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WIEN/ Konzerthaus: SWR-SYMPHONIEORCHESTER unter Teodor Currentzis (Strauss, Mahler)

29.02.2020 | Konzert/Liederabende


Teodor Currentzis

28.2.2020 Wiener Konzerthaus: SWR Symphonieorchester unter Teodor Currentzis mit Richard Strauss und Gustav Mahler.

Der griechisch-russische Mastermind der Klassik, Teodor Currentzis (geb. 24.2.1972), konnte mit der letzten Saison überraschender Weise als Chefdirigent des 2016 neu etablierten SWR Symphonieorchesters gewonnen werden. Hervorgegangen aus der Zusammenlegung zweier traditionsreicher deutscher Orchester, nämlich des Radio-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, hat es der wohl einflussreichste und polarisierendste Dirigent unserer Zeit geschafft, dem neuen Klangkörper in kürzester Zeit Zusammenhalt, Kraft und eine bemerkenswerte Qualität zu verleihen. Nach Mahlers Dritter 2018, Schostakowitsch 7. im Juni 2019 und einer unglaublichen 9. Symphonie von Mahler vergangenen Dezember gastierte das SWR am 28. Februar 2020 nun zum vierten Mal im Wiener Konzerthaus.

Da es bereits mein 22. Abend mit Teodor Currentzis war und ich jedes Mal auf´s Neue extrem bewegt und begeistert war dachte ich, dass mich wohl so leicht nichts mehr überraschen kann. Weit gefehlt!

Der Abend wurde mit „Tod und Verklärung“, Tondichtung für großes Orchester op. 24 von Richard Strauss (1864 – 1949) begonnen. Geschrieben 1889 in Weimar gelangte die symphonische Dichtung am 10.3.1915 in Eisenach zur Uraufführung, geleitet vom Komponisten selbst. Das Werk beschreibt das Sterben eines Menschen mit der Trennung von Körper und Seele in vielen raffiniert rhythmischen Abstufungen, wohl inspiriert von den philosophischen Werken Arthur Schopenhauers, die Strauss mit Begeisterung las. Es ist ein Paradestück für großes Symphonieorchester und bietet dem empfindsamen Zuhörer eine eindringliche und positive spirituelle Botschaft.

Beginnend mit einem ruhigen Largo das von dumpfen, drängenden Paukenschlägen bestimmt wird bis es vom kraftvollen, tragischen Kampfthema abgelöst wird. Das später zentrale Verklärungsthema wird hier bereits in den hohen Geigen vernehmbar. Die symphonische Dichtung endet in einer hymnischen Übersteigerung in strahlendem C-Dur.

1894 wurde Richard Straus von Friedrich von Hausegger um eine Inhaltsangabe zu diesem Werk gebeten. Der Komponist erklärt, dass die Todesstunde eines Künstlers beschrieben wird, der immer nach höchsten Idealen strebte. Der Kranke schläft schwer, unregelmäßig atmend. Er hat angenehme Träume, die ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Dann das Erwachen. Schmerz und Fieber branden wieder auf. Als der Anfall vorbei ist zieht seine Kindheit und Jugend an ihm vorüber. Seine Sehnsüchte, sein Verlangen. Mit dem Wiederkehren der Schmerzen scheint ihm sein Lebenswerk unvollendet. Mit dem nahen des Todes verlässt nun die Seele den Körper um im ewigen Weltraume alles vollendet zu finden.

Ich habe das Werk schon einige Male erleben dürfen wobei mir eine Aufführung mit den Wiener Philharmonikern unter Mariss Jansons 2017 im Musikverein besonders in Erinnerung geblieben ist. Aber was Teodor Currentzis und das SWR an Eindringlichkeit vermitteln kann ist unnachahmlich. Als deutsches Orchester fließt Richard Strauss sowieso quasi im Blut dieses Klangkörpers aber der Chefdirigent weiß genau wie er dieses Blut in Wallung bringt um zu optimaler Wirkung zu gelangen und das Stück zu einem erhebenden und glückseligen Ende zu bringen. Absolute Stille im Konzertsaal nach dem Verklingen des letzten Tons das erst durch ein offenbar nicht zu unterdrückendes, glückselig gehauchtes „Bravo“ eines Besuchers vom Applaus verdrängt wird.

