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WIEN / Kammerspiele: TOTAL GLÜCKLICH

19.01.2013 | Theater

WIEN / Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt: 
TOTAL GLÜCKLICH von Silke Hassler
Uraufführung
Premiere: 17. Jänner 2013,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 18. Jänner 2013   

Es beginnt mit Sex, und dabei bleibt es eine zeitlang. Nicht, dass man sich wundern würde – Autorin Silke Hassler hat ja schon mit dem extrem geschmacklosen Stück „Lustgarantie“ (über die Oldies-Damen, die ein Bordell gründen) gezeigt, dass sie sich gerne damit auseinandersetzt. Man spekuliert sich da flott in den Zeitgeist hinein, wenn man „kritisch“ mit der längst üblich gewordenen Hemmungslosigkeit umgeht…

Lange also lebt „Total glücklich“, nun in den Josefstädter Kammerspielen uraufgeführt, von der „komischen“ Situation, dass eine nicht mehr junge Dame, die einen kräftigen Schweizer Akzent auflegt (den sie auch wieder ablegen kann), Telefonsex exekutiert. Wie begabt – das werden nur die Herren im Publikum entscheiden können, vielleicht ist ja der eine oder andere Fachmann darunter. Billige Pointen lassen sich damit jedenfalls einfangen.

„Total glücklich“, das Zwei-Personen-Stück, Spieldauer: eineinhalb pausenlose Stunden, zeigt „Sie“ (namenlos) in einer leeren Wohnung, in der Papier herumliegt, ein altmodisches Telefon im Zentrum am Boden thront – und sie u.a. auch damit beschäftigt ist, mit bunten Farben ein Renaissancegemälde an die Wand zu malen. (Bühnenbild & Kostüme: Armella Müller von Blon) Da sie die Finger direkt und pinsellos in die Farbe eintaucht, ist sie am Ende der Vorstellung partiell grün geworden. Warum das alles geschieht, macht die Regie von Jean-Claude Berutti so wenig klar wie vieles andere, wobei viele Hürden auch schon vom Stück nicht genommen werden.

Emanuela von Frankenberg, an deren Burgtheater-Zeit man sich sehr wohl erinnert, damals noch als junges Mädchen erscheinend, ist nun eine schmale Frau in mittleren Jahren. Wenn sie ihren Sex-Job erledigt hat und dann offensichtlich Shakespeares Julia probt, hat das einen tragischen Aspekt, weil klar ist, dass diese Rolle längst an ihr vorbeigegangen sein muss. Aber neben diesem Hinweis bleibt die Autorin weiterhin beim Sex.

Die Dramaturgie ihres Stücks, das zwischen Realismus und Albernheit schwankt, basiert übrigens darauf, dass „sie“ ihre Wohnungstüre nicht zuschließt –  das soll man nie tun, und es wäre spätestens angeraten, nachdem der lästige Nachbar erstmals gekommen und wieder gegangen ist. Aber nein, die Türe bleibt offen, und damit kann sich die „Beziehung“ entwickeln.

Noch immer bleibt man beim Sex – „Er“ borgt sich Kondome aus, zeigt sich an ihrem Telefonsex-Job hoch interessiert, will als Schriftsteller offenbar Material sammeln und notiert, was sie ihm erzählt, macht ihr Avancen, man kommt zum entscheidenden Punkt (heutzutage geht das ja vermutlich im Leben genau so schnell wie hier auf der Bühne) – aber flop, es klappt nicht, er geht wieder.

Bis dahin ist schon eine nicht sehr kurzweilige und nicht sehr aufschlussreiche Stunde vergangen, trotz der ebenfalls gelungenen Besetzung des „Er“ mit Markus Gertken, der allerdings mit schwer törichtem Mittelscheitel und seltsamem Gehaben als eindeutig schwerer Neurotiker dargestellt wird.

Als er dann plötzlich wiederkommt, „sie“ ohne weitere Ankündigung fesselt (nicht knebelt, sie muss sich ja aus der Situation wieder herausreden) und mit irgendwelchen Bohrern Folterwerkzeuge anzudeuten scheint, dann beginnt ein neues Stück, man fühlt sich im Kino und hatte ja schon die ganze Zeit den Verdacht, dass man es mit einem dieser fürchterlichen Killer zu tun hat, die man dauernd auf der Leinwand sieht und die anfangs auch immer wie einigermaßen normale Leute aussehen…

Aber nein, Silke Hassler beginnt dann ein drittes Stück, ein existenzielles gewissermaßen, und das heißt: Wir armen, unglücklichen Versager. Er hat seinen Roman von jedem denkbaren Verleger zurück bekommen und schreibt groß „Ich hasse die Kunst“ an die Wand, sie ist als Schauspielerin ihr Leben lang gescheitert, und beide sind sooooo verzweifelt, dass der Doppelselbstmord angesagt ist. Mit den Worten Romeos und Julias natürlich, glücklicherweise kennt er das Stück auch sehr gut (so viel dichterische Freiheit muss sein).

Bloß – Gift, das man im Internet kauft, ist offensichtlich nichts wert, und so macht die Autorin einen letzten Purzelbaum, sichert ihren beiden nicht sonderlich interessanten Versagern ein Happyend und holt sich so den freundlichen Applaus eines Publikums, das (bei der zweiten Vorstellung des Stücks, bei Premieren ist das ja immer anders) bis dato zwischen ratlos und gelangweilt herumgesessen ist.

Beim Theater braucht man Protektion, tröstet der gescheiterte Schriftsteller die gescheiterte Schauspielerin. Ja, wer die hat…

Renate Wagner

 

 

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