Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Kammeroper: VERKEHR MIT GESPENSTERN

05.12.2012 | Oper

 Foto: Barbara Zeininger

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien:
VERKEHR MIT GESPENSTERN von Hans-Jürgen von Bose
Uraufführung / Auftragswerk des Theaters an der Wien
Premiere: 5. Dezember 2012   

Dem breiten Wiener Publikum mag der 1953 in München geborene Komponist Hans-Jürgen von Bose nicht unbedingt ein Begriff sein – keines seiner bisherigen Bühnenwerke hat uns erreicht -, aber der Leitung des Theaters an der Wien sehr wohl. Sonst hätte man ihn wohl nicht beauftragt, für die Kammeroper ein „Kammer-Musiktheater“ zu schreiben. Bose hat sich, wie man dem Programmheft entnimmt, bisher meist von Dichtung inspirieren lassen – ob Goethe oder Hans Henny Jahnn, ob Federico Garcia Lorca oder Kurt Vonnegut. Vor allem aber von Franz Kafka.

Seine letzten Uraufführungen galten Texten dieses Dichters, und tatsächlich kann Bose zu Kafka viereinhalb komponierte Stunden Musik anbieten, in verschiedensten Besetzungs-Formationen. Dieser „Pool“ steht zur Verfügung, sich selbst einen Abend zusammen zu stellen. Wien bekam nun 70minütig den „Verkehr mit Gespenstern“, der literarische Kafka-Texte mit Tagebüchern und Briefen des Dichters verbindet.

Die „Musik“ die hier zu zwei Sängerdarstellern (ein Countertenor, ein Bariton) aufgewendet wird, besteht aus begleitenden Stücken für Cello und Akkordeon, teils allein, teils gemeinsam, und die beiden Musiker müssen auch manchmal als Sprechstimmen zur Verfügung stehen. Sie sind an den Seiten der Bühne postiert und bieten weniger eigenständig „Musik“ als illustrative Begleitung zu den Kafka-Texten.

Hier ist nun dringend die Interpretation gefordert, soll sich der Besucher etwas vorstellen können, und Peter Pawlik sorgt als Regisseur und eigener Ausstatter für möglichst viel Bewegung (warum er noch zwei Kinder auf die Bühne bringt, wird nicht wirklich klar): Mareile von Stritzky hat die beiden Herren in jene glatten, einförmigen Anzüge gesteckt, die Franz Kafka selbst immer getragen hat und die gewissermaßen zum Markenzeichen seiner geplagten Figuren geworden sind, die man gemeiniglich als „K“ kennt. Gelegentlich tragen sie eine Melone, was das Clownhafte unterstreicht – die Mischung aus Tragik und Komik war für den Komponisten bei seiner Kafka-Umsetzung entscheidend, und der Regisseur hat Bilder dafür gefunden.

Tatsächlich ergibt sich auf der Bühne ein recht überzeugendes Gespinst von „Kafkaeskem“, wenn die Herren entweder anfangs Thonet-Kleiderständer schleppen oder später Lampen herumtragen, vor allem aber nachdrücklich unter viel Papier an jenen Schreibtischen sitzen, hinter die Kafka bekanntlich selbst verbannt war und hinter denen manch einer seiner Protagonisten schmachtet. Im Miteinander und Gegeneinander artikulieren die Herren entweder Verzweiflung, Absurdes, Beschwörendes oder sie erzählen mit Kafkas eigenen Worten von dessen Seelen- bzw. Gesundheitszuständen… Ein paar Szenen folgen aufeinander, ein zwingender Zusammenhang ergibt sich nicht.

Kurz, wenn man etwas von Kafka weiß und gewissermaßen selbst ein Bild von ihm und seinem Werk hat, wird man auf der Bühne die erkennbare Umsetzung davon finden. Was derjenige Zuschauer anfängt, der sich zu Kafka wenig vorstellen kann, ist allerdings fraglich.

Tim Severloh, ein schillernder Typ, wird immer wieder in seine Countertenor-Höhen gejagt, während Bariton Falko Hönisch, gewissermaßen solider wirkend, sonor schmettern darf. So wie Luis Zorita sein Cello streicht und Martin Veszelovicz sein Akkordeon zieht und drückt, weht immer wieder ein Hauch von Parodistischem. Wo Anna Sushon, für die musikalische Leitung zuständig, sich aufhielt, konnte man rechts im Zuschauerraum nicht erkennen.

Diese Uraufführung war nun nicht das große Ereignis, aber man könnte sie als ambitionierte Kostprobe nehmen: Wenn Bose mit Orchester und in einer stringenten Dramaturgie zu einer „echten“ Kafka-Oper aufbrechen würde, wäre man am Ergebnis interessiert. Freundlicher Beifall.

Renate Wagner

Wiederholungen: 7. und 9. Dezember 2012, jeweils 19,30 Uhr in der Kammeroper am Fleischmarkt

 

 

Diese Seite drucken