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Wien / Kasino: DAS TROJANISCHE PFERD

07.06.2012 | Allgemein, Theater

 Fotos: Barbara Zeininger

Wien / Kasino des Burgtheaters: 
DAS TROJANISCHE PFERD
Textfassung von Amely Joana Haag und Matthias Hartmann
Premiere: 4. Mai 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 7. Juni 2012

Es beginnt damit, dass die Trojaner ein Pferd vor ihren Mauern finden und ein zitternder, von seinen Landsleuten angeblich verlassener Grieche namens Simon ihnen erzählt, dass diese Gabe an die Götter zurück gelassen wurde, als das griechische Heer seinen endgültigen Rückzug antrat. Viereinhalb Stunden später endet der Abend mit ebendieser Szene wieder, und man weiß, dass man ein „trojanisches Pferd“ als Geschenk mit äußerstem Misstrauen betrachten sollte. Tatsächlich hat der Abend, den Direktor Matthias Hartmann in Zusammenarbeit mit Dramaturgin Amely Joana Haag dem ganz großen Mythos der Weltliteratur gewidmet hat, zu diesem Zeitpunkt schon seine anfangs gezeigte leichtfüßige Heiterkeit abgestreift und ist zu dem geworden, was Homer uns mit der „Ilias“ hinterlassen hat: eine blutige, grausame Geschichte des Krieges schlechthin.

Der Trojanische Krieg hat tausende Facetten und ist, von Homer ausgehend, durch die Literatur gewandert. Darin liegt nun der grundlegend interessanteste Aspekt dieses Abends – dass man sich nicht mit der „Ilias“ begnügt hat, auch wenn sie oft vorkommt. In der äußerst heutigen, oft flapsigen Übersetzung von Raoul Schrott übrigens, was auch ironisiert wird: Wenn es da etwa heißt, hier habe Zeus jemandem „ins Hirn geschissen“, wird die Frage laut: „Ist das die Ilias?“ mit der Antwort: „Ja, das ist Schrott.“ Aber kein Schrott im abwertenden Sinn, sondern die höchst gegenwärtige Version des alten Stoffes – so wie dieser Abend von Matthias Hartmann als Autor und Regisseur angelegt ist.

Da werden also nicht nur Homer, Sophokles, Euripides, Vergil oder Ovid befragt, sondern auch der unverzichtbare Gustav Schwab, vor allem aber, wenn es um Prinz Paris geht, Rudolf Hagelstange mit seinem großartigen „Spielball der Götter“, und wenn Kassandra an der Reihe ist, Christa Wolf mit ihrer Novelle. Walter Jens hat Hekuba einen wunderbaren Monolog gegeben, in dem nicht ihr Söhnchen Paris, sondern natürlich nur Helena an der ganzen Kriegsmisere schuld ist, und Autorin Marie Cardinal verlieh dem wahnsinnigen Widerstand der Klytämnestra angesichts der Opferung ihrer Tochter Iphigenie Worte.

Es steckt ja wahrlich eine Unzahl von Menschen, Geschichten und Motiven in dieser Geschichte, die in den verschiedensten Figuren fortgesponnen werden. Die Dramaturgie des Abends ist deshalb so prächtig, weil vieles von mehreren Autoren erzählt wird (wer von ihnen gerade zur Sprache kommt, wird stets projiziert und lässt das Publikum nicht im Unklaren), also durchaus kontrovers herüber kommt. Und zumindest wenn es um Paris und die drei Göttinnen geht, dann herrscht noch gänzlich die Heiterkeit vor. Wie auch nicht – wenn man einem jungen Mann wie Hera Macht verspricht oder wie Pallas Athene Weisheit, wird er nicht das Angebot von Aphrodite annehmen, die ihm die schönste Frau verheißt? Eben.

