Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Kammerspiele: SEIN ODER NICHTSEIN

15.03.2012 | Theater

 

WIEN / Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt: 
SEIN ODER NICHTSEIN von Nick Whitby
Nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch
Drehbuch von Edwin Justus Mayer und Melchior Lengyel 
Premiere: 15. März 2012,
besucht wurde die Generalprobe

Darf man über Hitler und die Nazis lachen? Die Frage ist nicht neu und beantwortet sich stets auf dieselbe Art: die Juden dürfen. Charlie Chaplin tat es. Ernst Lubitsch tat es. Sein Film „Sein oder Nichtsein“ von 1942 gilt zu Recht als Klassiker über das Kunststück, wie man jüdische Satire über deutschen tödlichen Ernst gießen kann. Ein Film zumal, der mit dem Genre des Theaters spielt, wenn er den lebensgefährlichen Seiltanz zwischen Spiel und Wirklichkeit zelebriert – Schauspieler, die in die Rollen der Nazis schlüpfen, sogar in die von Hitler… Und das in Polen während des Zweiten Weltkriegs.

Die Drehbuchvorlage „Noch ist Polen nicht verloren“ hat sich Michael Schottenberg 2003 zugerichtet und den Film als Stück unter diesem Titel (mit Heribert Sasse und Maria Bill) im Metropol gezeigt – man erinnert sich gern an einen sehr gelungenen Abend. 2008 hatte am Broadway die Dramatisierung des Films durch den Briten Nick Whitby Premiere. Und die österreichische Erstaufführung dieser Fassung nun an den Kammerspielen ist ein wirkliches Vergnügen. Zumal Whitby, wie man beim Wiedersehen mit dem Film feststellen kann (wozu hat man massenweise alte Videocassetten in seiner Sammlung!), den Film fast wörtlich auf die Bühne gestellt hat. Das garantiert die Qualität der Dialoge.

Der Rest liegt bei Regie und Darstellern, und was letztere betrifft, so hat man an der Josefstadt nicht gespart. Regisseur Peter Wittenberg, in Wien noch aus Peymanns Burgtheater-Zeiten bekannt, gilt der Josefstadt als Spezialist für Stücke mit „Nazi-Touch“: „Sein oder Nichtsein“ ist nach Taboris „Mein Kampf“ und Franzobels „Moser“ das dritte Werk dieser Art. Es wird, verglichen mit dem Film, der etwas eleganter ist, auf der Bühne der Kammerspiele zwar nicht mit Florett, sondern mit dem Degen gefochten, und manchmal gerät zumal die Parodie auf Schauspieler-Eitelkeit und Nazi-Blödheit ein wenig gar deftig. Aber das Stück funktioniert dennoch prächtig.

Dafür können die meisten der Darsteller gleichwertig Kredit einfordern. Besonders reizvoll ist, wie souverän und sexy Nina Proll die schöne Schauspielerin spielt (Florian Parbs, der für die geschickte Bühnenbildlösung sorgte, hat ihr zudem anfangs ein Abendkleid auf den Leib geschneidert, das dem von Carol Lombard im Film entspricht – nur über die Farbe kann man keine Aussage machen, denn der Film ist schwarzweiß: Der Proll steht das Gelb mit der weißen Pelzverbrämung wunderbar). Diese kluge Frau jongliert mit der Eitelkeit (und der Dummheit) der Männer, dass es nur so eine Freude ist.

  

Zauner & Bloeb                                                          Stromberger & Proll
Fotos: Barbara Zeininger

Ihr Ehemann auf der Bühne und im Leben ist Gregor Bloéb, der Josef Turas Eitelkeit geradezu um sich herum „sprüht“, der ganze Mann ist eine aufgeblasene Pose, ohne dabei die Glaubwürdigkeit der Figur zu verschleudern (ein wenig „Hamlet“-Parodie ist auch dabei, und er genießt sie).

Rund um ihn noch die Theaterleute: Peter Scholz als der Regisseur, Susanna Wiegand als Garderobiere und Souffleuse, Siegfried Walther, wieder einmal sehr laut als der Schauspieler, der kein Jude, also bald Nazi-Sympathisant ist. Besonders witzig Ljubiša Lupo Grujčić als Chargenspieler Bronski, Spezialität: Auftritte als Hitler. Und absolut berührend, wunderbar, goldrichtig: Gideon Singer als Grünberg, der vom Shylock träumt und ein paar eindrucksvolle Brocken der Rolle auch punktgenau anbringen kann…

Zwischen den Fronten des Geschehens: Stefano Bernardin als entsprechend gut aussehender Liebhaber, und auf der Seite der Nazis: Oliver Huether als schmieriger Professor (teilweise auch als dessen Leiche), und Martin Zauner als Gruppenführer Erhardt, einer, den man mit der Erwähnung des Namens „Hitler“ in Schach halten kann und der vor Unsicherheit zappelt, um sich in einem lebensgefährlichen System nicht zu verheddern: Zauner liefert eine umwerfende Studie der bösartigen Hysterie… Im übrigen gibt es eine Nebenrolle, die eindrucksvoll ins Auge sticht: Fabian Stromberger spielt einen kleinen Sturmbandführer, der hilflos und wütend zusehen muss, wie sein unberechenbarer Chef einen Blödsinn nach dem anderen macht, mit einer Ernsthaftigkeit, als ginge es hier nicht um eine Satire, sondern um brutale Wirklichkeit.

Wenn Regisseur Wittenberg das Geschehen immer wieder in den Zuschauerraum verlegt, mit Hakenkreuzfahnen, Märschen und zackigem Aufmarsch von Soldaten, da schleicht sich dann in die allgemeine Heiterkeit doch etwas Beklemmung ein. Und das ist angesichts des Themas ja nicht unbedingt falsch.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken