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WIEN / Kammerspiele: KUNST

20.02.2014 | Allgemein, Theater

  Kammerspiele KunstKUNST 
Fotos: Josefstadt / Erich Reismann

WIEN / Kammerspiele der Josefstadt: 
KUNST von Yasmina Reza
Premiere: 20. Februar 2014,
besucht wurde die Generalprobe  

Der leise „Kinder, wie die Zeit vergeht“-Seufzer ist nicht zu vermeiden. Zumindest wenn man zu jenen Leuten gehört, die sich an die erste Begegnung mit Yamina Rezas „Kunst“, damals im Rabenhof der Josefstadt (längst vom Haus aufgegeben und mittlerweile eine eigene Spielstätte mit eigenem Publikum), erinnern. War das wirklich im April 1996, also vor 18 Jahren? Damals galt es auch Yasmina Reza, die französische Perserin oder persische Französin zu entdecken, von der man damals noch nicht wusste, dass ihr (obwohl zumindest „Der Gott des Gemetzels“ ein großer Erfolg wurde) nie mehr etwas gelingen würde wie dieser Erstling von 1994, das Drei-Mann-Stück…

Damals sah man es auch noch anders. Damals war tatsächlich die titelgebende „Kunst“ das Thema, war das „weiße“ Gemälde, für das der Dermatologe Serge ein Vermögen von 200.000 (damals waren es noch keine Euro, aber teuer genug) ausgibt, auch eine Provokation für das Publikum. Man muss sich erinnern, dass immerhin der viel gelesene (und stockkonservative) Ephraim Kishon 1995 mit dem Buch „Picasso war kein Scharlatan“ seine  „Randbemerkungen zur modernen Kunst“ kundgetan hatte (und natürlich gab er keinen Furz auf die Modernen). Und man konnte sich damals noch darüber ereifern, ob ein weißes Gemälde (dergleichen hängt monochrom in anderen Farben in Museen!) Kunst sei oder einfach Bluff, Frechheit, Provokation, Spekulation mit der Dummheit, des Kaisers neue Kleider… Ja, damals konnte man sich noch erregen.

Heute ist die Problematik abgekühlt. Wer noch immer skeptisch ist, hält es mit Andy Warhols unvergleichlicher (und richtiger) Formulierung: „Art is what you can get away with“ – also Kunst sei das, womit man durchkommt (es nämlich für Kunst zu deklarieren und zu verkaufen). Die anderen halten moderne Kunst immer noch für einen Ausdruck unserer Zeit, für eine enigmatische Herausforderung an den Betrachter, Blicke in die Seele des abgründigen Zeitgeistes und was einem immer dazu einfällt… Aber als Kunstdebatte hat „Kunst“ ausgedient.

Dennoch ist „Kunst“, von der Josefstadt nun in den Kammerspielen aus der Distanz von 18 Jahren in akkurat derselben Besetzung wie damals auf die Bühne gebracht, nach wie vor ein herrlicher Theaterabend, wenn dieser Prototyp eines „Well Made Play“ heute auch auf anderer Ebene funktioniert. Nun ist es wirklich in erster Linie ein Stück über Freundschaft, das weiße Gemälde ist nicht Selbstzweck, sondern einfach Katalysator, um Friktionen, Emotionen, Ressentiments in Bewegung zu setzen.

Drei Männer, die einander wichtig sind, fühlen sich – wie das in menschlichen Beziehungen ja fast immer so ist – von den jeweils anderen nicht genügend verstanden, anerkannt, wohl auch nicht genug geliebt. Irgendwann gibt’s Krach. Und den bringt Yasmina Reza schlechtweg hinreißend auf die Bühne.

KUNST  KUNST

Vor knapp zwei Jahrzehnten waren die drei Darsteller in ihren Dreißigern. Heute sind sie in ihren Fünfzigern, wenn man auch allen Dreien ohne Schmeichelei sagen kann, dass sie sanft gealtert sind – bei keinem würde man an einen „älteren Herren“ denken, nicht einmal die „besten Jahre“ fielen einem schon ein. Sie sind späte Jung Gebliebene. Und sie passen absolut perfekt in ihre Rollen.

Herbert Föttinger als der Dermatologe Serge hat das Bild gekauft. Er ist der Geschniegeltste unter ihnen, der Verdacht, dass er doch in tiefster Seele ein Angeber ist (und nicht nur ein gänzlich ernsthafter, ehrlicher Bewunderer moderner Kunst), liegt nahe. Er mag seine Freunde, mag aber auch den Status, der wohlhabendste und erfolgreichste unter ihnen zu sein. Und sucht die Anerkennung dafür.

André Pohl ist Marc, der Intellektuelle, der sich gerne überlegen fühlen möchte. Dass er trotzdem nicht unsympathisch wird und dass er mit aufrichtig verwundetem Herzen um seine Freundschaft kämpft, macht seine Leistung so wunderbar.

Aber die beste Rolle ist natürlich Yvan, der naive Underdog, und wie Martin Zauner hier immer liebenswürdig sein will (weil er es eben ist) und dabei Gefahr läuft, zwischen den beiden anderen starken Persönlichkeiten zerrieben zu werden, ist einfach hinreißend. Jeder will ihn auf seine Seite ziehen, er möchte keinen der Freunde verraten, und wenn er Pech hat, fungiert er als Punchingball und wird von beiden geprügelt. Kein Wunder, dass ihm manchmal die Tränen kommen, und da gibt es dann im allgemeinen brüllenden Gelächter tatsächlich Elemente der Rührung…

Folke Braband hat in der schlichten, stimmigen Ausstattung von Ulf Stengl inszeniert, punktgenau auf Pointen und Emotionen – wenn man da die drei Richtigen loslässt, dann kann einfach nichts passieren. Vielmehr: nur Gutes.

Renate Wagner

 

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