Man kennt die Folge des Frauenraubs, es ist der Trojanische Krieg, und Hartmann erzählt zu diesem Thema an einem Abend, der nie so lange wirkt wie er ist, viele Aspekte. Er tut es mit seinem wunderbaren Theaterverstand, mit dem er seine siebzehn Darsteller (die meisten von ihnen in mehreren Rollen) über die Bühne jagt. Es handelt sich dabei, wie im variablen Raum des Kasinos immer möglich, um einen Gang zwischen zwei Zuschauertribünen, und Bühnenbildner Jan Lauwers hat dafür gesorgt, dass mit Schaumstoffquadern sowohl die Mauern von Troja wie am Ende (in einem logistischen Kunststück) auch das hölzerne Pferd gebaut werden können. Von der Decke hängt eine Art eiserner Plattform herab, wie man sie bei Baugerüsten findet, und die ermöglicht es, den so präsenten und meist so fiesen Göttern, dem unglücklichen Geschehen bei den Menschen von oben herab zuzusehen… Ein anderer Höhepunkt: Wenn Hartmann die berühmte Griechenflotte mit ihren 1186 Schiffen per Papierschiffchen aufmarschieren lässt, die die Darsteller am Boden verteilen (teilweise werden sie dabei sogar erst gefaltet), aber es gibt auch noch anderes, das vom szenischen Einfallsreichtum des Regisseurs zeugt: Nein, die viereinhalb Stunden werden nie lang, weil nie ideenleer.

Das Geschehen, das wie erwähnt anfangs eher locker und heiter gehalten ist, mit tragischen Einsprengseln hier und dort, aber mit überwiegender Ironie, wendet sich nach und nach unaufhaltsam der Tragik zu, die diese Geschichte eben beinhaltet. Wenn es um die Opferung Iphigenies geht, später um den Antagonismus Achilles – Hektor, um die Tragödie des Priamos, der um die Leiche seines Sohnes fleht, oder immer wieder um die düsteren Prophezeiungen Kassandras, dann ist der Abend so schwer und düster, wie er nur sein mag. Aber nie lässt ihn Hartmann in Bildungsbürde ertrinken, meist ist der Spaßanteil hoch, und selbst, wer sich möglicherweise in der griechischen Antike nicht auskennt, sollte einen guten Eindruck vom Geschehen und vom Umriss der Figuren erhalten.

Die Darsteller sorgen ununterbrochen für Höhepunkte: Wenn die drei Göttinnen hereinrauschen, ist Catrin Striebeck eine bissig-süffisante Hera, Christiane von Poelnitz eine achselzuckende Pallas Athene mit gelegentlichen Sandrock-Tönen (und wenn sie später auch in die Rolle des geplagten Zeus schlüpft, wirkt sie besonders überzeugend) und Stefanie Dvorak eine zuckersüße Aphrodite. Die schönste Frau des Burgtheaters, Adina Vetter, ist eine überzeugende und durchaus vielschichtige schöne Helena, Therese Affolter eine nachdrückliche Hekuba, Sabine Haupt tobt sich das Leid der Andromache aus der Seele, Sara Zangeneh lässt sich als Iphigenie opfern und die Kassandra der Sylvie Rohrer könnte tremolierender nicht sein – und dabei sind sie alle hier nur in ihren effektvollsten Auftritten genannt, viele spielen vieles.

Bei den Herren kommen einige der neuen Gesichter des Hauses zu starker Wirkung – Lucas Gregorowicz als törichter Paris, Sven Dolinski als leidenschaftlicher Patroklos, und Oliver Masucci ist ein Achill, dem man nicht im Dunkeln begegnen möchte, so viel Wut, Zorn und Verzweiflung wohnt in ihm. Seine Philippica gegen den Krieg allerdings lässt genau so aufhorchen, wie es für den Verlauf des Abends wichtig ist. Philipp Hauß als Odysseus ist von gelassener, pragmatischer Selbstverständlichkeit der List und Hinterlist, Juergen Maurer als fieser Agamemnon, Bernd Birkhahn als würdiger Priamos, Daniel Jesch als mutwilliger Hektor und Franz J. Csencsits ergänzen. Fabian Krüger, halb als raffinierter Lügner Simon, halb als maliziöser Apollo, zeigt wiederum, welch außergewöhnliche Erscheinung er ist.

Im Hintergrund machen Karsten Riedel und zwei Kollegen Musik, die einen wichtigen Anteil am Gelingen dieses so vorzüglichen Theaterabends hat.

Renate Wagner

 

 

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