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WIEN / KHM: Gustav Klimt im Kunsthistorischen Museum

14.02.2012 | Ausstellungen

 

                   Direktorin Sabine Haag vor „ihrer“ Klimt-Brücke      (alle Fotos: Heiner Wesemann)

 WIEN / Kunsthistorisches Museum:
Gustav Klimt im Kunsthistorischen Museum
Vom 14. Februar bis zum 6. Mai 2012  

HINAUFKLETTERN LOHNT SICH

Das Erlebnis ist unikat: Noch nie hat es auf der Prunkstiege des Kunsthistorischen Museums dergleichen gegeben. Eine Brückenkonstruktion hängt über der Treppe und ist vom Foyerrund her zugänglich. Sie führt in nie geahnter Höhe zu nie geahnter Nähe von etwas, was man schlicht „die Zwickelbilder“ nennen kann. Denn diese, von unten und aus der Distanz kaum auszunehmen, stammen von Gustav Klimt. Und er ist – selbst Direktorin Sabine Haag benützte den Ausdruck – der „Superstar“ der heimischen Malerei. Der Künstler, dessen „Jahr“ man 2012 anlässlich seines 150. Geburtstags ausruft. Nicht weniger als neun Großausstellungen allein in Wien sind vorgesehen – keine Institution, die auf sich hält, wird an Klimt vorbeigehen. Vielleicht werden wir in ein paar Monaten vom „Overkill“ sprechen. Nun hat das „Kunsthistorische“ das Recht der ersten Nacht für sich in Anspruch genommen und den Klimt-Ausstellungs-Reigen eröffnet. Und mit der Möglichkeit, zu Klimt „hinaufzuklettern“ (tatsächlich sind es bequeme Stufen, kein Leitersteigen nötig) hat das Haus gleich einen Knalleffekt gesetzt.

Von Heiner Wesemann

Die talentierten Teenager      Sie waren nach heutiger Terminologie „Teenager“, als sie sich zu einer selbst so genannten „Maler-Compagnie“ zusammen schlossen: 1880 war Gustav Klimt (1862-1918) gerade 18 Jahre alt, sein früh verstorbener Bruder Ernst Klimt (1864-1892) 16, sein Kollege Franz Matsch (1861-1942) 19 – und sie waren alle ganz ungemein begabt, wenn auch auf verschiedene Weise. Der führende Maler der Ringstraßen-Epoche war damals Hans Makart, der auch am neu zu errichteten Hofmuseum mitarbeitete – seine Gestaltung der Lünetten (die halbkreisförmigen Bilder über den Rundbogen, den großen Malern gewidmet) wurde vollendet und zieht bis heute, als leichter sichtbar und erkennbar, die Blicke auf sich. Makart starb 1884, und da wurde viel „Arbeit“ frei. Die drei jungen Maler durften 1886 an der Feststiege des Burgtheaters mitwirken und erhielten 1890 den Auftrag, sich mit dem ungemein schwierigen Problem auseinander zu setzen, die „Zwickel“ der Stiegenhausarchitektur des Hofmuseums zu gestalten. Diese Bilder, tadellos erhalten und in strahlenden Farben leuchtend (wie man sich nun überzeugen kann), zeigen den jungen Klimt bereits auf der Höhe seiner handwerklichen Meisterschaft – und auf dem Weg zu seinem urpersönlichen Stil.

    Pallas und Isis

 Spaziergang durch die Epochen     Gustav Klimt bekam die Nordwand zur Gestaltung, also die „hintere“, da man über die Prunktreppe hinauf schreitend die Südwand anblickt. Nur eines der Motive, das Florentinische Cinquecento und Quattrocento, ist an der Westwand zu finden – mit einer bildschönen Nackten, nur mit einem Schmuckgürtel unter dem Busen „bekleidet“, und einem martialischen Helden mit Schwert in der Hand. Im übrigen sind an der Nordwand von links nach rechts die Motive des Römischen und Venezianischen Quattrocento vertreten (links eine „Ecclesia“ in Gestalt einer Schönen im Prunkmantel, die eine Tiara trägt, rechts das klassische Bild eines Dogen), danach in der Mitte links die Griechische Antike (mit einer prachtvollen Athene im roten Gewand – ein Motiv, das Klimt später vielfach wiederholt hat), rechts das alte Ägypten mit der Göttin Isis als prachtvolle Nackte mit Pharaonenperücke und einem Himmelsflügel im Hintergrund (alles sorgfältig nach Vorlagen kreativ gestaltet). Rechts huldigt Klimt dann der altitalienischen Kunst, links mit einem Jüngling, rechts mit einer unirdisch schönen Heiligen – die in die Klimt’sche Zukunft weist.

