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WIEN / Kammeroper: L´HEURE ESPAGNOLE / LES MAMELLES DE TIRÉSIAS

03.06.2015 | KRITIKEN, Oper

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien:
L´HEURE ESPAGNOLE von Maurice Ravel
LES MAMELLES DE TIRÉSIAS von Francis Poulenc
Premiere: 28. Mai 2015,
besucht wurde die vierte Vorstellung am3. Juni 2015 

Beide Male Schlußbild 

Zwei Opern, ein Schlussbild  (Foto: Barbara Zeininger)

Zwei heitere französische Einakter, einer von 1911, einer von 1947 – passen sie wirklich zusammen? Nun, wie es so schön heißt: Was nicht passt, wird passend gemacht – damit die Wiener Kammeroper einen Abend hat, der ungewöhnlich genug ist und dem Wunsch „Kinder, spielt Seltenes!“ einigermaßen entspricht. Wenn Ravel und Poulenc dann zusammen kommen, die einigermaßen bekannte „L´heure espagnole“, also die „Spanische Stunde“, mit einem Werk, dessen Titel „Les mamelles de Tirésias“ schockieren soll und will – nun, „Die Brüste des Teiresias“ haben das Publikum nicht wirklich neugierig gemacht und angezogen: Die vierte Vorstellung war schütter besucht.

Zweimal komische Oper also, zuerst geradlinig: Bei Ravel ist man im Uhrenladen, eine verheiratete Frau gibt sich hier gleich mit zwei Liebhabern Rendezvous und nimmt sich einen dritten, weil er so schöne Muskeln hat… Eine nicht übertrieben, aber einigermaßen unterhaltende Stunde mit schöner, singbarer Musik.

 Poulenc_GanyaBengurAkselrod Busenhalter
Gan-ya Ben-gur Akselrod im Büstenhalter-Streik (Foto: Barbara Zeininger)

Bei Francis Poulenc wird es dann, zu einem Text von Guillaume Apollinaire, nach allen Regeln absurd – dadaistisch absurd, wenn auch ein paar Jahrzehnte verspätet (erfunden wurde die Bewegung, die man hier so schön zitiert, ja schon während des Ersten Weltkriegs). Eine Geschichte, die so verrückt ist, wie sie klingt – Ehefrau Therese streikt wie weiland Lysistrata, geht aber in der Verweigerung von Sex und Kinderkriegen noch viel weiter, will sich ihrer Brüste entledigen (Gott sei Dank tut’s auf der Bühne ein Büstenhalter) und zum Mann werden. Worauf die Männer zu Frauen mutieren und irgendwas missverstehen: Sie kriegen nämlich so viele Kinder (in die Zehntausende), dass Zanzibar, wo die Geschichte spielt, sie gar nicht mehr ernähren kann. Nach ein paar grotesken Drehungen und Wendungen kehrt man zur alten Ordnung zurück, die Rebellion ist ausgestanden.

Lohnt sie sich? Inhaltlich nicht unbedingt – so schematisch der Ravel als Geschichte ist, so dümmlich ist die Poulenc-Vorgabe. Wieder rettet die Musik das Unternehmen, ein tonal eklektizistisches Konglomerat von sehr vielen Elementen, das sich gut anhört. Und das Wiener Kammerorchester mit Gelsomino Rocco am Pult machte seine Sache ausgezeichnet.

 Ravel, ganze Bühne
(Foto: Barbara Zeininger)

Die Mühe mit dem Abend hatte Regisseur Philipp M. Krenn, und man beneidet ihn nicht eine Zehntelsekunde darum. Die „Spanische Stunde“ läuft vor einem teils gezeichneten, teils gebauten, mittelmäßig witzigen Bühnenbild von Uta Gruber-Ballehr an: Man hat schon nicht verstanden, als jemand radebrechend verkündete, man sähe bitte jetzt nur die Generalprobe des Abends. Wenn dann das „Personal“ (darunter offenbar eine beflissene Regieassistentin) immer wieder auftaucht und der „Regisseur“ ein paar Mal Krach macht, empfindet man es nur als störend – besser macht es die Sache keineswegs, tatsächlich fällt der erste Teil des Abends regelrecht hölzern statt beschwingt aus.

Wenn der zweite Teil anhebt, der eine künstliche Theatersituation schon vom Libretto her beinhaltet – das Publikum bekommt das Stück expressis verbis quasi als moralische Geschichte angekündigt -, dann merkt man, dass Regisseur und Regieassistentin des ersten Stücks jetzt als Held und Heldin mitspielen, als die widerspenstige Therese und ihr verärgerter Gatte.

 Poulenc ganz
(Foto: Barbara Zeininger)

Was sich nun, in einer „Hinter der Bühne“-Szenerie tut, muss, ja soll nicht einmal logisch sein (der Text warnt regelrecht davor), und so ist es eigentlich egal, was die Protagonisten machen, die hier noch von einem Chor verstärkt sind (wie meist muss der Arnold Schoenberg Chor,  einstudiert von Erwin Ortner, ganz schön „mitspielen“, hier als Bühnenpersonal). Am Ende schafft es die Regie, dass Teile der Ravel-Szenerie herbei geschleppt werden und das Schlussbild genau so aussieht wie im ersten Teil.

Im Detail kapiert man ohnedies nicht, was das alles soll, die Übertitel sind wie üblich nicht zu lesen (kann sich nicht einmal jemand darum kümmern, dass die Schrift nicht so hell ist, dass Lesen unmöglich wird?), und der Text verkündet als Motto mehrfach, Hauptsache es sei etwas los. Nun, im zweiten Teil ist was los, aber doch nicht so, dass man das Gefühl ganz los würde, die Kenntnis dieses Werks sei eigentlich entbehrlich…

Im ersten Stück ist Natalia Kawalek stimmpotent und überdeutlich sexbetont, im zweiten Teil verwaltet Gan-ya Ben-gur Akselrod mit vielen spitzen Tönen amüsant ihren Protest. Aus der Herrenriege lässt beide Male der Bariton von Tobias Greenhalgh aufhorchen, die Hauptrolle des zur Frau mutierten Gatten liegt bei Poulenc allerdings bei Ben Connor. Das internationale Ensemble beinhaltet noch einen durchdringenden Tenor (Vladimir Dmitruk), einen mit etwas angenehmerem Timbre (Julian Henao Gonzalez) und einen schönen Baß (Christoph Seidl).

Der Abend war nicht wirklich überzeugend und das Publikum wirkte nicht wirklich überzeugt. Es gab höflich- freundlichen Applaus.

Renate Wagner

 

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