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WIEN / Kammerspiele: THE KING’S SPEECH

20.09.2012 | Theater

 

WIEN / Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt:
THE KING’S SPEECH – DIE REDE DES KÖNIGS von David Seidler
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 20. September 2012,
besucht wurde die Generalprobe

Manchmal schreibt das Leben doch die unglaublichsten Geschichten. Da ist eine große Firma, ein strenger Papa, ein völlig leichtfertiger erster Sohn und Erbe, ein seelisch gedrückter, stotternder, verlachter zweiter Sohn, an den man sich erst erinnert, wenn der erste so gar nicht im Sinn der „Firma“ funktionieren will. Und wenn dieses Firma das Englische Königshaus ist (Queen Elizabeth II. pflegt ihre Familie tatsächlich so zu nennen) – dann haben wir es in diesem Fall mit einer wahren Geschichte zu tun.

Albert, der Herzog von York, später König George VI., Vater der derzeitigen Königin, ging wirklich und wahrhaftig durch die Hölle, um seiner Behinderung – des peinlichen Stotterns – Herr zu werden und seinen Beruf ausfüllen zu können. Aus Pflichtgefühl, aus Anstand, aus Verantwortungsbewusstsein (alles, was seinem Bruder David, kurzfristig König Edward VIII., langzeitig der Herzog von Windsor) fehlte.

An dergleichen erinnert man sich nicht so gerne im Königshaus, und als man an „Queen Mum“, die Gattin dieses Albert, an dessen Seite sie Königin wurde, mit der Bitte herantrat, diese Geschichte erzählen zu dürfen, ersuchte sie verständlicherweise darum, dies bis nach ihrem Tod zu verschieben – es sei zu schmerzhaft. Man musste zwar lange warten, denn die Dame wurde über hundert (wie es offenbar auch ihre Tochter, die gegenwärtige Königin, anstrebt), aber dann war der Weg frei. Das Ergebnis war zuerst ein wirklich brillanter Film, der 2010 vier „Oscars“ erhielt und noch zwei weitere, für die Nebendarsteller, mehr als verdient hätte.

Wie der Herzog von York die Hilfe eines (wie man später erfährt: offiziell „dubiosen“) australischen Sprachtherapeuten in Anspruch nimmt und dabei nicht nur lernt, seine – wohl vor allem psychische – Behinderung zu überwinden, sondern auch den Kopf aus den Wolken des Buckingham Palastes ein wenig ins wirkliche Leben zu stecken, kommt nun auch in den Josefstädter Kammerspielen auf die Bühne. Was David Seidler als Drehbuch für den zu Recht prämierten Film schrieb, existiert angeblich schon seit Jahrzehnten als Theaterstück – ist aber erst durch den Filmruhm interessant geworden.

Wenn wir unsere Bio-Musicals über die Habsburger haben, warum die Briten nicht die Bio-Pics (es sind vor allem Filme) über Queen und Konsorten? Uns interessiert das weniger vom Royality-Touch her (den die Inszenierung auch diskreterweise nicht aufplustert), sondern als psychologische Story. Allerdings ist zu hoffen, dass nicht viele Theaterbesucher den Film gesehen haben: Denn wenn man weiß, wo’s langgeht, ist die Geschichte nicht mehr übertrieben spannend.

Allerdings ist sie so gut gemacht und so gut gespielt, dass es allein um des Handwerks wegen eine Lust ist zuzusehen, wie so ein Well Made Play in edelster Josefstädter Qualität auf die Bühne gebracht wird: mit schlichtestem Aufwand, wenig mehr als zwei verschiebbaren Holzwänden, die Erich Uiberlacker auf die Bühne stellte und die sogar „dramaturgisch“ verwendbar sind, um gelegentlich zu zeigen, wie sehr die Hauptfigur beengt und bedrängt wird; und mit Kostümen, die das Geschick und den Geschmack von Birgit Hutter beweisen. In diesem einfach-stimmigen Umfeld beweist Regisseur Michael Gampe wieder einmal, dass er punktgenau arbeiten kann wie wenige, dass die Befindlichkeit jeder Gestalt bis ins Detail (auch wenn er oder sie scheinbar unbemerkt am Rande steht) ausgeführt ist, dass er exakt die Pointen setzt, es aber nicht um jeden Preis tut: Man ist zwar in den Kammerspielen, aber Lachtheater ist das nicht. Blickt man genauer hin, hat Autor David Seidler ja hier gleichnishaft nicht weniger versucht als die Menschwerdung einer Royalen Puppe zu schildern – und das gelingt auch der Inszenierung.

