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WIEN / Kammerspiele: LA CAGE AUX FOLLES

10.09.2015 | KRITIKEN, Operette/Musical

Käfig Tanzsezen mit Föttinger jpg xx 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt:
LA CAGE AUX FOLLES von Jerry Herman
Premiere: 10. September 2015,
besucht wurde die Generalprobe

Jerry Hermans Musical „La Cage aux Folles“ war in Wien lange Zeit sehr präsent. Immerhin hat Karlheinz Hackl mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang in über 170 Vorstellungen in der Volksoper umjubelt die „Zaza“ gespielt. Einen Sommer lang sah man in Stockerau Alfons Haider in der Rolle. Dann war Schluß. Weil die Sache zwar sympathisch und komisch ist, aber ihre Schwächen hat.

Die „Toleranz für die Homosexuellen“-Flagge muss man heute glücklicherweise nicht mehr schwingen, selbst die Iren haben sich für ihre Ehe eingesetzt (und das will etwas heißen!). Man kann hoffnungsvoll davon ausgehen, dass mittlerweile niemand mehr seine sexuelle Ausrichtung verstecken oder verteidigen muss.

Um in noch weniger liberalen Zeiten zu zeigen, was für liebe Menschen die Schwulen sind (angeblich sei das der politisch korrekte Ausdruck!?!), hat sich das zugrunde liegende Stück von Jean Poiret (1973 geschrieben, 1978 mit Ugo Tognazzi und Michel Serrault unvergesslich verfilmt, 1983 dann zum Musical umgeformt) doch einiger Klischees bedient. So wie sich der kleine Moritz die schrillen Schwulen vorstellt (und wie sie sich am Ball oder der Parade auch präsentieren). Aber das kann man „wegspielen“, die mögliche Peinlichkeit reduzieren, und das gelingt auch immer wieder – durchaus derzeit in den Kammerspielen, wo das Stück seine jüngste Premiere erlebte.

Ein wenig schwach ist der musikalische Teil, Komponist Jerry Herman hat mit „Hello Dolly“ überzeugender gepunktet. Hier bekommt man Gebrauchsmusik zwischen flott und sentimental, und beides kann immer wieder länglich werden. Tatsächlich weiß man natürlich, warum die Josefstadt in den Kammerspielen das Werk ansetzt – weil man eben seit der Ära Föttinger hier traditionsgemäß mit einer „Kammermusical“-Version von Erfolgswerken die Saison beginnt und meist auch damit reüssiert. In diesem Fall allerdings hätte man wahrscheinlich allen einen Gefallen damit getan, wenn man das Theaterstück von Jean Poiret angesetzt hätte.

Werner Sobotka inszeniert das Musical mit lockerer Routine, sechs „Girls“, die eigentlich sehr schlanke junge Herren sind, schwingen in jeglicher Verkleidung die Beine (Choreografie: Simon Eichenberger), die Musik (Musikalische Leitung/Klavier: Christian Frank) brandet hoch. Das alles ist nicht ganz so stürmisch, aber doch einigermaßen witzig, wenn auch zu lang – an die drei Stunden, das artet in Arbeit aus.

Käfig die Zwei jpg xx 
Michael Dangl, Herbert Föttinger / Foto: Barbara Zeininger

Für den Georges ist Herbert Föttinger eine Idealbesetzung, routiniert-schmierig als Conferencier im Nachtclub, pointiert-gequält als liebender Gatte, der unter den Launen seiner privaten Diva leidet. Als Sänger kommt er über die Runden, besser jedenfalls als Michael Dangl, der zwei Rollen spielt: einen vorzüglichen Albin, den Transvestiten als Menschen, der Mann, der bis in die Fingerspitzen eine Frau ist – glänzend, brillant, liebenswert. Und dann Zaza. Die ist keine Sensation. Weniger eine schillernde Pflanze der Nacht als eine betuliche Marianne Mendt (der Dangl als Zaza optisch erstaunlich gleicht). Und mit dem Singen klappt es auch nicht so recht – es sei denn, das Distonieren ist ein absichtlicher Effekt.

Martin Niedermair bietet (inklusive nacktem Po) den exzentrischen Butler, der eigentlich eine Zofe sein will, hüftenwackelnd und mit russischem Akzent. Doppelte Gelegenheit, sich zu profilieren, bekommen Peter Scholz und Alexandra Krismer (sie war noch nie so komisch) – zuerst als braves Kaffeehausbesitzerpaar, dann als der eklige Politiker (er wird schwer bestraft!) und dessen scheinbar überreligiöse Frau. Das junge Paar, um das es zwischen diesen „Erwachsenen“ geht, bleibt in Gestalt von Niklas Abel und Sarah Baum eher blaß, aber das liegt schon am Stück. Wie viel man aus nichts machen kann, zeigt allerdings Ljubiša Lupo Grujčić als Inspizient.

Bleibt Susa Meyer, die dankenswerterweise vom Volkstheater in die Josefstadt überwechseln konnte, aber keinen strahlenden Einstand bekam: Sie, die als Musicalstar alle, die da auf der Bühne stehen, mühelos in den Sack stecken würde, darf einmal zweite Stimme zu jemandem singen, der es nicht annähernd so gut kann wie sie, und im übrigen kurze Zeit im Abendkleid attraktiv herumstehen. Nun, es werden sich andere Rollen finden.

Dass der „Käfig voller Narren“ seine Lacher bekommt, ist klar. Darum muss dem Direktor nicht bange sein.

Renate Wagner

 

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