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WIEN / Kasino: DIE FROSCHFOTZENLEDERFABRIK

22.12.2011 | Theater

WIEN / Kasino des Burgtheaters:

DIE FROSCHFOTZENLEDERFABRIK von Oliver Kluck

Uraufführung

Premiere: 21. Dezember 2011 

Jana Schulz  / Foto: Barbara Zeininger

Als Österreicher jault man auf – wenn auch nur leise, man ist ja Kummer gewohnt -, wenn man in ein Theaterstück gehen soll, in dem von „Froschfotzen“ die Rede ist. Freilich, wüsste man mehr von der „guten, alten DDR“, dann bräuchte man nicht die Erklärung im Programmheft: Als „Froschfotzenleder“ bezeichnete man dort minderwertiges Leder oder Lederersatz, Putzleute nennen ihre Putzfetzen so, die „Trabi“-Sitze bestanden daraus.

In Oliver Klucks Stück fungiert der Begriff, wie man uns mitteilt, als „Steigbügelhalter für unsere Geschichte, als Allegorie auf ein verunglücktes Leben.“ Oder gleich mehrere verunglückte Leben. Immerhin kommen sie als solche von den Bühnentreppen, und das ist schon mehr, als man zuletzt Anfang Dezember bei dem schlechten Scherz des Herrn René Pollesch („Die Liebe zum Nochniedagewesenen“) behaupten konnte. Dass allerdings eine Mischung aus Rest- Theater, aus Happening, aus Performance herausgekommen ist, dürfte einer wahren Sisyphosarbeit aller beteiligten Interpreten zuzuschreiben sein.

Denn das Burgtheater veröffentlicht auch den Text – und da sieht man kein Stück. Tatsächlich macht es Oliver Kluck, der 1980 auf Rügen Geborene, der schon einige Theatererfolge zu verzeichnen hat, hier wie die Jelinek – er schreibt und schreibt und schreibt. Text. Und dann wirft er ihn den Theatern hin. Oder, wie Regisseurin Anne Bergmann in einem Interview erhellend erklärte: „Oliver hat bei der Konzeptionsprobe gesagt:  Hier habt ihr den Text. Guckt, was ihr  darin entdecken könnt und dann lass ich mich überraschen.“

Allerdings muss der Autor dann auch in Kauf nehmen, dass die Regie (in diesem Fall die Regisseurin) macht, was sie sich vorstellt – das beginnt mit filmischen Rückblicken auf die DDR, mündet irgendwann in ein Hochzeits-Happening im Zuschauerraum und schleppt am Ende nicht, wie im Text steht, auch die Froschfotzenleder-Näherinnen herbei, sondern nur eine Schar Migranten mit der Aufgabe, möglichst fremd auszusehen. Und gibt dem Stück dann noch ein Thema.

Derer, der Themen nämlich, sind es fast zu viele. Mit den vage angedeuteten Schauplätzen Krankenhaus, Fabrikantenvilla, TV-Interview, Pornostudio stopft Oliver Kluck in seine Geschichte, was der heutige Alltag spekulierend nur hergibt. Von den verheerenden Zuständen in den Krankenhäusern (mit – hier, natürlich nur hier – bestechlichen Ärzten) bis zu den Verhältnissen in den Fabriken, wo man allerdings nur den zynischen Fabrikanten kennen lernt, der die Klamotten der Neonazis produziert und nichts dabei findet („Neonazis raus“ klingt, so meint er, genau so wie „Juden raus“…). Man segelt dann stark am Wind heftig in die Welt der totalen Pornographie, und weil soziales Gesülze unvermeidbar ist, bekommen wir außer der steten Forderung, die Fabriksarbeiterinnen besser zu bezahlen, auch noch die Phalanx der Migranten. Kurz, Oliver Kluck rührt heftig um im Themenkessel. Allerdings so kursorisch und oberflächlich, dass nichts Wirkliches dabei herauskommt.

