modemaler nachgezeichnet und dabei durchaus Schwergewicht auf seinen Kampf um künstlerische Unabhängigkeit gelegt.

Das ist okey – aber interessiert das ein Musical-Publikum? Möchte sich das seinen Nachhilfeunterricht auf der Bühne holen? Um dergleichen entsprechend „g’schmackig“ zu machen, muss da jede Menge Kitsch hinein, nicht nur in Klimts Beziehung zu Emilie Flöge (sie liebten sich – haben sie oder haben sie nicht?). Kurz, ohne einen gewaltigen Akt von Trivialisierung geht es nicht. Und der wird knüppeldicke geboten.

Gestohlen hat man auch – oder „sich inspirieren lassen“: Der große Song der emanzipierten Frauen, was sie alles besser könnten (wo die Männer fest widersprechen), erinnert an „Annie get your Gun“ (Anything you can do, I can do better), wenn Franz Matsch vor den Gemälden des Kollegen/Konkurrenten steht, ereilt ihn ein wahres Shaffer-Salieri-Schicksal, und was das Programmheft den „Genius“ nennt, so ist er wohl mit der Muse aus „Hoffmanns Erzählungen“ verwandt… ja, nur dass die Vorlagen allemale besser sind.

Dass dieser auf dem Reißbrett nicht unintelligent gezimmerte Rahmen nicht sinnvoll ausgefüllt wird, liegt vorerst an der unzulänglichen bis lächerlichen sprachlichen Ausformung der Geschichte („Wie kann der Klimt so süß sein?“ singt Emilie Flöge – ja, wie kann er nur), die immer wieder das Peinliche und das Lächerliche streift.  (* Mittlerweile versichert man mir von Seiten des Teams, dass diese Zeile nicht so lautet. Leider ließ man mich nicht wissen, was ich statt dessen hätte verstehen sollen.) Ja, und schließlich fehlt genau das, was ein Musical ausmacht, nämlich die Musik.

In Form von Lärm, der von dauerndem rhythmischen Gerassel unterlegt wird, ist sie zwar reichlich vorhanden, aber das, was eigentlich verlangt wäre – Melodik, Einfälle, formaler Abwechslungsreichtum, gekonnte orchestrale Ausführung, das fehlt völlig. Wenn man schon die Trivialität begeht, „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ in die Pause zu schmettern, da sollte einem doch zumindest irgendein wirkungsvoller Choral oder etwas adäquat Passendes einfallen. Aber nein. Zwischen den gesprochenen Szenen brechen die Darsteller immer wieder in Solo- oder Zwiegesänge aus – und einer ist so langweilig und einförmig wie der nächste. Schon darum wäre der Abend schwerlich in die Kategorie Musical (das ist immerhin eine Kunstform) einzureihen.

Immerhin hat man sich, schon 2009 in Gutenstein und in den wichtigen Rollen auch hier, versierter Musical-Darsteller versichert, und die retten in der soliden, nur selten dümmlichen Inszenierung von Dean Welterlen, was zu retten ist: Voran André Bauer, immerhin schon lange genug in Österreich, um als gebürtiger Sachse nicht über das verlangte Wienerisch zu stolpern. Als Sänger und Gestalter hat er mit dem „Gust“, den man ihm hier auferlegt, keine Schwierigkeiten. Und zusammen mit Sabine Neibersch als attraktiver Emilie Flöge gibt er ein Liebespaar, das den Abend trägt.

Immerhin darf Lucius Wolter die zum Gegenpart aufgebauschte Figur des Franz Matsch mit ein paar wirkungsvollen Szenen ins Licht rücken. Harald Tauber ist in der Figur des Kolo Moser durchaus überzeugend als aggressiver Kunst-Revolutionär eingesetzt. In der Gestalt von Dennis Kozeluh müht sich ein geborener Amerikaner mit dem Wienerischen – die Figur für einen Minister hat er schon eher.

Bettina Soriat muss aus der Serena Lederer eine Blödel-Rolle machen (so doof sollten die reichen jüdischen Industriellengattinnen, die Klimt für die Ewigkeit malte, nicht gewesen sein – aber es müssen ja auch die Klimt-feindlichen Professoren der Universität als Kabarett-Dodeln herüber kommen). Zum nervigen Teil des Darsteller-Angebots gehört auch Linda Geider, im Body tanzend (mindestens wie die Schwestern Wiesenthal zusammen) und leider auch singend und so etwas wie eine allegorische Figur darstellend. Nicht gut.

Der Rest ist „Ensemble“, das auch kleine Rollen übernimmt, vom Choreographen Cedric Lee Bradley gelegentlich im „My Fair Lady“-Schritt geführt, von Komponist Gerald Gratzer am Keyboard (plus Drums) und einem unsichtbaren Mini-Ensemble begleitet. Wer immer für die Aussteuerung des Abends verantwortlich war, hat schlecht an den Knöpfen gedreht. Allerdings – vielleicht war’s ein Vorteil, dass man zumindest beim Gesang den unsäglichen Text selten verstand…

Die Ausstattung (Bühnenbild: Eduard Neversal) ist geschickt, weil sie sich mit Projektionen auf drehbare Wände begnügt und wenige Accessoires braucht, die Kostüme (Uschi Heinzl) sind attraktiv (sterbend bildet Klimt mit seiner Emilie quasi ein lebendes Bild des „Kusses“ – das kann man finden, wie man will). Zu den besten Effekten zählten jene Szenen, in denen Klimts Bilder wie wild umherrasten (Norbert Wuchte, für „Motiondesign / Videoprojektionen“ geführt, war wohl dafür zuständig).

Am Ende großer Jubel. Es erstaunt schon ein bisschen, dass man in Österreich mit so minimalem sprachlichem und musikalischem Aufwand ein „Musical“ kreieren kann und damit auch noch durchkommt, wenn man es einigermaßen überzeugend garniert.

Renate Wagner

Gustav Klimt – das Musical
1. September – 7. Oktober 2012
Künstlerhaus, Karlsplatz 5, 1010 Wien
Täglich außer Dienstag, Vorstellungen 19.30 Uhr, Sonntag 18 Uhr.
Mittwochs Vorstellungen in englischer Sprache.
Eingang durch das Künstlerhauskino, gespielt wird in einem eigens dafür eingerichteten Ausstellungssaal des Künstlerhauses selbst

 

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