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WIEN / Kammerspiele: VIER STERN STUNDEN

13.09.2018 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
VIER STERN STUNDEN von Daniel Glattauer
Uraufführung
Premiere: 13. September 2018

Daniel Glattauer ist jener Wiener Autor, dessen Romane – eine Variation von „E-mail für Dich“ – es mit großen Erfolg dramatisiert auf die Bühne der Josefstädter Kammerspiele brachten: „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“, lustiger Zeitgeist, Schauspielerfutter, Publikumsvergnügen. „Die Wunderübung“ war dann schon ein „echtes“ Theaterstück, die Personenanzahl von zwei auf drei gestiegen. Sukzessive hat sein jüngstes, genremäßig nicht klassifiziertes Stück „Vier Stern Stunden“ vier Personen, zwei junge, zwei alte. Damit sich die Dinge am Ende auf die obligate Weise lösen können.

Man verlangt sicher keine Innovation – die einzige hier scheint in der exzentrischen Formulierung des Titels zu liegen. Warum so und nicht anders? Wer weiß, und egal ist es auch. Es geht überhaupt recht parodistisch zu, wenn ein jugendlicher Hoteldirektor „Reichenshoffer“ heißt und ein zickiger alter Dichter „Trömerbusch“ – wir sind im Land der launigen Autoren-Ironie. Reichenshoffer begrüßt das Publikum des Hotels, das gleichzeitig das Publikum der Josefstädter Kammerspiele ist, und vergisst nicht das greisenhafte Alter der Gäste zu erwähnen – womit er zweifelhaft recht hat. Gelacht wird darüber so wenig wie über seine zwanghaft dummen Versprecher. Nein, das fängt nicht gut an.

Kulturelle Veranstaltungen sind die Ereignisse in diesem abgewrackten einstigen Nobelhotel im Nirgendwo, wo man nichts Besseres zu tun hat, als sich abends dorthin zu schleppen. Diesmal ist die interviewende Kulturjournalistin besonders aufgeregt, denn der Dichter, der erwartet wird, ist ihr Gott – wir erfahren später noch, warum. Dass dieser sich dann im Gespräch als ausgesprochener Kotzbrocken erweist, die arme Frau brutal vorführt, und alle Welt nur wissen lässt, wie zuwider ihm das ist… wen wundert’s?

Im Hotelzimmer, bei seiner jungen Freundin (geschätzter Altersunterschied: 40 Jahre), ist er dann allerdings ganz klein mit Hut, denn sie lässt ihn mit der Unverblümtheit einer jungen Frau von heute (zeitgeistiger „Beruf“: Bloggerin) wissen, dass ihr rein gar nichts an Gefühlen und stundenlangem Ersatz-Schmusen liegt, vielmehr hätte sie gern einen Mann, der einen hoch kriegt. Wie man sieht – alles nicht sehr geschmackvoll.

Aber es kommt noch schlimmer. Denn Glattauer hat sich mitten drin einen besonders dummen und auch peinlichen Effekt ausgedacht – man muss ja zeitgeistig „in“ sein. Und der gesteigerten medialen Aufmerksamkeit ist man sicher, wenn plötzlich eine im schwarzen Tschador total verhüllte Frau (nur Augenschlitz!) erscheint, seltsam radebrecht und in Österreich den Regen sucht… (!!!) Gut, man könnte der Bloggerin eine solch provokante Idee zutrauen, „zu schauen, wie die Leute auf solche Menschen reagieren“, aber letztendlich bleibt die Aussage platt und fällt auf den Autor als die denkbar billigste Spekulation zurück, zumal diese Auftritte nichts bringen, nichts für die Handlung und nichts als Erkenntnis.

Was hat sich Glattauer in diesem Mix von vier Klischeefiguren eigentlich ausgedacht, wobei die Geschichte auch dramaturgisch hinkt, wenn man wirklich nicht begreift, wieso der Hoteldirektor ausgerechnet im Gästezimmer des Dichters ein Fußballspiel Real Madrid / Barcelona ansehen muss? Dass er dabei der Bloggerin näher kommt, macht den Schauplatz a priori nicht logischer (der muss doch in seinem Riesenhotel anderswo fernsehen können). Auch die Annäherung Dichter / Kulturjournalistin findet – wieso? – hier statt, aber Regisseur Michael Kreihsl dachte wohl, es käme nicht darauf an, und Bühnenbildner Ece Anisoglu hatte offenbar den Auftrag, alles billig zu gestalten. Birgit Hutter tat das Übliche – Jeans mit Löchern für die Bloggerin, dankenswerterweise ein sehr elegantes Kleid für die arme Kulturjournalistin, damit sie nicht allzu sehr als graue Maus erscheint…

Dass das nicht passiert, dafür sorgt Susa Meyer mit der besten, am echtesten empfundenen Leistung des Abends. Wenn Glattauer hier den Zusammenhang zwischen Literatur und Leben herstellen will, außerdem Kultur als Lebensersatz, wenn sich in der Realität kein Partner findet (Bücher können trösten, wie man weiß) – dann gibt sie diesem Glauben an die Kultur so viel echte Empfindung, dass sich schon ihretwegen der Abend lohnt.

Kammerspiele der Josefstadt – Daniel Glattauer • Vier Stern Stunden / Uraufführung

August Zirner hingegen (dass ein Schauspieler seiner Größenordnung so eine Rolle spielt…) hat das bekannte Thema abzuwandeln, dass Literatur (oder Kunst überhaupt) auch für die, die sie machen, zum Lebensersatz werden kann. Dass sie etwas schaffen, das lebendig und beglückend wirkt – und dahinter ist nichts, kein echtes Erleben, aus dem man schöpft. Kein Wunder, dass man ein Ekel wird. Zirner bringt immerhin einige Nuancen mit.

Als Hotelbesitzer im Trachtengewand wird Dominic Oley erst lustig, wenn er ausspuckt, wie unendlich er von der drückenden Last der Familientradition und ihrem Kulturanspruch genervt ist. Und Martina Ebm? An sich ist sie eher für seelenvolle als für so gemütsrohe Geschöpfe zuständig, sie muss – innerhalb eines Textes, der für alle viel Künstlichkeit beinhaltet – die Unnatürlichste sein. Was soll’s, irgendwie muss die Geschichte zu einem Ende kommen, bei aller Schnoddrigkeit.

Schließlich kann man – das Stück ohne Genrebezeichnung ist ja doch eine Komödie – das doppelte Happyend verzeichnen. Die Jungen, die die Nase so voll haben von der Hochkultur, werden Events machen (viel Spaß), und die Älteren kuscheln sich in ihre Erkenntnis, dass Literatur schöner ist als Leben, dass man das Leben aber doch versuchen könnte, wenn man eine verwandte Seele findet…

Alles in allem, ja, sicher, was man so „gute Rollen“ nennt und im Sinn des Theaters ein schönes, poetisches Ende. Was will man mehr? Nun, ein etwas besseres Stück, das über das Niveau von Privatfernsehen hinaus geht und das vor allem auf den billigen Tschador verzichtet – das hätte man von Glattauer schon erhoffen wollen.

Renate Wagner

 

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