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WIEN / KosmosTheater: SEHR GEEHRTER ZUSCHAUERRAUM

09.03.2012 | Theater

 

v.l.n.r. Vera Borek, Julia Cencig, Florentin Groll, Sylvia Haider, Gabriele Schuchter. Foto: Bettina Frenzel

WIEN / KosmosTheater:
SEHR GEEHRTER ZUSCHAUERRAUM von Elisabeth Augustin
Premiere: 8. März 2012,
besucht wurde die Generalprobe

Hinter jedem Mann… ja man weiß es schon. Eine Frau. Wenn es nur eine wäre! Rund um so manchen Mann stehen weit mehr Frauen, als man verkraften kann. Oder brauchen diese männlichen Egofabriken den überreichen Zuspruch? Von Mutter, Ehefrau, Freundin-Mitarbeiterin und dem G’spusi noch dazu?

Dermaßen war jedenfalls Karl Valentin im wahren Leben eingekreist, und auf der Bühne des KosmosTheaters macht sich das jetzt besonders schön. Zum Brüllen komisch. Und dabei durchaus tiefsinnig. Kurz, Valentin wie er leibt und lebt, hinreißend verlebendigt durch die vielfachen Fähigkeiten von Elisabeth Augustin, die an diesem Abend beweist, dass die Charakteristik „Münchner Volkskomiker“ viel zu kurz greift: Da steckte schon viel mehr dahinter…

Elisabeth Augustin war als Burgschauspielerin nicht immer so beschäftigt, wie sie es sich gewünscht hätte. Statt zu jammern, hat sie früh begonnen, eigene Projekte auf die Beine zu stellen. Dieses über Karl Valentin, oder genauer (wie der Untertitel besagt) „Liesl Karlstadt und die anderen Frauenzimmer im Hause Valentin“ ist schrankenlos gelungen. Da steht er auf der Bühne, der männliche Unglückswurm, und die Autorin schafft es, jede der Frauen rund um ihn zu profilieren. Es geht schließlich privat drunter und drüber rund um den „Scharl Falle“, wie die letzte Freundin, Annemarie Fischer, ihn nennt…

Daneben aber taucht man ganz zwanglos via Valentin-Sketche, Couplets und Texte in die geistige Welt des Karl Valentin ein, der große Komiker, der ebenso ein Sprachphilosoph war wie ein Absurder, als Erscheinung und Person so skurril wie sein Werk. Und am Ende hat man einen Lebensumriss auch noch mitgeliefert bekommen.

Das und nicht weniger erwacht da auf der Bühne zum Leben. Ein Mann und ein Frauenquartett, das ihn – im witzigen Bühnenbild von Ilona Glöckel, goldrichtig gekleidet von Elke Gattinger – quasi umtanzt. Wo Musik benötigt wird, greift Hannes Marek in die Tasten. Die Welt des Karl Valentin erzeugen die Darsteller in Elisabeth Augustins pointiert-witziger Regie selbst – alle sind des nötigen bayerischen Zungenschlages, ohne den es hier nicht geht, mächtig. Sie setzen ihn allerdings so ein, dass er für ein Wiener Publikum nur anheimelnd, aber nie unverständlich wirkt.

Erstaunlich, wie viele erstrangige Schauspieler offenbar in Wien herumlaufen und „zu haben“ sind: Elisabeth Augustin konnte in jeder Partie höchstrangig besetzen, jeder Darsteller trifft sozusagen punktgenau seinen Charakter.

Gabriele Schuchter ist die Liesl Karlstadt, jene Frau, die Valentin nicht nur ihr Leben und ihre Liebe, sondern auch ihre uneingeschränkte Arbeitskraft zur Verfügung gestellt hat (und wie Brecht seine Frauen beutete auch Valentin die Liesl aus – vielleicht nicht ganz so berechnend wie der Kollege aus Augsburg). Die Schuchter, klein, schlank geworden und dennoch die Silhouette der Karlstadt bietend, spielt private Verzweiflung und jene urwüchsige Schlichtheit, die sie auf der Bühne ausstrahlen musste, schlechtweg virtuos, kann hinterfotzig sein und von Herzen naiv – und kann außerdem noch, wie man weiß, herrlich singen (sogar jodeln):  das ist glanzvoll.

Sylvia Haider ist als Valentins ergebene Hausfrau-Gattin, die sich doch immer ärgerlich beschwert (und in noch ein paar anderen Figuren), so gut, wie sie im Burgtheater selten sein durfte, Vera Borek gibt die lästig-liebende Mutter, Julia Cencig die hingebungsvolle Geliebte, und sie alle steigen noch in viele andere Rollen, wenn die Autorin Valentin-Sketche ins Geschehen einarbeitet.

Ja, und der Mann in der Mitte? Sicherlich, Florentin Groll schafft es nicht, so klapperdürr zu sein wie das bestens bekannte Vorbild, aber alles andere schafft er perfekt, die scheinbar sture Dümmlichkeit, die zelebrierte Langsamkeit, hinter der ein blitzschneller Geist rotierte, die männliche Hilflosigkeit angesichts der Frauenwelt um ihn.

Schöner hätte man dem Karl Valentin (mit „f“ bitte, sprich: Falentin!) nicht huldigen können.

Renate Wagner  

 

 

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