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WIEN/ Konzerthaus/ „RESONANZEN – 5. GEBOT „Du sollst nicht töten“

23.01.2020 | Konzert/Liederabende

22.1.2020: Konzerthaus 5. Gebot / Konzert „RESONANZEN“: Du sollst nicht töten

Gibt man in einer Suchmaschine die Worte Mord und Komponist ein, so erscheint an vorderster Stelle sicher ein Verweis auf Gesualdo. Don Carlo Gesualdo di Venosa (1566 – 1613) war ein Neffe des Kardinals Carlo Borromeo (der Opernfreunden aus Pfitzners Palestrina bekannt ist). Nach dem Tod seines älteren Bruders wurde er mit 20 Jahren regierender Fürst und heiratete im gleichen Jahr seine Cousine Maria di Avalos. Nach vier Jahren erfuhr er, dass seine Frau ihn mit dem neapolitanischen Adeligen Fabrizio Carafa betrügt. Wie König Marke im Tristan gibt er vor, auf einen längeren Jagdausflug zu ziehen, kehrt früher zurück und überrascht das Paar in flagranti. Es ist nie geklärt worden, ob er selbst den Mord begangen hat, jedenfalls war das eine Scheidung auf italienisch, wie sie noch Mitte des vorigen Jahrhunderts verfilmt wurde und für einen Ehrenmord musste sich ein Adeliger in dieser Zeit sicher nicht vor einem Gericht verantworten. Dass dieser Stoff es erst Ende des 20.Jahrhunderts auf die Opernbühne brachte ist mindestens so verwunderlich, als dass es dann gleich mindestens vier Werke gab. (Die Oper von Schnittke war auch in der Staatsoper zu sehen, brachte es aber – leider – in 12 Jahren nur auf 14 Aufführungen.) Schuldgefühle und Selbstgeißelungen sind aber für Gesualdos weiteres Leben verbürgt. Trost spendete ihm sein musikalische Schaffen. In seinen Madrigalen ging er harmonisch weit über die üblichen Grenzen hinaus und wirkt sehr modern. Für die nächtlichen Stundengebete der Karwoche komponierte er gegen Ende seines Lebens sechsstimmige Responsorien, wobei für jede Nacht drei Gruppen von drei Psalmen standen.

Die Gruppe Graindelavoix unter ihrem Leiter Björn Schmölzer kam diesmal dankenswerter Weise nicht mit einer szenischen Performance wie bei ihrem Wien-Debut vor drei Jahren, wo auf der stockdunklen Bühne die Sänger jeweils die einzige leuchtende Glühbirne suchen mussten und Motetten mit Texten von Samuel Beckett gemischt wurden. Die beiden Damen (Anne-Kathryn Olsen und Teodora Tommasi) und sechs Herren (Rezek-François Bitar, Albert Riera, Andrés Miravete, Adrian Sirbu und Arnout Malfilet) positionierten sich im Halbkreis und davor mimte Björn Schmelzer mit großen Gesten den Dirigenten eines Riesenensembles. Den Sängern konnte er sich besser verständlich machen als dem Publikum seine Vorstellung zu verdeutlichen, wann er den Applaus für angebracht hielt. Das Ensemble machte klar, dass es Graindela voix und nicht Brillerdelavoix heißt, aber die „Mördermusik“ war jedenfalls den Abend wert.

Wolfgang Habermann

 

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