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WIEN / KosmosTheater: KEIN LICHT

25.09.2013 | Theater

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WIEN / KosmosTheater:
KEIN LICHT von Elfriede Jelinek.
Sprechoper. ÖEA der erweiterten Fassung
Premiere: 24. September 2013

„Kein Licht“, allgemein als Elfriede Jelineks „Fukushima“-Text bezeichnet, obwohl das Wort nicht vorkommt, per Selbstdefinition eine „Sprechoper“, wie ja eigentlich immer bei ihr, geistert schon seit einiger Zeit über die Bühnen. In Köln hat man das Werk 2011 uraufgeführt, in Salzburg eine erweiterte Fassung gezeigt, und nun gelang es dem Regisseur Ernst M. Binder, die Autorin selbst als Sprecherin eines Textes in das Geschehen einzubinden. Solcherart ist „Kein Licht“ nun zur zweieinhalbstündigen Trilogie erweitert in Graz herausgekommen, zum Musikfest Bern weitergewandert und nun im KosmosTheater gelandet, wo ganze zehn Vorstellungen (nach der Premiere noch neun) auf die Jelinek-Freunde warten.

„Jammert laut, jemand hat uns die Welt versaut“, heißt es einmal, und wie prägnant und brillant die Jelinek mit Sprache umgehen kann, ist ja keine Neuigkeit – sie tut es hier wieder, wenn auch (und auch das ist keine Neuigkeit) mit durchaus unterschiedlicher Qualität. Wenn auf der Bühne fünf junge Frauen in hellen Gewändern kauern und ein Mann unter ihnen (mit Brille als „blind“ gekennzeichnet, wenig in den Text eingreifend, später heftig ein Fahrrad auf der Stelle tretend – Werner Halbedel), hört  man erst eine zeitlang Elfriede Jelinek selbst in ihrem unverkennbaren Tonfall vom Band. Es ist Zivilisationskritik, die sie den Besuchern im Zuschauerraum entgegenhält, mit leiser Häme hingesprochen.

Dann kommen die Frauen zu Wort – wer sind sie? „Instrumente“, die einander nicht mehr hören? Wie viel versteht man noch in unsrer Welt? So, wie die Jelinek ihre Sprache dreht und wendet, versteht man auch ihre Aussage nicht immer – zumal, wenn ihre schwer nachzuvollziehenden Gedankengänge staccato hingeschleudert werden. Immerhin, wenn der Regisseur Ronja Jenko, Eva Kessler, Mona Kospach, Gina Mattiello und Ninja Reichert anhält, im Sprechchor etwa eine gefühlte halbe Stunde lang oder mehr exakt denselben Text – es ist eine „Sprechoper“, da muss es auch Chor geben? – zu exekutieren, ohne dass eine einzige auch nur einmal stolpert, dann kann man diese Konzentrationsleistung, die auf perfekter Beherrschung des Handwerks basiert, nicht genug bewundern. In den vielen Drehungen und Wendungen, die die Jelinek hier im Gedankenkonstrukt unternimmt, kommt sie auch wieder einmal auf die sinnlose Starverehrung unserer Zeit zu sprechen, die ihr – wie man auch aus anderen Werken weiß – ein besonderer Dorn im Auge ist. Die Selbstverblödung der Menschen eben.

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Am eindrucksvollsten wird es allerdings nach der Pause. Denn da kommt Libgart Schwarz als „eine Trauernde“, und sie nimmt den Text nun nicht als Virtuosenstück, sondern als nachvollziehbare Reflexionen eines echten Menschen – langsam, überlegend, resigniert, auf Interpretation und Vermittlung dessen ausgerichtet, wo man bei der Jelinek sonst nicht immer durchdringt. Was habt Ihr aus Eurer Welt gemacht? lautet die Klage der Autorin, und damit hat sie ja nun wahrlich recht. Man hat sie zerstört, man zuckt mit den Achseln, macht weiter Geschäfte, wird an der Verseuchung zugrunde gehen und zieht dennoch keine Konsequenzen. Ja, so ist es…

 „Kein Licht“ präsentiert wieder jene seltsame Form des Jelinek-Theaters, das sich auf unseren Bühnen als Sonderform ja wohl durchgesetzt hat, wenn es auch nicht jedermanns Sache ist. Aber in diesem Fall: eindrucksvoll, daran ist nicht zu rütteln.

Renate Wagner

 

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