Wie schön, dass ein Schauspieler wie Michael Dangl, der in der Josefstadt seit längerer Zeit nicht mehr so in der ersten Reihe stand wie er es verdient (im Ensemble altersmäßig offenbar eingeklemmt zwischen Herbert Föttinger und Florian Teichtmeister und folglich oftmals übergangen, wie es scheint), hier endlich eine Rolle gefunden hat, in der er sein ganzes Können ausspielen kann – als Handwerker seines Berufs und als Persönlichkeit. Wenn man sagt, dass er sich auf Augenhöhe mit dem „oscar“-gekrönten Filmkollegen Colin Firth bewegt, ist das das höchste Lob in diesem Zusammenhang. Dieser „Bertie“, der da in seinen Maßanzügen steif herumsteht, weil er sich in seiner Haut so fürchterlich schlecht fühlt, ist erst nicht mehr als ein armer Hund, der von seinem dominanten Vater (Erich Schleyer in der viel zu kurzen Rolle des alten Königs) verächtlich niedergebellt wird. Das Radiomikrophon ist für ihn die aktuelle Bedrohung, denn hier wird öffentlich, worüber sich sonst nur die Familie mokiert – dass der arme Kerl aus Verlegenheit, Unsicherheit, als Antwort auf den ungeheuren Druck, den man auf ihn ausübt, eben stottert. Der Versuch, in der Öffentlichkeit via Radio zu sprechen, wird solcherart zur Peinlichkeit, die von der ganzen Nation wahrgenommen wird. Eine für seinen Repräsentations-Job geradezu tödliche Behinderung also.

Aber dieser Bertie ist eben doch kein lächerliches Würstchen, denn er versucht mit Entschlossenheit, etwas dagegen zu tun. Und ein erfolgloser australischer Schauspieler aus Perth, der mit Familie nach London gekommen ist, um hier die großen Shakespaere-Rollen zu spielen (ha! In zwei Kleinstszenen sieht man, wie er bei Vorsprechen von der Bühne gefegt wird), kann sich seinen Lebensunterhalt nur als Sprachtherapeut verdienen. Es ist wichtig, dass er Australier ist – solcherart geht er nicht in die Knie, wenn er den Herzog von York erkennt. (Selbst seine Frau atmet tief durch und behauptet sich, als sie plötzlich dem Mitglied des Königshauses gegenübersteht, statt in royale Zuckungen der Begeisterung und Devotion zu verfallen.)

Dass man zu einem Mitglied des Königshauses fünf Schritte Distanz halten muss, dass man es eigentlich nicht ansprechen darf – so funktioniert das nicht bei einer Therapie. Das wird auch zu einem menschlichen Schlagabtausch, und da bewährt sich Bertie-Dangl so überzeugend wie der Lionel von Toni Slama, der die Erfolglosigkeit seiner Existenz ausstrahlt, aber die nötige Stärke hat, wenn es darum geht, die Komplexe des bedauernswerten Mannes mit ihm aufzubrechen.

 
Huether, Walther  Foto: Barbara Zeininger

Die beiden sind das Stück, aber es gibt eine Menge kleiner Nebenrollen, die sehr viel Effekt machen können, wenn man sie richtig besetzt und führt wie hier: Churchill, Ministerpräsident Baldwin und der Erzbischof von Canterbury sind ein politisches Trio Infernal, wobei der Churchill von Siegfried Walther ganz besonders köstlich und optisch geradezu erstaunlich ausfällt, aber auch Oliver Huether und vor allem Alexander Strobele (mit Tartuffe-Frisur) hoch amüsant ihr intrigantes Süppchen kochen. Nicolaus Hagg als Herzog von Windsor (der ja wegen seiner Hitler-Sympathien so besonders verachtet wurde und vermutlich auch aus diesem Grund gehen musste) und Eva Mayer als Wallis Simpson erfüllen ihre Aufgabe, „modern“-provokante Störenfriede in der steifen royalen Welt zu sein: Man mag sie nicht, und das ist im Gefüge des Stücks richtig so.

Im übrigen gibt es nur zwei weitere Frauenrollen, und es ist schade, dass Alexandra Krismer als Berties Gattin so farblos-steif bleibt (denkt man an den herrlich verschrobenen Charme, den Helena Bonham-Carter dieser Figur auf der Leinwand gegeben hat), während Therese Lohner die loyale australische Ehegattin mit starker Eigenpersönlichkeit ausgezeichnet in den Griff bekommt.

Wie pflegen die Herrschaften der Königshäuser zu sagen: Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut? Ja, das ist es.

Renate Wagner

 

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