 Der Vergleich macht sicher      Die Brücke ist zwar für Gustav Klimt gebaut, bietet aber an den Seiten die Möglichkeit, sich auch die Werke von Bruder Ernst und von Kollegen Matsch näher zu betrachten, und da macht der Vergleich dann doch sicher: Die Qualität und auch die souveräne Eleganz des Gustav Klimt’schen Malens, die Selbstverständlichkeit seiner Figuren, vergleicht sich bei beiden Kollegen mit einer gewissen Künstlichkeit, die durchaus etwas Affektiertes und auch Berechnetes hat. Interessant ist, dass gerade Matsch, der doch dem Historismus stark verbunden war, noch eine große Karriere machte, von manchen Zeitgenossen auch höher geschätzt wurde als Gustav Klimt… Das hat die Nachwelt relativiert. Man ist von der „Brücke“ aus auch dem Deckengemälde von Mihaly Munkacsy nahe, dieser etwas pathetischen Apotheose der Renaissance, von der es später, im Ausstellungsraum, auch noch einen Ölentwurf (immerhin einen Quadratmeter groß) zu finden gibt. Kurz, der genaue Blick lohnt sich, das „Außerordentliche“ an Gustav Klimt ist keinerlei Einbildung.

  

Im Vergleich das Ornament: Fabbiano und Klimt

Ornament und Gold       Es ist dem Kurator Otmar Rychlik tatsächlich gelungen, anlässlich dieser Ausstellung einen „neuen“ Beweis zu führen – und hat doch auch er gedacht (wie viele der nonchalanten „Kenner“ des Werks), dass es zu dem Thema Gustav Klimt nichts Neues mehr zu finden und zu erkennen gäbe. Angesichts der Darstellung der „Heiligen“ kann man erkennen, dass Klimt die Darstellung der Ornamente geradezu eins zu eins von dem Gemälde des Antonio da Fabbiano, eine Krönung Marias, übernommen hatte, das er im Museum betrachten konnte. Mehr noch – dieses Bild von 1452 ist gewissermaßen „in Gold getaucht“, und es scheint einleuchtend, dass Klimt hier so manches für seine spätere Arbeit entdeckt hat: Die Genauigkeit in der Darstellung etwa menschlicher Gesichter – und der besondere Reiz, den es bedeutete, sie in Ornamente zu hüllen. Kommt dann noch das dominierende Gold dazu, hat man den „Kuss“ (für den man allerdings ins Belvedere wandern muss) und damit eines der berühmtesten Gemälde der Welt… Und man muss sich von der Idee verabschieden, dass Klimt seine Ornamente auch vom Japonismus und Exotismus bezogen hat, die als Folge der Wiener Weltausstellung in die heimische Kunst kamen: 1873, als diese Ausstellung statt fand, war er schließlich erst 11 Jahre alt, und das ist auch für ein hoch begabtes Wunderkind früh…

Der Klimt der Ringstraße     Nun ist das Kunsthistorische Museum, wie man weiß, kein Haus der „Moderne“, Werke ab dem 19. Jahrhundert wurden in Wien in anderen Institutionen gesammelt, aber das hindert das KHM nicht, in seinem zentralen Sonderausstellungsraum noch an die hundert Exponate zusammen zu tragen, die in verschiedener Hinsicht interessant sind. Thematisch wendet man sich dabei jenen Arbeiten zu, die der junge Klimt im Rahmen der Entstehung der Ringstraße geschaffen hat – er war bekanntlich auch an der Ausgestaltung der Burgtheaterstiege beteiligt. Nicht erhalten sind seine (allerdings durch viele Besprechungen populär gebliebenen) skandalumwitterten Fakultätsbilder für die Universität, nicht erhalten ist auch der Musiksalon im Palais des Industriellen Nikolaus Dumba (ebenso wie die Universitätsbilder Opfer des Zweiten Weltkriegs). Aber es gibt Entwürfe und Fotos, und es gibt auch originelle Ausritte in der Ausstellung: So hat man sich aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck ein Porträt des Komponisten Josef Pembauer aus dem Jahre 1890 geliehen. Nicht, weil dieses selbst so interessant oder Pembauer so berühmt wäre, sondern – wegen des Rahmens. Rechts oben am Goldrahmen hat Klimt nämlich, um dem Musiker zu huldigen, eine Kithara dargestellt. Und diese begegnet einem in Klimts Werk immer wieder, wenn er zu seinen zahlreichen Darstellungen der „Musik“ ansetzte (eine davon war schon bei Dumba zu finden)…

Zwei Kataloge     Das KHM hat die Ergebnisse der Forschungen in gleich zwei Katalogen niedergelegt: „Klimt im Kunsthistorischen Museum“ bietet auf einem Ausklappbild eine Übersicht über die ganze „Nordwand“, weiters Detailansichten und Schilderungen wie Erläuterungen der gesamten Ausstellung. „Gustav Klimt, Franz Matsch und Ernst Klimt im Kunsthistorischen Museum“ von Otmar Rychlik würdigt die Treppenausstattung in allen Details. Was die zu erwartende Phalanx der Wiener Klimt-Ausstellungen betrifft, so erhält der Besucher bei seinem ersten Ausstellungsbesuch einen „Klimt Pass“: Die Ermäßigung pro Eintritt beträgt zwar nur jeweils einen Euro, aber auch das läppert sich, wenn man neunmal geht… Übrigens: die „Klimt-Brücke“ wird noch über die Ausstellung hinaus das ganze Klimt-Jahr hindurch stehen bleiben.

 Bis 6. Mai 2012, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

 

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