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WIEN / Kammeroper: DIE ZAUBERINSEL

10.10.2018 | KRITIKEN, Oper

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Fotos: Theater an der Wien / Herwig Prammer

WIEN / Kammeroper des Theaters an der Wien:
DIE ZAUBERINSEL
Ein Opernpasticcio von Jean Renshaw und Dieter Senft
Musik von Henry Purcell
Premiere: 29. September 2018,
besucht wurde die Vorstellung am 9. Oktober 2018

Was ein Pasticcio ist, weiß man mittlerweile – man jongliert Vorhandenes herum, setzt es nach Belieben zusammen und macht etwas Neues daraus, das dann notabene so neu nicht ist. In diesem Fall hat das Theater an der Wien von der englischen Theatermacherin Jean Renshaw einen Purcell-Abend bestellt – und sie machte Shakespeares „Sturm“. Nicht die originellste Idee, zumal, wenn man mit dem „Tempest“ von Thomas Adès doch vor nicht allzu langer Zeit eine sehr überzeugende neue Fassung des Stoffes gesehen hat. Allerdings ist das Argument der Autorin / Regisseurin zwingend: Etwas Besseres könne einem nicht einfallen.

Allerdings ist Shakespeares „Sturm“ schon sehr oft bearbeitet und entsprechend verändert worden, und Jean Renshaw bediente sich da an vielen Vorbildern. Dennoch hängt dramaturgisch einiges an der gebotenen Geschichte (mit ihren vollen drei Stunden Dauer) schief. Prospero dominiert nur am Anfang und am Ende, dazwischen tritt er (übrigens immer mit einem Schlafrock bekleidet) in den Hintergrund. Für Ariel gibt es so gut wie gar keine Rolle, für Caliban (von einem Tänzer dargestellt) eine eher geringe – er hat sich hauptsächlich mit dem Säufer Trincola abzugeben, der auch mit dem Schiffbruch auf die Insel kommt, und den er nicht nur turnerisch durchs Geschehen schleppt, sondern auch mit einer lebensgroßen weichen Frauenpuppe (zu Sexzwecken) versorgt.

Im übrigen konzentriert sich die Handlung, die das Shakespeare-Personal auf ein Minimum reduziert, um es dann wieder aufzufetten, auf die Liebesgeschichte. Hier hat man dann – offenbar unter dem Motto „Double your fun“ – eine Zwillingsschwester für Miranda, genannt Dorinda, erfunden, und auch Ferdinand, der von Prosperos „Sturm“ auf die Insel angespült wird, hat einen Bruder namens Hippolito bekommen, damit dann das doppelte Happyend funktioniert. Die jungen Leute dürfen auch ausführlich zeigen, wie gut ihnen der Sex gefallen hat – samt „Zigarette danach“ (pfui, was werden die Anti-Rauchen-Volksbegehrer sagen!).

Vor dem Happyend muss noch ein Mord nach dem anderen stattfinden – nachdem Hippolito eher undurchsichtig scheinbar zu Tode gekommen ist, erschießt Prospero gefühlt ein Dutzend Male Ferdinand, was sagenhaft dumm wirkt, bis sich alles (wir sind auf einer Zauberinsel) gut löst. Da wackelt der Abend dramaturgisch schon gewaltig, und bis vor dem Ende der Auszug aller stattfindet (nur Prospero und Caliban bleiben auf der Insel zurück), zieht es sich gewaltig. Wieder ein gefühltes Dutzend Mal könnte die Sache zu Ende sein, und es wird noch und noch etwas darauf gesetzt… Man kann sich schwer vorstellen, dass dieses an der Kammeroper uraufgeführte Pasticcio zum Repertoirestück wird.

Die Inszenierung von Jean Renshaw lebt von der Ausstattung, sprich vor allem dem Bühnenbild von Christof Cremer (die Kostüme sind ein buntes Durcheinander): Da steht Prospero zu Beginn vor einer die ganze Bühne ausfüllenden, anheimelnden Bücherwand, und es ist fast schmerzlich mit anzusehen, wie diese im Laufe des Abends „demoliert“ wird, bis nichts mehr davon übrig ist. Immerhin bewährt sich die Wand in ihren verschiedenen Stadien immerhin als „Turngerät“ für die Beteiligten. Die Regie hat im übrigen in der Personenführung starke Momente und immer wieder viel Humor, kümmert sich allerdings nicht durchwegs um die Logik des Ganzen…

Wenn man es genau nimmt, ist der Abend ja nur ein Vorwand, jede Menge schöner Purcell-Musik zusammen zu stellen, wobei nicht nur dessen eigener „Tempest“ Stücke liefert, sondern viele seiner bekannten Werke, von der „Fairy Queen“ bis „King Arthur“. Das hat Markellos Chryssicos am Pult des höchst kompetenten Bach Consort Wien schön zum Erklingen gebracht.

Bei den Sängern überzeugten die Herren mehr als die Damen, vor allem Kristján Jóhannesson, junger Mann glaubhaft „auf alt“ getrimmt, als Prospero. Würde, Zorn, Rache, große Gefühle – und eine markige, kraftvolle, interessant rau klingende Baritonstimme. Der Österreicher Johannes Bamberger (Ferdinand) hat einen so schönen Mozart-Tenor und eine bestechende Technik noch dazu, dass man ihn schleunigst in den großen Mozart-Rollen hören will. Prächtig ist der Baß des Dumitru Madarašan (Trincola), und in Riccardo Angelo Strano (neben dem Tänzer der einzige Mitwirkende des Abends, der nicht zum „Jungen Ensemble“ des Theaters an der Wien gehört) lernte man einen Counter kennen, der ausgesprochen angenehm klang – was ja, wie man weiß, nicht unbedingt die Regel ist. Und um bei den Herren zu bleiben: Als Caliban turnte der Prager Tänzer Martin Dvořák, als Conchita-Verschnitt verkleidet, temperamentvoll herum.

Bei den Damen hatte die Mezzosopranistin Tatiana Kuryatnikova als Ariel so wenig zu tun, dass ein Urteil schwer fällt. Die beiden Schwestern, Jenna Siladie als Miranda und Ilona Revolskaya als Dorinda, wetteiferten in Stimmschärfe (Letztere gewann), wurden aber auch stark gefordert.

Drei Stunden, nicht immer mühelos, aber das Publikum war entzückt. Es wird auch niemand abstreiten, dass der Abend streckenweise seinen Reiz hatte.

Renate Wagner

 

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