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WIEN / Kammerspiele: LUCKY STIFF

25.10.2012 | Allgemein, Oper

WIEN / Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt:
LUCKY STIFF – TOT, ABER GLÜCKLICH
Musical von Stephen Flaherty und Lynn Ahrens
Premiere: 25. Oktober 2012,
besucht wurde die Generalprobe

Es begann mit einem gänzlich schrägen „Weißen Rössl“ 2008 in den Kammerspielen. Da hat man in der Josefstadt entdeckt, dass Musik-Fun der anderen Art hier ein Publikum finden könnte. Es folgten dann im Jahresrhythmus „Sugar“, „Cabaret“, „Singing in the Rain“ – und nun versucht man das Genre mit „Lucky Stiff“ weiter auszureizen.

Es handelt sich dabei um eine nicht mehr eben taufrische (1988) obskure Off-Broadway-Produktion (das heißt an sich: Anti-Mainstream, wenn heutzutage nicht ohnedies das total Abgefahrene Mainstream ist!), an der viele Köche gebastelt haben. Das liest sich so weit so ausführlich: Buch und Gesangstexte von Lynn Ahrens, nach dem Roman „The Man Who Broke The Bank At Monte Carlo“ von Michael Butterworth, Musik von Stephen Flaherty, Deutsch von Wolfgang Adenberg (Gesangstexte) und Holger Hauer (Dialoge)…

Zu Beginn gibt es eine schrecklich laute Ensembleszene, ein Schuss kracht, ein Gangster ist offenbar tot. Und beschert seinem Erben eine skurrile Situation: Als präparierte Leiche im Rollstuhl hereingerollt, bezieht sich der zweideutige Titel „glücklich steif“ auf den ganzen Mann, nicht nur auf einen Körperteil… Solcherart mit einem Corpus belastet, bekommt der Neffe laut Testament nur Onkels Millionen, wenn er diesen – scheinbar lebendig – nach Monte Carlo ins Casino bringt. Fragen wir uns nicht, warum, Nonsense ist, wie der Name sagt, „kein Sinn“ oder „Unsinn“ und kann als solcher durchaus zum Prinzip erhoben werden wie in dieser knalligen Farce.

So blödelt sich der arme Neffe, der an sich ein schüchterner, gehemmter Nobody ist, mit der Leiche im Rollstuhl nach Monte Carlo, immer zwei Frauen hinter ihm her: Mauerblümchen Annabel will ihm die Erbschaft für ihr Tierheim abjagen, die schrille Rita hingegen, Onkelchens ehemalige Geliebte, möchte das fragliche Geld durchaus für sich selbst. Letztgenannte hat noch ihren ungeschickten Zahnarzt-Bruder als Schützenhilfe im Schlepptau – und mit diesem Personal und eine Fülle von Nebenrollen, die alle vom „Ensemble“ verkörpert werden (das bestreiten zwei Damen und zwei Herren), kommt die Sache aus. Trotz der vielen Schauplätze geht es immer noch als „Kammermusical“ durch, und so, wie es sich schwarz- und leichenhumorig durch die Gegend blödelt, ist es ein kleiner Bruder des „Little Shop of Horrors“.

Viel dran ist freilich nicht, schon gar nicht musikalisch (darum hält sich der Ruhm des Ganzen ja auch in Grenzen) – was Stephen Flaherty da eingefallen ist, geht kaum über die rhythmische Routine hinaus, ja, wenn’s mit dem schüchternen Liebespaar lyrisch wird, kann man die Langeweile kaum unterdrücken. Aber wo wären wir, wenn es immer nur Meisterwerke gäbe… nicht auszuhalten.

Von Anfang an (seit dem „Rössl“) hat Werner Sobotka seine feste Hand auf diesen Produktionen, und das ist gut so, denn er weiß vor allem, wie man Tempo macht, wenn es auch holzhammerartig mit entschieden zu großer Lautstärke verbunden ist. Aber vermutlich peilt man ja junge Disco-Besucher als Zielpublikum an, und die sind ohnedies hörgeschädigt –  was nicht ultra-laut ist, nehmen sie gar nicht wahr. Im übrigen wackeln die Darsteller in schriller, ausgestellter Groteske über die Bühne, die von Sam Madwar extrem geschickt und witzig mit multipel verwendbaren Versatzstücken belebt wird, während Choreograph Ramesh Nair diesmal vergleichsweise wenig zu tun hat.

    
Ann Mandrella / Georg Blume, Peter Lesiak (Fotos: Barbara Zeininger)

Wenn das übliche Publikum der Kammerspiele, das ein Josefstädter Publikum ist, nach seiner gewohnten Frage „Wer spielt mit?“ vorgehen würde, wird es in diesem Fall nicht fündig, denn es hat vermutlich keinen Darsteller-Namen je gehört. Ungeachtet dessen etwa, dass Raimundtheater-Besucher Ann Mandrella in dem Udo-Jürgens-Musical durchaus bewundert haben, wird sie doch für die breite Masse der Wiener Theaterbesucher nicht unbedingt ein „Household Name“ (sprich: die meisten Leute kennen sie) sein. Vielleicht – aber nicht wahrscheinlich – ändert sich das nach diesem Abend, denn sie ist seine Königin, eine Ulknudel, bei der alles stimmt, Stimme, Spiel, Aussehen, auch wenn sie auf Teufel komm raus überdrehen muss. Aber bei ihr funktioniert es noch am besten.

Das „schüchterne“ Pärchen, Peter Lesiak als Harry Witherspoon, der klägliche Erbe, und Lisa Habermann als Annabel Glick, die Tierschützerin auf der Jagd nach dem Erbe, machen ihre Komplexe anfangs ganz entzückend – aber sie haben zu wenige Variationen drauf, nach und nach kennt man jeden Tick ihrer Körpersprache und verliert das Interesse an der letztlich gebotenen Einförmigkeit. Und Boris Pfeifer (den ich, ehrlich gestanden, schon in der Volksoper kaum wahrgenommen habe) macht zwar viel Wirbel, aber nicht viel Effekt. Ganz possierlich ist die Leiche, als welche Georg Blume herumsitzt. Roman Frankl, Katharina Dorian, Steffi Paschke, Christian Petru und Giuseppe Rizzo sind in Nebenrollen verwandlungsreich unterwegs, wobei man gar nicht wissen will, welche Dame so schrecklich-peinlich damit überfordert ist, als große Diva im Casino von Monte Carlo zu agieren…

Ja, wieder einmal hofft Herbert Föttinger auf das „andere Publikum“. Was die „alten Josefstädter“ wollen, interessiert keinen mehr. Ist auch vielleicht richtig so – man muss nach vorne schauen. Also stürze man sich in den Krawall…

Renate Wagner

 

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