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WIEN/ Kammeroper: BAJAZET – Antonio Vivaldis Pasticchio. Musikalisch fabelhaft

03.10.2020 | Oper in Österreich


Kristján Jóhannesson. Copyright: Herwig Prammer

WIEN / Kammeroper: ANTONIO VIVALDIS Pasticchio „BAJAZET“

Musikalisch fabelhaft

2.10. 2020 – 4. Aufführung der Neuinszenierung

Karl Masek

Die Bühne: ein stilisiertes Schallplattenstudio, steril, fensterlos. SILENZIO steht unmissverständlich zu lesen. 6 SängerInnen tragen eine Menge Utensilien herein. Das wird man alles für ein aufzunehmendes Hörspiel brauchen. Sand wird verstreut. Eine kleine Art Aquarium, mit Wasser gefüllt, braucht man für einschlägige Geräusche („Am Boot auf dem Euphrat“).  Rotlicht für „Aufnahme“. Grundidee : bestechend. Ein corona-bedingter Genieblitz, um durch ein Einheitsbühnenbild  eine 2-stündige, pausenlose Aufführung zustande zu bringen?

Doch man stutzt: War da nicht schon einmal so ein Regieeinfall in einer ganz anderen Oper? Klar, da war einmal was mit „Frau ohne Schatten“! Salzburger Festspiele 2011. Christof Loy hatte damals die Handlung in ein Schallplattenstudio der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts verlegt und die damalige Karl-Böhm-Aufnahme zum Vorbild genommen. Da wurden die Sofiensäle aufgebaut. Peinlich nur, dass die von Loy gemeinte Aufnahme im Musikvereinssaal stattfand!

Das Konzept des polnischen Regisseurs Krystian Lada: Das Ensemble  nimmt eine Vivaldi-Oper auf, besser gesagt, ein Pasticchio mit eingebauten Arien von Johann Adolf Hasse, Geminiano Giacomelli und Riccardo Broschi. Sie standen der Konkurrenz des „Roten Priesters“ aus Venedig, der neapolitanischen Schule, nahe. Sorgfältig zusammengestellt und bearbeitet hat Antonio Vivaldi diese g’schmackige musikalische „Pastete“. „Bajazet“, uraufgeführt 1735 in Verona. (Die Wiener Erstaufführung fand übrigens erst im Jänner 2006 im Konzerthaus, anlässlich des Festivals „RESONANZEN“, statt).

Bevor es zur dazu erfundenen Rahmenhandlung geht, der ursprüngliche Handlungsstrang. Der türkische Sultan Bajazet wird vom Tartarenherrscher Timur  (bei Vivaldi und auch bei Georg Friedrich Händel heißt er „Tamerlano“) besiegt und zusammen mit seiner Tochter Asteria gefangen genommen. Und damit beginnen die typisch barocken Konflikte, Wirrnisse und emotionalen Achterbahnfahrten  um diese beiden Herrscher. Asteria liebt ausgerechnet einen Vertrauten des Tamerlano, den griechischen Prinzen Andronico. Doch auch Tamerlano verguckt sich in die schöne Asteria, und löst dafür sogar seine Verlobung mit Irene, einer Prinzessin von Trapezunt. Das alles, um seinen Widersacher Bajazet weiter zu demütigen. Asteria, nun die Braut wider Willen, versucht sich des brutalen Psychopathen Tamerlano zu entledigen. Zweifacher Mordversuch misslingt. Bajazet will der Bestrafung durch Tamerlano entgehen, zugleich seine Tochter schützen und vergiftet sich selbst. Asteria will nun auch sterben, aber Tamerlano hat nun Mitleid mit ihr.

Beim schlussendlichen lieto fine (das gilt nicht für den bemitleidenswerten Bajazet nun nicht mehr, doch Überraschung: Für das Schluss-Sextett steht er von den Toten auf!)  kriegt Prinz Andronico endlich die geliebte  Asteria – die beiden erhalten sogar den Thron von Byzanz und der geläuterte Tamerlano macht seine Entlobung mit Prinzessin Irene rückgängig.