Das Publikum sitzt im Kasino des Burgtheaters an Tischchen vor einer fünfstöckigen Riesentreppe, die in einer griechischen Säulendekoration mit roten Samtvorhängen mündet (Bühnenbild: Katrin Nottrodt, der Kostümmix: Claudia González Espíndola). Das wird am Ende alles demoliert, und wenn die Säulen (glücklicherweise nur Pappteile) runterkrachen, rollt sich darauf eine rot-weiß-rote Fahne auf. Nein, die Bundeshymne wird nicht gesungen, aber ein Walzer erklingt, in dem sich alle (auch die Migranten) zuckend ergehen, bevor das Stück nach knapp zwei pausenlosen Stunden sein Ende findet.

Regisseurin Anna Bergmann hat tatsächlich einiges an Dialogen aus dem Kluck-Texten gestanzt, die dann nach und nach eine Art Stück ergeben, das sich an der Rolle der „Tochter“ entlang hantelt. Sie und der Arzt, den sie anfangs im Krankenhaus abschleppt, wo die Mutter protestierend hingebracht wurde, sind die durchgehenden Figuren, drei weitere Schauspieler interpretieren alle anderen Rollen. Von Zeit zu Zeit wird, wie im Text vorgesehen, verfremdend irgendetwas erzählt. Meist herrscht so viel Bewegung („Action“), auf den Treppen, auf Seitenräumen, durch die Zuschauertische, aufgeputzt mit Videosequenzen (dass Schauspieler spielen und man ihnen gleichzeitig, riesig vergrößert, auf Leinwänden beim Spielen zusehen darf – das gehört heutzutage einfach dazu).

Es wird von Anfang an, wenn die Familienmutter auch vom Vater gespielt wird, eine Menge Klamottiges eingebracht, es gibt Szenen, in denen musicalartig gerockt wird, und interaktiv wird es schon vor der Torte, wenn die Tochter in ihrer Eigenschaft als Pornodarstellerin nicht nur ihre Hardcore-Bilder in Aktion riesig auf die Wände projiziert, sondern auch noch ein dazugehöriges Bilderbuch verkauft (60 Euro, ein Käufer fand sich, ob Lüstling oder Mitspieler, der nur so tut – vielleicht um echte Käufer anzuregen? -, war nicht auszumachen).

Der Abend gehört Jana Schulz, die als Fabrikantentochter ohne Namen nicht nur die durchgehende Rolle hat, sondern auch allerlei zeigen muss, die halbe Zeit oben ohne, mit einer sehr professionell wirkenden Nachtclubszene an der Stange, sich windend, stöhnend, Beine breit. Im Schaumbad taucht sie mit ihrem Partner ab, entledigt ihn souverän seiner Unterhose und macht sich köpflings über ihn her. Bevor man überlegt, ob Soft Porno hier in Hard Porno übergeht, kann man sicher sein: Es ist satirisch gemeint. Und Darsteller Philipp Hauß tut einem leid. Abgesehen davon, dass sich seine Rolle in keiner Hinsicht profiliert, ist dergleichen sicher nicht angenehm zu spielen.

Michael König ist zynischer Fabrikantenpapa und in Frauenkleidern albern die Fabrikantenmama, die auf der Bühne verenden muss, und ein wortkarger ostdeutscher Verwandter auch noch. Alexandra Henkel übernimmt die anfallenden Frauen, Daniel Sträßer die benötigten Männer. Sie haben viel zu investieren, ernten aber an persönlicher Wirkung wenig.

Am Ende war an diesem Abend zwar viel los, und das war gut gemacht. Scherz, Satire, Ironie und Porno funktionierten, die tiefere Bedeutung war wohl nicht angedacht, wurde auch nicht erzielt. Vielleicht definiert man es mit Shakespeare am besten: Viel Lärm um nichts.

Ja, was soll man sonst noch sagen? Vielleicht so viel: Wer vorne sitzt, hat gute Chancen, ein Stück von der Hochzeitstorte abzukriegen. Nach anfänglichem Geziere will dann jeder am Tisch (mit einer Plastikgabel für alle) davon kosten. Ich hatte drei Bissen. Sehr lecker.

Renate Wagner

 

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