 


Teodor Currentzis

Nach der Pause wird Strauss jedoch von Mahlers 1. Symphonie in einer Pracht und Herrlichkeit überstrahlt, die diesen Konzertabend endgültig unvergesslich macht. Gustav Mahler (1860 – 1911) ist das große Idol Teodor Currentzis. Seine Musik hier in Wien aufzuführen scheint ihn jedes Mal extra zu beflügeln, zu beglücken und die Musiker seines Orchesters zu Höchstleistungen anzuspornen. Zu sehen wie jede einzelne Note verinnerlicht ist, wie jeder Fingerzeig und jeder Ausdruck im Gesicht des Dirigenten Mahlers Geist wiederspiegelt ist ein bewegendes Erlebnis. Als ein Besucher in dem sonst fast immer absolut stillen Saal hustet, dreht sich Currentzis in dessen Richtung. Es mag Zufall gewesen sein, aber in diesem Moment fiel mir ein, dass Mahler während seiner legendären Dirigate an der Wiener Oper störende Zuhörer durch direkte, mahnende Blicke sofort zum Verstummen brachte. Teodor Currentzis als Reinkarnation des großen Gustav Mahler kam mir sofort in den Sinn…… Auf jeden Fall ist er DER Mahler Dirigent unserer Zeit. Ich habe niemanden gehört, der diese Musik in solcher Vollkommenheit, Eindringlichkeit und Schönheit dem Publikum so nahebringen kann. Nach der erschütternden 9. Symphonie Ende letzten Jahres ließ mich diese Interpretation der ersten Symphonie nun beglückt und freudig begeistert jubeln.

Gustav Mahler vollendete seine Symphonie Nr. 1 in D-Dur 1888, allerdings reichen die Skizzen dazu bis ins Jahr 1884 zurück und Änderungen wurden bis 1910 vorgenommen. Angeblich war eine unglückliche Liebe seine Inspiration aber auch ein populäres, parodistisches Kindermärchenbuch mit dem Titel „Des Jägers Leichenbegängnis“, in dem die Tiere des Waldes den Sarg des verstorbenen Jägers zu Grabe tragen.

Die Uraufführung am 20.11.1889 in Budapest leitete der Komponist selbst, allerdings in einer Fassung, die sich erheblich von der aktuellen unterscheidet. Die Reaktionen des Publikums waren von Verwirrtheit geprägt. Die Pressestimmen bescheinigten dem hochgeschätzten und begehrten Dirigenten kein wirkliches Talent als Komponist…

Mahler verfasste zum besseren Verständnis seines Werks dann ein erläuterndes Programm, das den ersten Teil z.B. so beschreibt:

„Aus den Tagen der Jugend, Blumen-, Frucht- und Dornenstücke. 1. Frühling und kein Ende (Einleitung und Allegro comodo) Die Einleitung stellt das Erwachen der Natur aus langem Winterschlafe dar…..“

Die programmatische Hilfestellung des Komponisten half dem Publikum nicht sondern erschwerte den Zugang zur Musik sogar noch und so wurde sie nach der vierten Aufführung in Berlin wieder verworfen. Für ein Konzert 1893 in Hamburg gab Mahler seiner Symphonie dann den Titel „TITAN – eine Tondichtung in Sinfonieform“ wobei er sich wahrscheinlich auf den gleichnamigen Roman von Jean Paul bezog, allerdings ohne diesen musikalisch abzubilden. Ursprünglich fünfsätzig, hat sich Mahler aus qualitativen Überlegungen dazu entschlossen, den eigentlichen zweiten Satz „Blumine“ zu streichen. So haben wir das heutige viersätzige Werk mit den Bezeichnungen:

  1. Langsam, schleppend, wie ein Naturlaut – im Anfang sehr gemächlich
  2. Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell – Trio recht gemächlich
  3. Feierlich und gemessen ohne zu schleppen
  4. Stürmisch bewegt

Der erste Satz beginnt wahrlich zukunftsweisend, weit in das 20. Jahrhundert hineinreichend und schafft durch Klangfarben räumliche Tiefe. Ligetti meinte dazu:

„…es ruft die Assoziation eines riesigen leeren Raums hervor. Diese verschiedenen Perspektiven der Verräumlichung, diese neue Art des Komponierens war nur durch die Entdeckung der Klangfarbe als selbstständige musikalisch Dimension möglich.“

