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WIEN / KHM: IM SCHATTEN DER PYRAMIDEN

27.01.2013 | Ausstellungen

  

WIEN / Kunsthistorisches Museum:
IM SCHATTEN DER PYRAMIDEN
Die österreichischen Grabungen in Giza (1912–1929)
22. Januar 2013 bis 20. Mai 2013

Zeitreise in die Vergangenheit

Ein Modell des Felsplateaus von Giza empfängt den Besucher zu allererst  im Ausstellungsraum des Kunsthistorischen Museums. Und weil Ägypten zu den klassischen Reiseländern zählt, haben zahlreiche Österreicher mit eigenen Augen gesehen, wovor sie hier stehen und einen Überblick gewinnen: Die Pyramiden von Cheops, Chephren und Mykerinos, die Sphinx, die am Eingang wacht. Noch heute ist das Areal nicht gänzlich erforscht. Vor hundert Jahren hat Österreich hier bedeutende Ausgräber-Leistungen gesetzt. Eine auch auf moderne, „interaktive“ Medien setzende Ausstellungen macht sowohl die Pharaonen wie die österreichischen Archäologen von anno dazumal für uns heute lebendig.

Von Renate Wagner

 

Das Felsplateau von Giza     Zwar hat das „Tal der Könige“ bei Luxor den spektakulärsten Fund der Ägyptologie freigegeben, als Howard Carter dort das Grab des Tut-ench-Amun entdeckte. Aber Ägypten hat kein unverkennbareres „Signet“ als die drei großen Pyramiden, die als eines der sieben Weltwunder der Antike galten und vor denen Napoleon seine Soldaten darauf aufmerksam machte, dass vier Jahrtausende auf sie herabblickten. Rund um die Pyramiden erstreckt sich eine riesige Nekropole des „Alten Reichs“ (ca. 2650 – 2190 v. Chr.) mit so genannten „Privatgräbern“ – das heißt von Würdenträgern, die wichtig genug waren, sich eigene Gräber leisten zu können, die aber nicht zur unmittelbaren Familie der jeweiligen Pharaonen zählten. Giza war vor hundert Jahren eines der begehrtesten Ausgrabungsfelder. Dort erhielt die Österreichische Akademie der Wissenschaften (nachdem man 1910 zuerst in Tura, in der Nähe von Kairo tätig geworden war) eine weitreichende Grabungslizenz. Man begann 1912, musste 1914, beim Ausbruch des Krieges, unterbrechen, und kam von 1925 bis 1929 wieder.

Der Göttertausch des Hermann Junker     Der Rheinländer Hermann Junker (1877-1962), der später seinen großen Ruf verlor, als er sich der NSDAP anschloss, war ursprünglich katholischer Priester. Aber seine Leidenschaft galt der Ägyptologie, und so tauschte er den katholischen Gott gegen den reichen Götterkosmos der Ägypter. Als erfolgreicher Ausgräber wurde er Ordinarius für Ägyptologie an der Universität Wien und war dann für die Grabungen in Giza zuständig (die die Österreicher mit der Universität Leipzig getauscht hatten, die dafür in die Gebiete Nubiens gingen, wo Junker seine ersten Erfolge erzielt hatte). In Österreich und Deutschland hoch geachtet, war Junker bis 1929 als Ausgräber tätig und leitete danach für zehn Jahre das Deutsche Archäologische Institut in Kairo. Was er und sein Team fanden, legte einen Grundstein für die herausragende Ägyptische Sammlung des Kunsthistorischen Museums (die man natürlich zusätzlich zur Ausstellung besichtigen soll – wunderbar ausgestattete Räumlichkeiten gleich rechts in der Eingangshalle im Halbstock).

Probleme des Grabungsalltags     Der zentrale Raum der Ausstellung gilt den rund 110 Exponaten (von denen ein großer Teil Leihgaben sind), links davon hat man den Ausgräbern eine Ausstellungs-„Kammer“ eingerichtet – mit historischen Fotos, mit einigen der Instrumente, die sie benützten, und mit Auszügen aus Junkers Tagebüchern, die vorgelesen werden und einen faszinierenden Einblick in den Grabungsalltag gewähren. Da ging es überaus lebhaft zu, ob man Konkurrenten abwehrte, sich mit den Arbeitern herumplagte, unter Insekten und Schädlingen litt.

    

Hem-Iunu kommt nach Wien     Das spektakulärste Ausstellungsstück ist die lebensgroße Sitzstatue von Hem-Iunu, der als Neffe von Pharao Cheops und als Bauleiter von dessen Pyramide eine bedeutende Persönlichkeit war. Die Österreicher holten das wunderbare Stück gleich 1912, zu Beginn der Ausgrabungsarbeiten, in Giza aus seinem Grab. Doch, egal wer Objekte auch gefunden haben mochte – verteilt wurden sie von den Ägyptern, die sich die besten Werke behielten, den Rest per Los dann den verschiedenen Ausgrabungsteams zuteilten. So kam Hem-Iunu nach Hildesheim in das Museum jenes Wilhelm Pelizaeus, der die Wiener Ausgrabungen auch sponserte. Nun stellt Hem-Iunu den Hauptanziehungspunkt der Wiener Ausstellung dar, die darüber hinaus vor allem die drei „Pyramiden-Pharaonen“ dokumentiert – mit Köpfen von Cheops und Chephren, weiters Figuren, wie man sie in den Gräbern fand, Grabplatten, Steinteile aus den Gräbern, Gefäßen, Objekten. Ein Raum auf der rechten Seite, in schummrigem Dunkel gehalten, zeigt im Zentrum einen Holzsarg (ägyptische Mumien ruhten bekanntlich in mehreren über einander geschlossenen  Särgen), auf dem noch eingeschnitzte Inschriften zu erkennen sind.

 

Lobenswert und fleißig: die Damen   Die zahlreichen Fotos, die von den Grabungen erhalten sind, zeigen nicht nur Ägypten, wie es vor 100 Jahren aussah, sondern geben auch Einblick in den Alltag des Teams. Und da waren auch Damen vertreten, Junkers Schwester Maria, die Schwestern von dessen Assistenten Wilhelm Czermak. Sie waren keinesfalls nur als Dekoration dabei, sondern halfen organisatorisch bei den Grabungen. Darüber hinaus haben sich Ada und Paula Czermak für die Nachwelt wirklich verdient gemacht. Damals war die Kunst der Fotografie noch nicht so weit, dass man die farbigen Wandmalereien der Gräber befriedigend hätte dokumentieren können: Die fleißigen Schwestern allerdings fertigten mit aller Sorgfalt wunderbare Farbkopien an, die einen Blickfang der Ausstellung bieten.

    

Der digitale Spaziergang      Neben den originalen Objekten gibt es mehrere Möglichkeiten, virtuelle Reisen in die Vergangenheit zu unternehmen. Besonders jugendliche Besucher können sich ja selbstverständlich in dieser Welt bewegen, die ihnen beispielsweise per Knopfdruck ermöglicht, in Gräber hinabzusteigen und die Ausstattung räumlich zu erkunden. Auch ein 3D-Flug über die Pyramiden ist möglich. Die von Dr. Regina Hölzl (Direktorin der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien) und ao. Univ.-Prof. Dr. Peter Jánosi (Institut für Ägyptologie der Universität Wien) kuratierte Ausstellung hat da eng mit der Technischen Universität Wien zusammen gearbeitet.

Bis 20. Mai 2013, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr

 

 

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