Der Trick mit der Rahmenhandlung: Die Sänger singen nicht nur ihre Rollen für die Schallplattenaufnahme, sie haben auch ihre ganz eigenen Vergangenheiten, Befindlichkeiten und Emotionen. Dies alles führt dazu, dass sich Liebe, Hass, Eifersucht, Hysterie, psychische Ausnahmezustände immer mehr Bahn brechen. Und nun werden die Rollen mit thrillerhafter Spannung gespielt. Tolle Lichteffekte (Franz Tscheck) in der Bühnenbildlösung voller Eiseskälte (Didzis Jaunzems), kleidsam die modernen Kostüme (Natalia Katamikado).

Das anfangs grotesk-Verspielte (der Umgang mit den Geräuschinstrumenten, das Plätschern des Euphrat wird mit Kochlöffeln erzeugt,…) kippt sehr bald in brutalen Ernst und emotionale Schlachten. Wobei Krystian Lada eindrucksvoll zeigt, was er an Qualitäten der Personenführung draufhat. Eine singdarstellerische Meisterleistung kam von allen 6 Protagonisten dieses Abends.

Kristján Jóhannesson war mit fulminantem Donnerton der bass-baritonale Bajazet. Der isländische Hüne von schätzungsweise 2 Metern Höhe beherrschte auch mit wilder Optik die Bühne. Auch wenn er barocke Koloraturen immer noch mit verblüffender Leichtigkeit bewältigt: Da wetterleuchten bereits viele Rollen des dramatischen Baritonfachs. Kraftstrotzende Höhen, gleichzeitig profunde Basstöne. Man sieht gespannt in die Zukunft!

Der polnische Countertenor Rafal Tomkiewicz lieferte ein packendes Porträt einer narzisstischen Persönlichkeit und eines  irren Psychopathen, der mit Schwertern fuchtelt und  ob seiner Unberechenbarkeit so gefährlich ist. Sein Countertenor hat mannigfaltige Farben und spielt virtuos die heiklen Grenzbereiche zwischen Kopf – und Brustregister aus.

Durch die Bank höchst erfreulich die vier Mitglieder des Jungen Ensembles des Theaters an der Wien!

Prinz Andronico war der US-amerikanische Tenor Andrew Morstein. Auf solidem, beinahe  baritonalem Fundament  geht es weiter in den „zweiten, dritten, vierten“ Stock mit bombensicheren Höhen und unfehlbarer Sicherheit auch bei den wildesten Intervallsprüngen. Einer dieser vielen amerikanischen Tenöre, die so überhaupt keine Nerven zu haben scheinen: Eine gelungene Talentprobe!

Bajazets Tochter Asteria bekam durch den deutschen Mezzosopran Sofia Vinnik satte Klangfarben und weiche Sinnlichkeit. Als „weitergereichte“ Prinzessin Irene überzeugte die russische Sopranistin Valentina Petraeva mit feinen Legatobögen, kraftvollen Steigerungen und einem ausdrucksstarken Leidenston.


Foto: Herwig Prammer

Und dann horchte man auf, als die „Aufahmeassistentin“ mit Rollennamen „Idaspe“, welche die längste Zeit mit aller Gemütsruhe und ästhetischer Körpersprache  allerlei Tätigkeiten verrichtete, endlich ihre erste Arie sang: Betörend schwebte  dieser glockige, seidenweiche und warm getönte Jungmädchen-Sopran  seraphisch und schwerelos bis in geradezu himmlische  Höhen. Ihr Name: Miriam Kutrowatz. Ich gebe der jungen Wienerin, übrigens Preisträgerin beim renommierten Innsbrucker Cesti-Wettbewerb 2019, sehr gute Karrierechancen, wenn diese besondere Stimme behutsam aufgebaut und geführt wird!

Einmal mehr eine fabelhafte Wiedergabe eines der meisterhaften Vivaldi-Pasticchios ist dem Bach Consort Wien da gelungen. Ein Ensemble, das mit Klangpracht und exzeptioneller Spielfreude aus der Wiener Barockszene nicht mehr wegzudenken ist. Der Debütant an der Wiener Kammeroper, Roger Díaz-Cajamarca, hat sich am Pult sehr gut eingeführt. Der Kolumbianer hat sich bereits am Theater an der Wien als Choreinstudierer und Assistent von Erwin Ortner beim Arnold Schoenberg Chor seine Sporen verdient.

Starke, ausdauernde Akklamation!                                                                         

Karl Masek

 

 

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