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WIEN / Kasino: NACH DER OPER. WÜRGEENGEL

13.02.2012 | Theater

WIEN / Kasino des Burgtheaters:
NACH DER OPER. WÜRGEENGEL
Eine masochistische Komödie von Martin Wuttke nach Luis Buñuel
Premiere: 12. Februar 2012  

„Der Würgeengel“ (El ángel exterminador), 1962 in Mexiko gedreht, zählt zu den weniger populären, aber von Kennern höchst geschätzten Filmen von Luis Buñuel. 2003 hat Thomas Ostermeier eine Bearbeitung an der Berliner Schaubühne gezeigt. Vielleicht hat diese Martin Wuttke nicht gefallen, denn er versucht es nun erneut, Elemente dieses Films in einer, wie er sein Stück nennt, „masochistischen Komödie“ auf die Bühne zu bringen. Nicht so kulinarisch wie damals die Kollegen in Berlin und um ein essentielles Element angereichert: um „Tristan und Isolde“.

Die Herrschaften, die sich bei Buñuel nächtens im Haus eines reichen Gastgebers einfinden, kommen aus dem Besuch eines Theaters, und der Film hat extrem wenig Musik. Bei Wuttke, der dem Titel noch die Worte „Nach der Oper“ vorangestellt hat, kommen sie aus der Oper, aus „Tristan und Isolde“. Und in der Folge geht es ihm drei pausenlose Stunden lang (und es sind sehr, sehr lange Stunden…) um die Verschmelzung der Film-Idee von den Menschen, die „eingeschlossen“ sind, nicht von Mauern, sondern von sich selbst, und um Wagners mythisch-orgiastische Todessehnsucht und –suche.

Es gibt tatsächlich eine Menge „Tristan“ an diesem Abend, wobei man besonders bewundert, wie junge Universitätsstudenten unter Arno Waschk ein Kammerorchester bilden, das beeindruckend nicht nur Wagner, sondern in einer Szene auch Schönberg spielt. Da interpretiert Agnes Palmisano eine Szene aus der „Erwartung“, im übrigen sind die restlichen drei Sänger mit dem dritten Akt „Tristan“ befasst: Martin Mairinger (den man schon im Theater an der Wien gehört hat) in der Titelrolle, überraschend ausdrucksvoll angesichts seiner Jugend, Duccio Dal Monte als König Marke, der auch im Stück selbst noch als skurrile Figur herumgeistert. Hege Gustava Tjønn muss Zweidreiviertelstunden (!) warten, bis sie zu „Isoldes Liebestod“ ansetzen kann, nach dem dann glücklicherweise nichts mehr kommt: Wagners „Tristan“ ist, wie wir wissen, die Ultima Ratio zu diesem Thema…

Bis dahin kann man allerdings nicht sagen, dass das wilde Chaos, das Martin Wuttke aus Buñuel, Wagner und weiteren Texten (vordringlich verstiegene Philosophen) angerichtet hat, wirklich überzeugt. Man kennt zwar den Ausspruch des Regisseurs Buñuel, Psychologie zu hassen, aber dennoch stellt er in seinem Film doch einen Figurenkosmos hin, der sich trotz der surrealen Handlung als ein zwar wirres, aber interpretierbares Bürgertum entfaltet.

Wuttke hingegen geht es kaum darum, dass man etwas von den Figuren erkennt und begreift. Das liegt einerseits an der von ihm gewählten Dramaturgie: Da hat er seine Schauspieler in verschwenderischer, unübersichtlicher Fülle auf der Spielebene des Kasinos verteilt, auf Sofas, Sesseln, Tischen (Ausstattung: Nina von Mechow), hie und da darf einer aufstehen, herumirren und etwas wie einen Monolog von sich geben. Überdies weigert sich der Regisseur den ganzen Abend lang in ermüdender Weise, das Geschehen ganz normal wie eine Bühne zu beleuchten oder auch nur so zu inszenieren, dass man immer weiß, wer gerade zu wem spricht. Zur Erhöhung der allgemeinen Unübersichtlich werden die Wände fast ununterbrochen mit surrealen, auch grausigen Videofilmen à la  Buñuel überzogen (Meika Dresenkamp), was jegliche Konzentration unmöglich macht. Im Grunde sind die Stellen, wo Richard Wagner waltet, die einzigen Ruhepunkte für den Zuschauer.

Der Rest ist ein wohl inszeniertes Chaos, das seinen Sinn kaum preisgibt – aber das Eingeschlossensein als Metapher hat Wuttke offenbar nicht genügt. Es wird furchtbar viel dahergeredet, sagen wir es offen: dahergeschwafelt, manches mag sich ein Philosoph ausgedacht haben, auf der Bühne deklamiert, klingt es wie affektiertes Blech.

Der Abend hat 22 Protagonisten und wirkt, als hätte der Direktor ihn als Beschäftigungstherapie für sein Ensemble gerne gestattet, kommen doch Mitglieder auf die Bühne, die sich schwerer Vernachlässigung ausgesetzt sehen. Aber wenn man etwa eine Schauspielerin wie Andrea Clausen besitzt und sie dann, statt Hauptrollen für sie zu suchen und Stücke für sie zu spielen, in einer noch dazu albernen Nebenrolle verkommen lässt – was soll’s? Es sind eigentlich, um die Wahrheit zu sagen, alles nur alberne Nebenrollen. Aber natürlich, wenn eine Maria Happel, eine Catrin Striebeck zu großen Szenen ansetzen, dann ist das schon was. Besonders viel plappern muss Stefanie Dvorak, und es wirkt nicht, als käme es ihr aus dem Kopf und dem Herzen. In welcher Funktion sich Yohanna Schwertfeger, erst Dienstmädchen, dann im Abendkleid, herumräkelt, bekommt man nicht heraus. Die schöne Adina Vetter probt den Selbstmord, Bibiana Zeller irgendwelchen esoterischen Schnickschnick, Ignaz Kirchner beklagt sich über mangelndes Gedächtnis (die Souffleuse stand als Dienstmädchen verkleidet auf der Bühne und kam relativ oft dran), Peter Matic mimt einen Dirigenten, Oliver Masucci einen Arzt, Dirk Nocker ist für Furze zuständig, Lucas Gregorowicz hat man schon in großen Rollen gesehen – er ist verschwendet wie etwa auch ein Branko Samarovski. Damit die restlichen Herrschaften nicht unter den Tisch fallen (wie sie es auf der Bühne wahrlich tun) – Franz J. Csencsits, Gerrit Jansen, Anna Starzinger, Stefan Wieland, Peter Miklusz sind auch noch dabei. Nicht einer der Genannten darf eine greifbare, runde Figur darstellen, aber darüber hinaus sind sie auch als Symbole schwach, verschwommen, undurchsichtig. Was also?

Lang ist es, mühsam, oft langweilig. Einige gingen nach einer Stunde und haben nichts versäumt. Und mancher von denen, die geblieben sind, mag in sich hineingemurmelt haben, dass Wuttkes „masochistische Komödie“ ein sadistischer Theaterabend ist, der die Zuschauer vordringlich sekkiert…

Renate Wagner

 

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