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WIEN / Kammerspiele: VENEDIG IM SCHNEE

22.02.2013 | Theater

    

WIEN / Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt: 
VENEDIG IM SCHNEE von Gilles Dyrek
Premiere: 21. Februar 2013,
besucht wurde die Generalprobe

Das ist man nun wirklich nicht gewöhnt, dass die Josefstädter Kammerspiele ein Ort für giftige, griffige, geradezu vitriolgesättigte, durch und durch politische Zeitsatire wären– aber so ändern sich die Zeiten. Der 44jährige Franzose Gilles Dyrek zeigt dem Publikum, dass er es auf boshafteste Weise hellauf lachen machen – und ihm dennoch eine „Botschaft“ aufdrücken kann. Etwa: Wie egozentrisch sind wir? Wo liegen unsere unausrottbaren Vorurteile? Was steckt hinter scheinbarer Großzügigkeit? Oder und vor allem: Was wissen wir schon von der Welt?

Das sind Fragen, auf die er in seiner Komödie „Venedig im Schnee“ Antworten gibt. Und obwohl das Stück schon zehn Jahre ist, passt es perfekt in eine heutige, „politisch korrekte“, aber dabei doch in vielen Fällen durch und durch verlogene und gänzlich oberflächliche Welt… Schon wenn Dyrek nichts anderes zeigte als das Zusammensein zweier nur oberflächlich bekannter Paare bei einem gemeinsamen Abendessen, wo jeder den anderen letztlich etwas vormachen will und das Ritual der Angeberei und Zurschaustellung ausgereizt wird, hätte er ins Schwarze getroffen. Da „üben“ Nathalie und Jean-Luc, die kurz vor ihrer Hochzeit stehen, geradezu, sich nach außen hin wie ein glücklich liebendes Paar zu verhalten – und müssen am Ende sich selbst mehr überzeugen als die anderen…

Aber Gilles Dyrek hatte dazu noch eine Genieidee, die der ganzen Situation erst den wahren Kick verleiht. Denn das zu Besuch kommende Pärchen ist zerstritten, Patricia schmollt und straft ihren Christophe mit Schweigen, was die Gastgeber falsch interpretieren – sie gehen über die scheinbare „Ausländerin“ gleichsam hinweg. Reden über sie, als ob sie nicht da wäre. Worauf diese aus Ärger und Mutwillen beginnt, in einer erfundenen Sprache zu sprechen und sich als „Flüchtling aus Chouvenia“ auszugeben… Wo das ist? Irgendwo im Balkan. War da nicht irgendetwas „Ethnisches“? Sind die Leute da nicht furchtbar arm? Kann man diesem Flüchtling nicht eine alte Decke schenken? Und auch noch einen Fernseher, den man nicht mehr braucht? Und anderes, das nicht mehr funktioniert? Und den Teppich von der Schwiegermutter? Und Venedig im Schnee, die Souvenir-Glaskugel, wer braucht die schon… und während Nathalie und Jean-Luc nie zur Einsicht dessen gelangen, was sie da tun (und sich mit ihrer vermeintlichen Großzügigkeit noch wohlfühlen), merken sie doch, dass das auch mit ihnen zu tun hat. Und wenn „er“ die Glaskugel weggeben will, von er der gar nicht gewusst hat, dass „sie“ sie so mag… ja, da kracht es dann auch bei dem anderen Pärchen.

Das ergibt nicht nur die Situationskomik andauernder, lustvoll ausgespielter Verwechslungen, da bekommen die Menschen auch Gelegenheit, sich wirklich zu zeigen. Was nicht immer ein schöner Anblick ist – aber vom Autor stets dermaßen in (brüllenden) Humor verpackt, dass die Moralkeule nicht schmerzt. Aber wer begreift – der begreift schon.

   
Oliver Huether  &  Alexandra Krismer  / Hilde Dalik & Martin Niedermair   
Alle Fotos: Barbara Zeininger

Die Aufführung in den Kammerspielen ist schlechtweg brillant: Stephan Dietrich baute ein Wohnzimmer, das noch nicht fertig ist, und Regisseur Folke Braband führte sein Darstellerquartett bis ins winzigste Detail virtuos. Hilde Dalik stürzt sich wild und verbiestert in die Rolle der „Illegalen“ und vor allem in deren Kunstsprache – und führt die anderen regelrecht vor, indem sie die verschiedensten Reaktionen evoziert. Alexandra Krismer kann zum ersten Mal, seit man sie auf Josefstädter Bühnen sieht, wirklich zeigen, was sie kann – wie sie die zunehmende Gereiztheit der Nathalie hochschaukelt und unter der Maske der Selbstsicherheit die Unsicherheit hervorholt, ist einfach brillant. Oliver Huether zeigt geradezu rührend dumm, dass Männer doch gelegentlich weniger zu verstehen imstande sind als Frauen. Martin Niedermair als Patricias Gefährte kippt irgendwann von blinder Wut in Resignation: Als es ihm nicht und nicht gelingt, zu erklären, was Patricia da abzieht, spielt er einfach mit…

Das Publikum darf nach Herzenslust lachen, und es darf erkennen. Es scheint, der nächste Kassenschlager des Hauses ist gefunden.

Renate Wagner

 

 

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