  1. Die Streicher im Flageolett klingen wie durch Nebel…Der Tag bricht an und erwacht in mystischen Klangbildern. Man fühlt sich in der Natur gefangen, Vogelstimmen… der Mensch wandert in den beginnenden Tag und die Sonne geht in strahlendem Hörnerschall auf. Das Lied „Ging heut morgen übers Feld“ aus dem Liederzyklus des „Fahrenden Gesellen“ wird aufgegriffen, angespornt durch immer widerkehrende Trompetensignale bis hin zum jähen Ende.
  2. Die beschwingte, idyllische Zwischenstation des zweiten Satzes ist von Ländlern und Walzer Klangbildern geprägt.
  3. Im dritten Satz dann das „Bruder Jakob“ Thema im Kontrabass das nach und nach vom ganzen Orchester im Kanon verarbeitet wird. Das erste Beispiel typisch Mahlerscher Collagentechnik. Heurigenmusik und Wienerlied, dann aber jäh auftretende düstere Totenmarsch Stimmung die wieder in derbe, zum Tanz aufspielende Musikantenklänge umschlagen.
  4. Wie ein Blitz aus der dunklen Wolke springt der vierte Satz das Publikum an. Gewaltige Steigerungen und Ausbrüche, unterbrochen von zwei sanften Zwischenspielen und in einem turbulenten Kehraus endend. Der Weg von der Hölle ins Paradies.

Begeisterte Stürme des Applauses und Jubelrufe die Teodor Currentzis mit einer Rede unterbrach. Er betonte wie sehr er und auch das Orchester Wien lieben und wie besonders Auftritte hier sind. In der Stadt der Musik in der mit Mahlers Werken der Weg in die Moderne beschritten wurde. Das gelte es fortzusetzen und so kann er diesen Abend nicht so einfach ausklingen lassen. Er betont dass er die Grenzen zwischen Orchester und Publikum aufgelöst möchte und es zu einem echten Miteinander kommt. Er bat uns nach einer 20 Minuten Pause wieder zu kehren und zeitgenössische Musik anzuhören. Fast alle Zuhörer kamen dieser Aufforderung nach und so wurde als Abschluss dieses herausragenden Konzertabends „Okanagon für Harfe, Kontrabass und Tam-Tam“ (1968) von Giaccinto Scelci (1905 – 1988) im abgedunkelten großen Saal des Wiener Konzerthauses gespielt. Harfe: Renie Yamahata, Kontrabass: Felix von Tippelskirch, Tamtam: Franz Bach.

Nach dem Konzert war Intendant Matthias Naske, der designierten Staatsoperndirektor Bogdan Roščić sowie Dirigent Ektoras Tartanis zu sehen. Teodor Currentzis selbst war blendender Laune, es gehe ihm auch ausgezeichnet. Eine Lieblingssymphonie von Mahler hat er übrigens nicht, er schätzt und liebt jedes einzelne Werk. Als ich ihm noch von meiner Mahler Reinkarnation Eingebung erzählte meinte er „You are right.“ Teodor Currentzis erzählte uns, dass seine nächsten Konzerte in der Schweiz bereits wegen des Corona Virus abgesagt wurden und er hofft sehr, dass sein Beethoven Zyklus ab 23.3. mit dem von ihm gegründeten musicAeterna hier im Konzerthaus wie geplant stattfinden wird.“ Das hoffen wir natürlich auch und zwar inständig. Danke an alle für diesen bemerkenswerten Abend!

Helena Ludwig

Die 80jährige Mutter der Rezensentin und Fotografin mit Teodor Currentzis.

Das Programm kann auf SWR Classic nachgesehen werden (vom 14.2. in Stuttgart): https://www.swr.de/swrclassic/symphonieorchester/SWR-Web-Concerts-SWR-Symphonieorchester,livestream-currentzis-mahler-strauss-100.html

Teodor Currentzis und das SWR Symphonieorchester: https://www.swr.de/swrclassic/teodor-currentzis-zur-person,article-swr-164.html

https://www.konzerthaus.at/

Bericht und Fotos: Helena Ludwig – https://www.facebook.com/helena.ludwig

Informationen recherchiert aus dem Programm des Wiener Konzerthauses und aus dem Harenberg Konzertführer.

 

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