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WIEN / Kammeroper: PUNCH AND JUDY

22.05.2014 | Oper

 Punch and Judy, er und sie~1 
Fotos: Neue Oper Wien / Armin Bardel

WIEN / Neue Oper Wien in der Kammeroper:
PUNCH AND JUDY von Harrison Birtwistle
Premiere: 22. Mai 2014  

Der arme Sir Harrison Birtwistle ist 2013 bei den Salzburger Festspielen mit seinem wunderbaren „Gawain“ inszenatorisch eher unglücklich behandelt worden. Weit besser ist das ausgefallen, was die Neue Oper Wien ihm gewissermaßen zum „80er“ (der am 15. Juli ansteht) bietet: eine vorzügliche Aufführung seiner Groteske (oder wollen wir es „Moritat“ nennen?) „Punch and Judy“, nach Selbstdefinition „Eine tragische Komödie oder eine  komische Tragödie in 1 Akt“. Es war, 1968 uraufgeführt, Birtwistles erste Oper.

Wir kennen die Tradition von „Punch and Judy“, englischen Puppenfiguren (die uns eher an die Welt von König Ubu erinnert) nicht, und man tut auch gut daran, das Programmheft (zumindest den Ablauf des Inhalts) vorher zu studieren, sonst kann es gut und gerne passieren, dass man über weite Stellen Bahnhof versteht. Und wie oft soll man den Zuständigen noch sagen, dass Übertitel in Hellgrau auf Schwarz kaum zu lesen sind, zumal man sie diesmal – was pro und contra argumentiert werden kann – auf Englisch hält. Die Details von Punchs wildem Leben, in dem dauernd von Mord und Totschlag die Rede ist, Gift und Dolch immer bei der Hand sind, ein Kindsmord am Beginn steht, zwischendurch ein bisschen gefoltert wird, bis man auch einer Hinrichtung durch Erhängen zusehen kann… worum es in dem wüsten Geschehens jeweils immer genau geht, wird man vielleicht nicht völlig mitbekommen.

Muss man wohl auch nicht, dann das Ganze ist stark von absurden Elementen durchsetzt, die den Zuschauer dann von der Verpflichtung, alles zu begreifen, weitgehend befreien. Es geht dann eigentlich nur darum, dass die Aufführung eine in sich stimmige Welt kreiert, und das gelingt Regisseur Leonard Prinsloo irgendwo zwischen „Sweeny Todd“ und der „Rocky Horror Picture Show“, wenn die ganz vorzügliche Ausstattung von Monika Biegler auch im Fetzenkarneval den klassischen „Gothic Horror“ beschwört (der gelegentlich auch in alten Stummfilmszenen links und rechts der Bühne auf Bildschirmen flattert – aber das hätte man eigentlich nicht gebraucht).

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Das wilde Stück für sechs Sänger (zwei Damen, vier Herren) und eine Tänzerin ist in steter Bewegung und, wie gesagt, wenn auch nicht immer selbst erklärend, so doch als atmosphärisches Ganzes ein Vergnügen. Richard Rittelmann mit seltsamem Haarschopf, klein und bissig, gibt den Punch als entschlossenes Bündel Bösartigkeit, wobei er einen Teil der Wirkung auch an den kraftvollen Bariton von Till von Orlowsky abgeben muss, der als „Choregos“ das Spiel erzählt, kommentiert und auch mitwirkt und immer wieder mit höchster Intensität (und meist auch mit ebenso hohem Hut) das Geschehen beherrscht.

Während Lorin Wey und Johannes Schwendinger aufopfernd dauernd Kostüme wechseln und alle Nebenrollen verkörpern, bekommen die Damen mehr (und viel Schrilles) zu singen: die Koreanerin Jennifer Yoon tut es mit spitzen Tönen als Pretty Polly (am Ende als „Frühling“ verkleidet und fürs Happyend sorgend, das Punch nicht wirklich verdient), die Mezzosopranistin Manuela Leonhartsberger, von der Volksoper entlehnt, legt als Judy mächtig und prächtig los. Sehr hintergründig (mit Clownsstrümpfen und Quasten am Busen) tänzelt Evamaria Mayer durch das Geschehen.

Man muss Sir Harrison Birtwistles Musik wieder einmal höchste Bewunderung zollen. Sie ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich auf sie einlässt, entwickelt sie geradezu Sucht-Charakter (sonst wäre er wohl  nicht so berühmt geworden): Diese sinnliche Mischung aus Klängen und Geräuschen, auch scheinbar ganz tonalen Passagen, die bis in die totale Kakophonie führen können – das ist magisch, und so hat es Walter Kobéra mit dem amadeus ensemble-wien auch realisiert. Welch ein Vergnügen, einmal etwas kennen zu lernen, was man auf Wiens Bühnen bisher vermisste.

Nur etwas noch, damit kein Missverständnis entsteht: Man muss für diese schräge, böse, grell-komische Welt schon Sinn haben, sonst schüttelt man vielleicht nur den Kopf und meint, da sei nichts anderes auf der Bühne ausgebrochen als der blanke Wahnsinn…

Renate Wagner

 

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