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WIEN / Kasino: SECHS TANZSTUNDEN IN SECHS WOCHEN

15.05.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kasino des Burgtheaters:
SECHS TANZSTUNDEN IN SECHS WOCHEN von Richard Alfieri
Premiere: 11. Mai 2019,
besucht wurde die Vorstellung am 14. Mai 2019

Das war sie also tatsächlich, die letzte Premiere der Burgtheater-Ära von Karin Bergmann. Ein wenig staunen darf man schon. Es konnte ihr nie progressiv genug zugehen – und dann endet sie mit einer peinlich trivialen amerikanischen Schnulze? Aber man weiß ja, was beabsichtigt war: Es wird – der Titel ist Omen – getanzt in den „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“, und nach der Vorstellung ist das Publikum aufgefordert, mitzutanzen. In die Zukunft. Leicht muss man sein, mit leichten Händen halten und lassen… ein beschwingtes Finale.

Na ja, wenn das Stück von Richard Alfieri (sein einzig „echter“ Erfolg übrigens) nur etwas besser wäre. 2001 herausgekommen, hat man es schon 2005 im Volkstheater gesehen (mit Toni Böhm und Ernie Mangold). Auch das Burgtheater hat für die Kasino-Aufführung optimal besetzt, wie auch anders. Aber es ist harte Mühe, sich durch die so billig spekulierte Sache durchzukämpfen – vor allem für die Schauspieler.

Sie ist eine einsame ältliche Witwe, aber „young at heart“, wie die Amerikaner sagen. Sucht Gesellschaft, lässt unter dem Vorwand von Tanzstunden, die sie nicht braucht, einen Tanzlehrer zu sich nach Hause kommen. Sie ist anfangs schroff, er hingegen überdreht, um zu verbergen, dass er nur ein armer, oft von den Mitmenschen verletzter Schwuler ist, der sich schützen möchte.

Und natürlich wird aus den Raufbolden des Beginns – eine wunderbare Freundschaft. Dann hören wir sie nach und nach, die Lebenslügen und die Tragödien, seine an Alzheimer verstorbene Mutter und seine Fehlschläge im Liebesleben, ihr schroffer Mann und die an einer Abtreibung verstorbene Tochter. Und am Ende ist sie – man glaubt es kaum – auch noch todkrank. Und er hält ihr Händchen. Triefende Aussage: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei…

Ja, und dazwischen wird getanzt, und darauf hat Regisseurin Martina Gredler besonderen Wert gelegt. Da gibt es nicht nur die „echten“ Tanzversuche in der Wohnung, da treten sie aus der Rampe und liefern zu Life-Musik wahre Show-Szenen. Schade nur, dass die meiste Musik zu den einzelnen Tänzen nicht wirklich gut gewählt ist. Vor allem beim Walzer hätte es tausend bessere Möglichkeiten gegeben, als die gesungene Version von „Mein Herr Marquis“ zu unterlegen…

Andrea Eckert ist die für eine Sechzigerin viel zu jugendlich wirkende Lily. Natürlich kann sie „alles“, die Kratzbürste und die Resignierte, die Gefühlvolle und die Traurige. Dergleichen spielt eine Schauspielerin ihrer Größenordnung vom Blatt, versprüht Charme und sieht in den dauernd wechselnden Kostümen von Lejla Ganic teils atemberaubend aus.

Nicht durchgehend überzeugend ist Markus Meyer als jener Michael Minetti italienischer Abstammung, der die Exzentrik – auch wenn sie, aus Unsicherheit geboren, also künstlich sein soll – dermaßen absichtsvoll überdreht, dass sie nichts mehr zum Charakter erzählt, sondern nur nervt. Leider sucht er nicht die Figur, sondern nur den Effekt. Er kompensiert aber vieles mit einem Tanzbein, das durch den ganzen Körper zu gehen scheint und die Eckert mitreißt. Da spielt sogar etwas Erotik mit – zwischen, brutal gesagt, der Alten und dem Schwulen… Alfieri hat offenbar schon zu Jahrtausendbeginn gespürt, dass in den Außenseitern starkes Potential steckt.

Während der Vorstellung hatte man nicht immer das Gefühl, dass das Publikum voll mitgeht, aber der Beifall im ausverkauften Kasino war stark. Wie’s dann mit der Burgtheater-Good bye-Disco weitergegangen ist, darüber kann die nichttanzende Kritikerin, die sich verzogen hat, keine Auskunft geben…

Renate Wagner

   

 

 

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